Frau Imboden, weil Sie den Berner Sektionssekretär Roland Herzog abgesetzt haben, streikten Unia-Mitarbeiter. Jetzt treten Sie als Co-Leiterin der Berner Unia zurück, und Herzog bleibt auf seinem Posten. Ist die Aktion Ihrer Mitarbeiter ein Beispiel für einen erfolgreichen Streik?
Natalie Imboden: Streik ist ein legitimes Mittel, um Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Hier ging es um einen personellen Entscheid, der auf Unverständnis stiess. Streik ist deshalb der falsche Begriff. Meuterei trifft es besser. Dass sie erfolgreich war, werte ich insgesamt als kein gutes Zeichen für eine Gewerkschaft als demokratische, soziale Organisation, die eine Zukunftsperspektive haben will.

Sie sind angetreten, um die Unia zu demokratisieren, «Gewerkschaft von unten» lautete Ihr Schlagwort. Jetzt wurden Sie von den eigenen Mitarbeitern aus dem Amt vertrieben. Die Ironie des Schicksals?
Gewerkschaft von unten – damit ist die stärkere Einbindung der Basis gemeint, die Stärkung der Vertrauensleute vor Ort in den Betrieben. Ich bin zusammen mit Udo Michel als Co-Leiter der Unia Bern 2009 angetreten, um diesen Prozess voranzutreiben. Wenn Unia-Mitarbeiter das Konzept der «Gewerkschaft von unten» für sich in Anspruch nehmen, ist das eine Pervertierung des Begriffs. Die Mitarbeiter stehen im Dienst der Mitglieder, nicht umgekehrt. Der Aufstand gegen meine Person ist deshalb weniger Schicksal als vielmehr ein Ablenkungsmanöver.

Wovon soll abgelenkt werden?
Die beiden Sektionen Bern und Oberaargau-Emmental haben strukturelle Probleme und sind schlecht aufgestellt. Sie verzeichneten in den letzten sechs Jahren einen Mitgliederschwund von 10 Prozent. In diesen beiden Sektionen wurde gegen die Absetzung des Berner Sektionsleiters gestreikt. Die dritte Sektion Berner Oberland verzeichnet einen Mitgliederzuwachs. Dort hat niemand gestreikt.

Sie haben sich während und nach dem Streik nie öffentlich geäussert. Warum reden Sie jetzt?
Mitgliederschwund ist für eine Mitgliederorganisation wie die Unia eine bedrohliche Entwicklung. Um dagegen vorzugehen, muss sich die Unia gegenüber dem Dienstleistungssektor öffnen, insbesondere auch gegenüber den Frauen. Dieses Konzept haben mein CoLeiter und ich vorangetrieben. Es wird im Berner Oberland erfolgreich umgesetzt. Die Sektionen Bern und Oberaargau-Emmental haben sich dagegen gewehrt und zur Demokratiebewegung von unten umgedeutet. Das ist aus zweifacher Sicht ein Problem. Erstens steckt dahinter die Haltung: Es muss alles so bleiben, wie es ist. Damit hat die Unia keine Zukunft. Und zweitens wird es als Sieg der Demokratie gefeiert, als Sieg der Basis, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Wie meinen Sie das?
2008 hat der Unia-Kongress als oberstes Organ der Gewerkschaft beschlossen, die Sektionen müssten wachsen. Am Kongress im Dezember 2010 scheiterte der Antrag der beiden Sektionen Bern und Oberaargau-Emmental, den Sektionen solle mehr Autonomie gewährt werden. Diese beiden Sektionen halten sich nicht an die Spielregeln, die von der nationalen Basis als oberstem Gremium demokratisch entschieden wurden.

Roland «Duke» Herzog führe seine Sektion wie ein König, sagen selbst nationale Gewerkschafter. Sind Sie als seine Vorgesetzte das Mobbing-Opfer eines Mitarbeiters?
Ich würde nicht von Mobbing sprechen, sondern von Obstruktion. Ich habe die Co-Leitung nicht übernommen, um das Elend zu verwalten, sondern wollte etwas bewegen. Das hat eine Gegenreaktion ausgelöst, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Roland Herzog Mühe hatte mit einer jüngeren Frau als seiner Vorgesetzten. Ihm hat in der internen und öffentlichen Wahrnehmung geholfen, dass er dem Archetypus eines Gewerkschafters entspricht: schon älter, mit weissem Bart. Ich war die junge Frau, die Reformen verlangt und klare Zielvorgaben macht. Deshalb bin ich wohl auch stärker ins Kreuzfeuer geraten als mein Co-Leiter Udo Michel, der mich jedoch unterstützt hat.

Sind die Gewerkschaften frauenfeindlich?
Nein, aber die Unia kämpft mit den gleichen Problemen wie die Privatwirtschaft. Theoretisch sollen Frauen gefördert werden, praktisch werden sie schnell zur Bedrohung, besonders wenn sie Führungspositionen einnehmen. Nach meinem Rücktritt arbeiten schweizweit gerade noch zwei Frauen als Unia-Regionalsekretärinnen. Es ist auch eine Frage des Kulturwandels. Herzog war sieben Tage die Woche im Büro, praktisch Tag und Nacht. Ich habe einen zweijährigen Sohn. Deshalb das Jobsharing in einer Co-Leitung. Wir wollten neue Wege gehen und wurden vom «Old Boys Network» ausgebremst.

Ein «Old Boys Network» aus alten Gewerkschaftern, die den Wandel verhindern?
Unter den Gewerkschaftern hat es rote Patriarchen. Gewerkschafter aus der 68er-Bewegung, die 20, 30 Jahre die Gewerkschaft geprägt haben, jetzt vor der Ablösung stehen und sich dagegen wehren. Mein Rücktritt ist hoffentlich nur ein Zwischentief. Die Zukunft der Gewerkschaft ist weiblich, daran gibt es keinen Zweifel. Heute sind zwar noch 80 Prozent der Mitglieder Männer, aber längst nicht mehr alle sind Bauarbeiter oder in der Industrie tätig. Das Potenzial liegt bei den Frauen im Dienstleistungssektor, der bisher praktisch nicht gewerkschaftlich organisiert ist. Das ändert auch die Gewerkschaftsarbeit, weil Frauen oft abends oder an Samstagen arbeiten und sich eine erfolgreiche Gewerkschaft anpassen muss.

Im Streit zwischen Ihnen und Herzog hat Co-Präsident Renzo Ambrosetti vermittelt. Mit dem Resultat, dass Herzog seinen Posten behalten konnte. Ist Ihre Kritik an gewerkschaftlichen Männerbünden auch an die nationale Führung gerichtet?
Es ist möglich, dass dieser Umstand im Berner Konflikt eine Rolle gespielt hat. Derzeit ist eine Auseinandersetzung im Gang, wer nach 2012 die Führung der Unia übernimmt, wenn Andreas Rieger und Renzo Ambrosetti vom Präsidium zurücktreten. Gewisse Männer haben sich in den letzten Tagen als Präsident ins Spiel gebracht. Ich bin der Meinung, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo eine Frau an die Spitze der Unia gehört. Mit Vania Alleva, der Leiterin des strategisch wichtigen Dienstleistungssektors, hat die Unia eine starke Frau, die in der Basis breit abgestützt ist. Es kann sein, dass sich die Männerbünde an der Spitze deshalb gegenseitig schützen und stützen. Klar ist jedenfalls: Dieser Machtkampf lähmt die Unia.

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