Rien ne va plus. Im November 2008 war Schluss. Der Immobilientreuhänder M. konnte nicht mehr kaschieren, dass er sich über Jahre massiv aus treuhänderisch geführten Kassen bedient hatte, um seine Spielsucht zu finanzieren. Er offenbarte sich seinem Geschäftspartner. Eine Prüfung ergab, dass die gemeinsame Firma Meikes Immobilien nicht zu retten war. Die Basler Staatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren.

M. besorgte die Buchhaltung zahlreicher Haus- und Stockwerkeigentümern. Diese übergaben ihm etwa die Herrschaft über ihre Erneuerungsfonds. Er kreierte Durchlaufkonten, in die nur er Einblick hatte, und bediente sich daraus. Musste nach einer Reklamation das Loch in einem Konto gestopft werden, nahm er Geld von einem anderen Konto. So steht es zumindest in der Anklageschrift, die seit November 2012 vorliegt. M. habe zwischen 1999 und 2008 mehr als 13 Millionen Franken unrechtmässig verschoben und dabei einen Schaden von 6,5 Millionen Franken verursacht. Im September verhandelt das Basler Strafgericht den Fall.

Wofür M. das Geld anfänglich nutzte, ist unklar. Die klagende Staatsanwältin Katharina Villiger meint, spätestens ab Oktober 2003 sei der Beklagte dem Glücksspiel verfallen «und wurde ständiger Gast des neu eröffneten, von der Airport Casino Basel AG geführten Spielcasinos ins Basel, wo er regelmässig hohe Summen verspielte».

Das Suchtverhalten von M. war der Staatsanwaltschaft bekannt, dennoch informierte sie weder das Spielcasino noch dessen Aufsicht, die Spielbankenkommission. Sprecher Peter Gill sagt: «Es besteht keine Anzeigepflicht.» Erst der Hinweis einer Drittperson führte dazu, dass die Spielbankenkommission im Januar 2011 ein Verfahren gegen das Airport Casino einleitete. Schon im Juni 2011 sprach die Kommission eine Sanktion von 4,9 Millionen Franken aus, wogegen das Casino beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einreichte. Das Gericht in St. Gallen kam wie zuvor die Spielbankenkommission zum Schluss, dass ein mittelschwerer, wenn nicht gar ein schwerer Verstoss gegen die Konzession vorliege.

Aufgrund einer veränderten Berechnung reduzierte das Gericht die Busse auf drei Millionen Franken. Das Urteil wurde diese Woche bekannt – ohne dass das fehlbare Spielcasino genannt wurde.

Dabei hätte der Fall bereits im September 2005 enden können: M. besuchte das Casino plötzlich extensiv und holte an der Kasse einen Gewinn von 707 105 Franken ab. Damit galt er als «Highroller» und das Casino hätte M. «zwingend» genauer prüfen müssen. Dies hält das Bundesverwaltungsgericht fest. Im Airport Casino konnte M. aber unbehelligt spielen. 2006 wurde er zu seinen Vermögensverhältnissen befragt, ohne Konsequenzen. Er sei mit seinem intakten sozialen Netz eben untypisch für einen Spielsüchtigen, begründet Verwaltungsrat und Anwalt Gert Thoenen, weshalb das Casino nicht eingegriffen habe. Zudem habe M. als «Winnertyp» gegolten, bei dem man ausging, dass er mehr Geld gewinne als verliere.

Mit 34 Millionen Franken hatte M. insgesamt die Spielmaschinen gefüttert und dabei gut 29 Millionen Franken «gewonnen». Beim Casino verblieben 4,8 Millionen, die zu 56,25 Prozent von der Steuerbehörde abgeschöpft wurden.

Das Casino hoffte dennoch, unerkannt und mit einem blauen Auge davonzukommen. Auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag» im vergangenen Herbst stellte das Airport Casino noch eine Millionensanktion in Abrede – obwohl es dafür Rückstellungen gebildet hatte. Die Casino-Anwälte von der Kanzlei Kellerhals stellten im Prozess zudem Antrag auf Verjährung und beklagten formale Fehler. Das Casino habe die «Checkliste Früherkennung» im konkreten Fall ausserdem «übererfüllt». Das Gericht liess allerdings kaum eines ihrer Argumente gelten und kürzte das Anwaltshonorar von den verlangten 203 000 auf 44 000 Franken. Dem Casino attestiert das Gericht immerhin, sich konstruktiv an der Aufklärung beteiligt zu haben.

Auf erneute Anfrage räumte Casino-Verwaltungsrat Gert Thoenen den Fall nun ohne Umschweife ein. Das Airport Casino habe sich aber ohne Zutun ein verschärftes Sozialkonzept gegeben und mittlerweile seien 4700 Spieler gesperrt worden. Ob der Entscheid vor Bundesgericht angefochten werde, sei noch offen, sagt Thoenen. Dabei werden auch prozesstaktische Überlegungen eine Rolle spielen: Haus- oder Stockwerkeigentümer, die mit M. viel Geld verloren haben, könnten nun versucht sein, sich beim Airport Casino schadlos zu halten: Nicht am Roulettetisch, sondern vor den Schranken des Zivilgerichts.

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