Zerstörte Häuser und überschwemmte U-Bahn-Schächte in New York, Fluten in New Jersey und Schnee in North Carolina: Die Bilder nach dem Hurrikan «Sandy» erinnern ein wenig an den Hollywood-Katastrophenfilm «The Day After Tomorrow», der die Ostküste von einer Flutwelle überrollen und danach schockgefrieren lässt.

Tatsächlich sehen wir uns nach dem Jahrhundertsturm mit unangenehmen Fragen konfrontiert: Ist unser CO2-Ausstoss schuld an «Sandy»? Müssen wir künftig mit häufigeren Extremereignissen rechnen? Vor allem: Könnte der abrupte Klimawechsel, wie er im Hollywood-Film auf fünf Tage gerafft aufgezeigt wird, auch «in Echt» wahr werden?

Bis jetzt waren diese Chancen gering. Klimaforscher Konrad Steffen, Leiter der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), untersuchte während 20 Jahren an der Boulder University in Colorado (USA) die Gletscherschmelze und den Anstieg des Meeresspiegels. Bereits vor dem Erscheinen des Katastrophenfilms erstellte er einen Bericht zum Thema «Abrupter Klimawechsel» für das Weisse Haus. «Im Moment haben wir eine einprozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein ‹Abrupt Climate Change› eintritt», fasst er seine Erkenntnisse zusammen. Aber das dürfte sich bald ändern: «Schmelzen die Gletscher und Eisberge weiterhin immer schneller, steigt diese Wahrscheinlichkeit in den nächsten 50 bis 100 Jahren auf 15 Prozent an», sagt er heute.

Steffens Zahlen sind beängstigend. Und er ist damit nicht allein. Thomas Stocker, Berner Professor für Klima- und Umweltphysik, der eine Arbeitsgruppe des UNO Weltklimarats leitet, ist ein erklärter Gegner von dramatischen Äusserungen. Aber auch er sagt nichts Erfreuliches: «Abrupte Klimaschwankungen hat es während der letzten Eiszeit häufig gegeben, daher müssen wir damit rechnen, dass das Klimasystem Kipp-Punkte aufweisen könnte.» Ein wichtiger Kipp-Punkt sei das Abschmelzen des gesamten Grönlandeises. «Das wird wahrscheinlich nur schleichend passieren, aber einige Modelle zeigen einen ‹Point of no Return›.» Hitzeperioden, wie sie heute nur alle 20 Jahre auftreten, sagt Stocker, könnten «bis in etwa 70 Jahren jedes zweite Jahr auftreten, also um bis zu zehnmal häufiger».

Die Auslöser für eine Klimaveränderung sind äusserst komplex. Durch den rasanten Anstieg des CO2, verursacht durch die verstärkten KohlenstoffdioxidEmissionen, erwärmt sich die Erdatmosphäre und die Meerestemperatur steigt an, wodurch die Polkappen noch schneller abschmelzen.

«Wird das Meerwasser zu stark von Eiswasser versüsst, kann es im Norden schlechter absinken, dadurch werden die Energien nicht mehr richtig verteilt, und der Golfstrom fliesst verzögert», erklärt Gletscherexperte Konrad Steffen.

Dass Hurrikan «Sandy» zum derart regenreichen «Superstorm» geworden ist, hat jedoch mit der Klimaerwärmung nur indirekt zu tun. «Einzelereignisse sind natürliche Variationen, sie können nicht als Klimaveränderung bezeichnet werden», sagt Steffen. Für diesen Wirbelsturm sind vier natürliche Faktoren verantwortlich. Tatsache aber ist: Die Natur wird vom CO2-Ausstoss stark belastet, und der letzte UN-Klimabericht sagt klar, dass die Klimaerwärmung zu 95-prozentiger Sicherheit auf uns Menschen zurückzuführen ist.

Durch die globale Erwärmung steigen auch die Ozeantemperaturen. Das würde vermuten lassen, dass im wärmeren Klima auch häufiger Hurrikane auftreten. «Aber neben den Ozeantemperaturen bestimmen noch weitere Faktoren die Hurrikanentwicklung», erklärt Ulrike Lohmann, Leiterin des Instituts für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich. Deshalb sei eine Zunahme von Hurrikanen bisher weder beobachtet worden noch zu erwarten. «Allerdings werden die schlimmsten Hurrikane wahrscheinlich in ihrer Heftigkeit noch zunehmen.» Wie aber sieht das in der Schweiz aus? Hurrikane wird es aufgrund unserer geografischen Lage nie geben, da diese über dem Meer entstehen. Winterstürme wie «Lothar», der im 1999 Häuser abdeckte und Bäume umlegte, könnten aber auch bei uns künftig an Heftigkeit gewinnen. «Lothar», davon ist Lohmann überzeugt, «könnte da noch weit übertroffen werden.»

Auch wenn wir in der Schweiz nicht unmittelbar von Sturmfluten oder Wirbelstürmen betroffen sind, sind sich die Klimaforschenden einig: Handeln tut not. Falls sich der nördliche Ausläufer des Golfstroms abschwächt, wird es in Europa deutlich kühler. Erwärmt sich andererseits die Atmosphäre weiterhin um etwa fünf Grad Celsius, verwandeln sich unsere Anbauflächen in Wüsten.

«Wir bitten alle Menschen dringend, ‹Sandy› als jüngstes Zeichen dafür zu verstehen, dass die Klimaveränderung eine reelle und gefährliche Bedrohung darstellt», plädierte deshalb der WWF diese Woche in einer offiziellen Mitteilung. Vor allem die Regierenden müssten endlich ernsthafte Diskussionen darüber führen, wie sie dem Problem begegnen wollen: «Die Atmosphäre mit Kohlenstoff aufzuladen, ist, wie wenn man einen Athleten mit Steroiden vollpumpt.»

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