Von Sandro Brotz und Nadja Pastega

Herr Dr. Kurt*, wird Ritalin zu oft verschrieben?
Es kann sein, dass es zu oft verschrieben wird. Das muss aber nicht automatisch eine missbräuchliche Verschreibung bedeuten. Entscheidend ist eine saubere Diagnostik.

Wie aber ist dann diese massive Zunahme zu erklären?
Man ging lange davon aus, dass Kinder ihr ADHS auswachsen. Doch dem ist leider nicht so. Untersuchungen zeigen, dass rund 15 Prozent dieser Kinder auch im Erwachsenenalter noch von der Erkrankung betroffen sind und deshalb weiterhin Medikamente benötigen.

Nicht nur die Anzahl verkaufter Packungen, sondern auch die verabreichte Wirkstoffmenge pro Patient ist markant gestiegen. Weshalb?
Ärzte sprechen von einer «Aufdosierung», der Verabreichung einer erhöhten Wirkstoffmenge, um das Ziel schneller zu erreichen. Ich bezweifle, ob dies der richtige Weg ist. Oft reicht eine andere medikamentöse Behandlung oder eine Anpassung des Behandlungsplanes. Da braucht es nicht sofort eine höhere Dosis.

Ritalin ist zu einem Trend-Medikament verkommen.
Das trifft teilweise zu. Ritalin läuft Gefahr, ein Lifestyle-Medikament zu werden. Das ist aber bei vielen Präparaten der Fall, die unser Leben angeblich schöner machen. Denken Sie nur an gewisse Antidepressiva oder Potenzmittel. Diese Entwicklung gilt es aufmerksam zu beobachten.

Selbsthilfegruppen kritisieren, dass die Hausärzte mit ihrer lockeren Verschreibungspraxis mitschuldig am Ritalin-Boom sind. Haben sie recht?
Ich sage klar: Ritalin ist kein harmloses Medikament. Umso wichtiger ist eine umfassende Abklärung. Wenn sich ein Hausarzt unsicher ist, sollte er fachärztliche Hilfe von Psychiatern in Anspruch nehmen.

Was kann passieren, wenn Kinder und Erwachsene diese Präparate einnehmen, ohne sie wirklich zu benötigen?
Es hat die umgekehrte Wirkung. Es beruhigt nicht, sondern macht aktiver und leistungsfähiger. Die Wirkung ist in etwa vergleichbar mit Speed. Es besteht auch die Gefahr einer Gewöhnung.

Partygänger, die Ritalin als Droge missbrauchen, sprechen von «Kokain light».
Ritalin hat eine ähnliche Wirkung wie Kokain. Die Substanz des Kokains ist allerdings gefährlicher und macht zusätzlich noch euphorisch. In Zürich und Basel wird Kokainabhängigen in ärztlich kontrollierten Programmen Ritalin abgegeben. Wie das schon bei Heroin mit Methadon der Fall ist.

Es gibt Hausärzte, die verzichten darauf, ADHS-Patienten auch eine Psychotherapie zu verschreiben. Ihre Meinung?
Das erachte ich als falsch. Meiner Meinung nach gehört zu jeder Ritalin-Abgabe auch eine psychotherapeutische Behandlung. Das ist wichtig. Mit dem Medikament alleine geht es den Patienten zwar besser, aber sie setzen sich nicht mit ihrer Krankheit auseinander.

Das Ritalin-Geschäft ist nun mal ein Big Business.
Die Pharma-Industrie will ihre Präparate verkaufen und umwirbt auch die Hausärzte. Doch reich wird eine Firma damit nicht. Wenn man von 195 Kilogramm produziertem Ritalin pro Jahr ausgeht, macht das einen Umsatz von vielleicht 16,5 Millionen Franken. Da gibt es lukrativere Produkte.

Sie haben aber das unüberschaubare Geschäft im Internet noch nicht einberechnet. Ritalin kann leicht online bestellt werden. Beunruhigt Sie das?
Ja. Ritalin wird wie zum Beispiel auch Viagra angeboten. Das Internet ist für solche Produkte prädestiniert. Ich unterstütze das nicht und bin sehr skeptisch, denn es nicht klar, was man bekommt. Das sollte man nicht unterschätzen.

Neuerdings steigt auch die Zahl der Senioren, denen Ritalin abgegeben wird. Kennen Sie dieses Phänomen?
Ich habe in Fachbüchern davon gelesen, aber es überzeugt mich nicht. Senioren sollen mit Ritalin wieder am Leben teilnehmen, rausgehen und aktiver werden. Aber oftmals reichen eine gute Pflege oder harmlosere Medikamente aus. Man sollte nicht gleich Ritalin verschreiben. Das kann zu einem hohen Blutdruck und Herzrhythmusstörungen führen, was bei älteren Menschen nicht ungefährlich ist.

*Dr. Hans Kurt ist Präsident der schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP. Er hat eine eigene Praxis in Solothurn.

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