VON OTHMAR VON MATT

Die Titel der Reisen hören sich exotisch an. «Island und die rote Schnur» heisst einer, «Malerei vor Ort im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart» ein anderer. Weitere Titel: «Selbststudium der Werke von Geoffrey Bawas vor Ort in Sri Lanka», «Spitzbergen bei 100% Nacht und 100% Tag», «Japan-Aufenthalt zur Erkundung der japanischen Wohnkultur» und «Mit dem Frachtschiff nach Mexiko».

Die Reisen wurden für Künstler dank einem Stipendium des Kantons Bern möglich. Bern finanzierte aber auch Reisen nach Island, Nordamerika, Tschernobyl, Amsterdam und Nord- und Osteuropa. Sie kosteten alle zwischen 10150 und 20000 Franken.

Diese «fragwürdigen Reisli» sind SVP-Grossrat Thomas Fuchs ins Auge gestochen. «Schluss mit vom Steuerzahler finanzierten Reisli», schreibt er in seinen Fragen an die Berner Regierung, die er im Grossrat eingereicht hat. Darin will er wissen: Wie hoch waren die vom Kanton Bern gewährten Reisestipendien in den Jahren 2009 und 2010?

Fuchs glaubt, hier «erhebliches Sparpotenzial» geortet zu haben und fügt an: «Ziel: vollständige Streichung von Reisestipendien.» Überall werde gespart, doch bei den Reisestipendien würden Hunderttausende von Franken ausgegeben. «Wo ist da der Mehrwert für den Kanton Bern?», fragt Fuchs – und fügt hinzu: «Ist die Zitrone beim Amt für Kultur wirklich ausgepresst?»

Das Berner Amt für Kultur hingegen verteidigt die Reisestipendien. «Sie sind ein bewährtes Kulturförderungsinstrument», sagt Direktorin Anita Bernhard. Die Unterlagen, welche die Kunstschaffenden für das Stipendium einreichen müssten, würden «sehr, sehr seriös» überprüft. Seit 2005 vergibt das Amt Reisestipendien an professionelle Kunstschaffende und -vermittelnde jeden Alters aus bildender Kunst, Fotografie und Architektur.

Die Künstler müssen ihren Wohnsitz seit mindestens zwei Jahren im Kanton Bern haben. Alle zwei Jahre erteile das Amt fünf bis sechs Stipendien, sagt Bernhard. «Dafür steht uns ein Fonds von knapp 90000 Franken zur Verfügung.» Sie sieht in den Reisen sehr wohl einen Mehrwert für den Kanton Bern: «Die Kunstschaffenden präsentieren ihre Arbeiten an bedeutenden Ausstellungen im Kanton und stärken das künstlerische Ansehen des Kantons.»

Entsetzt über Fuchs’ Attacke zeigen sich die Künstler selbst, die schon in den Genuss eines Stipendiums kamen. Wie etwa Malerin Andrea Nyffeler und George J. Steinmann, der mit der Wechselbeziehung zwischen Kunst und Naturwissenschaft arbeitet. «Es erstaunt mich nicht, dass ausgerechnet Thomas Fuchs eine solche Haltung an den Tag legt», sagt Steinmann. Die Reisestipendien seien ein «grossartiges System, eine wunderbare, sehr visionäre Idee».

Steinmann: «Fuchs hat offensichtlich wenig Ahnung, was zeitgenössische Kunst bedeutet und wie sie arbeitet.» Sie basiere auf «Forschung, Expedition, Fragen», setze sich mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinander. Steinmann besuchte auf seiner Reise Urwälder in Polen, Skandinavien und Russland. «Dafür arbeitet man vernetzt mit Naturwissenschaftern, Förstern und der einheimischen Bevölkerung.»

Malerin Nyffeler nutzte das Stipendium anders. Sie reiste im Frachtschiff für vier Monate nach Mexiko. «Für mich ging es um eine Vertiefung und Bestätigung meines künstlerischen Schaffens», sagt sie. «Meine Maltradition hängt eng mit Mexiko zusammen.» Die Reise habe sie gemacht wegen der Kultur, der Rezeption der Farben, wegen des Verhältnisses zu Leben und Tod.

Dem Tod sah sie dabei näher ins Auge, als sie jemals gedacht hätte. «Das Frachtschiff sollte eigentlich in New Orleans einfahren», erzählt sie. «Doch wir gerieten mitten in den Wirbelsturm ‹Kathrina›, der New Orleans zerstörte.»

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