VON SANDRO BROTZ

Noch bevor das letzte der 30 Love-Mobiles die Route von 2,4 Kilometern um das Zürcher Seebecken absolviert hat, wird das Organisationskomitee der Street Parade auch in zwei Wochen wieder stolz eine Zahl verkünden. Werden es 800000 Besucher sein? Eine Million? Oder gar 1,2 Millionen, wie sich Street-Parade-Präsident Joel Meier erhofft («Sonntag» vom 25. Juli)? Es ist ein mitunter ein medial begleiteter und ans Bizarre grenzender Wettstreit, der sich jährlich wiederholt: Wie hoch ist die Besucherzahl an der Street Parade?

Für Sicherheitsexperte Bruno Hersche ist klar: «Über eine Million Leute sind in einer Stadt bei einem schwerwiegenden Zwischenfall nicht mehr unter Kontrolle zu bringen.» Hersche ist selbstständiger Berater für Sicherheit, Krisen- und Katastrophenmanagement. Er ist Mitverfasser des österreichischen Handbuches für die Sicherheit bei Grossveranstaltungen. Als ehemaliger Offizier der Kantonspolizei Zürich (Chef Autobahnpolizei) hat er seine Erfahrungen auch bei der Ausbildung der Ordner für die Euro 08 in Wien weitergegeben.
Hersche hat für den «Sonntag» die Street-Parade-Route analysiert und folgende Schwachpunkte ausgemacht:

Quaibrücke: «Ein Engpass. Helikopterfotos aus den letzten Jahren zeigen ein respektables Gedränge. Optimierungsmöglichkeiten sehe ich bei den Verpflegungsständen zu Beginn der Brücke auf beiden Seiten. Jedes Hindernis ist kritisch und muss beseitigt werden.»

Love-Mobiles: «Wenn eines stehen bleibt, kann es zum Sicherheitsrisiko werden. Umso mehr, wenn die nachfolgende Masse nicht realisiert, was genau passiert ist, und nach vorne drückt.»

Lautsprecher: «Durchsagen im Ernstfall wären vermutlich wirkungslos, weil sich ja alle Anwesenden daran halten müssten. Das dürfte kaum passieren, wie die Erfahrung leider zeigt.» Hersche ist der Ansicht, dass sich die Organisatoren bei den Lautsprechern in einer falschen Sicherheit wiegen. Doch diese wiederholen seit der Katstrophe in Duisburg gebetsmühlenartig: «In Zürich ist ein solches Unglück nicht möglich.»

Dem widerspricht Hersche: «Auch wenn die Loveparade in Duisburg mit der Street Parade in Zürich nicht zu vergleichen ist: Es würde niemand unterschreiben, dass eine Panik in Zürich nicht passieren kann. Es gibt keine Null-RisikoGarantie.» Wenn das Risiko nach der Tragödie bei der Loveparade auf ein Minimum reduziert werden solle, so Herrsche, würde er «eine Alternative zur Umzugsroute in der Stadt bevorzugen». Das Sicherheitsrisiko ausserhalb wäre «sicher kleiner».

Der Sicherheitsprofi nennt grosse Flächen wie die Allmend Brunau oder den Militärflugplatz Dübendorf als mögliche zu prüfende Alternativen. Hersche ist sich bewusst, dass er damit in ein Wespennest sticht: «Die Stadt ist verständlicherweise nicht daran interessiert, die Street Parade nach Dübendorf zu verlegen.» Die zu Beginn bei den Stadtoberen ungeliebte Raver-Parade ist längst zu einem Millionen-Geschäft und Marketinginstrument geworden.

So ist der Aufschrei beim Mann mit der Strubbelfrisur entsprechend gross. Marek Krynski hat die Street Parade vor 18 Jahren gegründet. Der Mathematiker ist heute Risk-Manager bei einer Grossbank und sagt im grossen Interview mit dem «Sonntag» (siehe Seite 12): «Was soll eine Kundgebung auf dem Land draussen? Ein wichtiger Aspekt der Parade ist, dass man der Öffentlichkeit zeigt, wer man ist und was man macht.» Krynski sagt, er sehe nach der Katastrophe von Duisburg keine neuen Probleme, «die man nicht schon vorher kannte und nicht im Griff hätte».

Doch die Techno-Welt ist seit gestern vor einer Woche eine andere. Bei 21 Toten kann sich jeder noch so gut vorbereitete Organisator kein Restrisiko erlauben. Darum sagt Krynski zu Hersches Vorschlägen auch im Namen seiner Nachfolger bei der Street Parade 2010: «Ich bin gerne bereit, mir die Argumente anzuhören.»

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