Die Akten des 17-jährigen Gewalttäters aus Zürich Schwamendingen füllen mehrere Bundesordner. Körperverletzung, Raub, Waffenbesitz, Drogenkonsum: Carlos*, wie er in einem SRF-Dok-Film genannt wurde, startete seine kriminelle Karriere bereits mit neun Jahren.

Jetzt zeigt ein bisher unveröffentlichter Bericht einer involvierten Sozialarbeiterin auf, wie schamlos Carlos das Justizsystem ausreizte. Seine ehemalige Betreuerin sagt: «Er ist ein Luxusgeschöpf. Nur mit Geld kann man ihn unter Kontrolle halten.» So komme beispielsweise nur Rindfleisch oder Fisch auf seinen Teller. Und er wolle sich bevorzugt mit Markenartikeln kleiden. Im Bericht, welcher der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, steht: «Er ist ein äusserst körperbewusster, muskulöser junger Mann. Er interessiert sich für Kampfsportarten und trainiert täglich mit Gewichten. Sein Idol ist Arnold Schwarzenegger.» Und er sei so «selbstverliebt», dass sogar beim Deodorant nur das Beste gut genug ist. Dieses muss nämlich von Armani sein und kostet Fr. 46.90. Natürlich alles auf Kosten des Steuerzahlers.

Erziehungsheime, Gefängnis und psychiatrische Kliniken – überall war der Sohn eines Schweizers und einer Brasilianerin in seinem jungen Leben schon. Im Bericht über Carlos ist denn auch zu lesen: «Allgemein hat er Schwierigkeiten sich an Regeln zu halten.»

Mit 15 sticht er mit einem Messer mehrmals einem damals 17-Jährigen in den Rücken. Das Opfer überlebt nur mit viel Glück und leidet heute noch an den Folgeschäden.

Doch Carlos sitzt nicht in einer Massnahme hinter Schloss und Riegel, sondern wohnt zusammen mit einer Betreuerin in einer geräumigen Vierzimmer-Wohnung in Reinach BL. Die einzige Einschränkung: ein Rayonverbot für die Stadt Zürich.

Die Tage verbringt er mit Thaiboxen. Und zwar beim zehnfachen Thaibox-Weltmeister Shemsi Beqiri, der ebenfalls mehrfach vorbestraft ist. Er ist einer von insgesamt zehn Betreuern von Carlos. Und alles zahlt der Staat. Die Kosten für Carlos: 29 000 Franken – pro Monat.

Publik wurde der Fall Carlos am vergangenen Sonntag. Kurz vor der Pensionierung des eigenwilligen leitenden Jugendanwalts Hansueli Gürber strahlte das Fernsehen ein Porträt über den 62-Jährigen aus. Gürber erzählt offen über seine zwei Frauen, fünf Kinder, 60 Schlangen und wie er mit jugendlichen Straftätern umgeht.

Als Fall präsentiert er dem Fernsehpublikum Carlos. Der Teenager ist zu sehen, wie er in einem Boxkeller auf einen Sandsack einprügelt und wie er in einer Runde mit Sozialarbeitern, Lehrern, Heilpädagogen erklärt, warum er nicht arbeiten könne: «Nein, schaffen kann ich nicht. Soll ich denn nur am Morgen und am Abend trainieren?» Er wolle nur Thaiboxen.

Wie ist es möglich, dass ein jugendlicher Straftäter eine solche Sonderbehandlung geniesst? In einzelnen Fällen lohne es sich «mehr zu investieren, um weitere Straftaten und Folgekosten zu verhindern», sagt Beat Burkhardt, leitender Jugendanwalt in Basel-Stadt und Mitglied der Schweizerische Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege (SVJ).

Wie viel in Carlos investiert wird, sorgt aber sogar in Sozialarbeiter-Kreisen für Entsetzen. Denn: Carlos stellt immer neue Forderungen, und die werden erfüllt. Sonst steigt er auf die Barrikaden. «Was er sich in den Kopf gesetzt hat, dass will er auf jeden Fall erreichen. Folglich argumentiert er – manchmal stundenlang und nervenaufreibend – bis er sein Ziel erreicht hat. Sei dies mehr Taschengeld, eine neue Hose, Freizeitaktivitäten wie Go-Kart, ein Ausflug an einen ganz bestimmten Ort oder die Beschaffung von Cannabis und Marihuana», ist im Bericht über Carlos zu lesen. Laut Informationen der «Schweiz am Sonntag» war Carlos im Juni 2011, als es zur Messerattacke kam, nicht nur bekifft. Er stand auch unter Obhut einer Institution. Und zwar in einem Wohnprojekt, das die Riesen Oggenfuss GmbH in Zürich betreut. Es ist dieselbe Organisation, die Carlos aktuell in einer Vierzimmer-Wohnung in Reinach BL untergebracht hat.

Gegründet haben die Organisation die Heilpädagogin Anna-Lisa Oggenfuss und ihr Partner, der Sozialpädagoge Rolf Riesen, vor rund drei Jahren. Der Zweck: Dienstleistungen im Zusammenhang mit beruflicher, sozialer und gesundheitlicher Reintegration. «Dabei wird durch systematisches Denken und aktives Zuhören (...) ein massgeschneiderter Plan mit klaren und sorgfältig gewählten Zielvorstellungen erarbeitet», ist auf der Homepage zu lesen. Besonderes Ziel bei Jugendlichen: «Anschluss an ein Zurechtfinden im Arbeits- und Erwerbsleben erarbeiten.» Riesen Oggenfuss betreut aktuell zehn schwersterziehbare Jugendliche. Die Kosten belaufen sich pro Jugendlichen auf bis zu 900 Franken pro Tag.

Der Fall Carlos ist zur Chefsache erklärt worden: Der Zürcher Justizdirektor Martin Graf (Grüne) hat bei der Jugendanwaltschaft einen Bericht über den Fall angefordert. Dieser sollte innerhalb von zwei Wochen vorliegen. Darin dürfte dann auch aufgeführt sein, wie sich die monatlichen Kosten von 29000 Franken für die Betreuung von Carlos zusammensetzen. Im September wird Carlos volljährig. Fest steht: Weitere Vergehen werden künftig nach dem Erwachsenenrecht geahndet. Sonderlösungen von Gürber sind ausgeschlossen.

* Name der Redaktion bekannt

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!