VON YVES CARPY UND PATRIK MÜLLER

Zwei Wochen vor der Abstimmung über die SP-Steuergerechtigkeitsinitiative machen Unternehmer, die sich sonst mit politischen Äusserungen zurückhalten, mobil gegen das Volksbegehren.

Franke-Eigentümer Michael Pieper sagte gestern zum «Sonntag»: «Ein Ja zu diesen Steuererhöhungen wäre tragisch für die Schweiz. Die Initiative bestraft Unternehmer, die ihr Geld im Unternehmen lassen.» Er selber müsste mehrere Millionen mehr Steuern zahlen.

Das hätte Konsequenzen. «Ich habe lange im Ausland gelebt, auf verschiedenen Kontinenten, dort ist es auch schön.» Er habe «Szenarien erarbeitet – für mich persönlich und auch für das Hauptquartier der Firma». Die Franke ist heute in Aarburg AG domiziliert. Auch Holcim-Hauptaktionär und Milliardär Thomas Schmidheiny will sich die Frage stellen, ob er in der Schweiz bleiben kann, wenn die Initiative angenommen würde.

Das Eis hat gestern Alfred N. Schindler gebrochen. Der in der Steueroase Hergiswil wohnhafte Hauptaktionär des gleichnamigen Liftherstellers rechnete in der «Neuen Luzerner Zeitung» vor, dass er dann 70 bis 80 Prozent seines Einkommens an den Staat abführen müsse. Für ihn «ein absolutes ‹no go›»: «Ich ziehe ins Ausland, wenn die Initiative angenommen wird.»

Es ist nicht allein die von den Initianten geforderte höhere Einkommenssteuer von mindestens 22 Prozent in allen Kantonen, welche die Grossindustriellen scheuen. Ihnen bereitet vor allem der Vermögenssteuersatz Mühe, der auf 0,5 Prozent erhöht werden soll. Damit würden Unternehmer dafür bestraft, dass sie ihr Unternehmen gesund finanzieren, anstatt zu verschulden, ärgert sich der Schaffhauser Unternehmer und reichste Bürger des Kantons, Giorgio Behr: «Jeder Unternehmer fragt sich: Wieso soll ich das Geld im Unternehmen lassen und wozu schaffe ich Arbeitsplätze, wenn ich dafür vom Staat bestraft werde?»

Doch auch mit den 22 Prozent würde den Leuten Sand in die Augen gestreut, sagt Behr: «Die Unternehmer liefern heute schon über 50 Prozent an den Staat.» Eingerechnet sind 12 Prozent für die Altersvorsorge. Mit Auswanderung drohen will Behr dennoch nicht. Doch er gibt zu bedenken, dass erfolgreiche Unternehmer auch unter widrigen Umständen einen Weg finden. «Dieser ist für die Schweiz und die Arbeitnehmer dann vielleicht insgesamt weniger vorteilhaft.»

Der Tessiner Finanzinvestor Tito Tettamanti war einst in London und hat sein Domizil wieder nach Lugano zurück verlegt. Auch er warnt jetzt, die Leute zu reizen, die international tätig sind: «Steuern sind nicht das einzige, aber eines der Elemente, um zu entscheiden, von wo aus sie die Geschäfte am besten führen», sagt er. «Rahmenbedingungen zu verschlechtern im heutigen Umfeld, ist sicher gefährlich.»

Von der SP-Initiative massiv betroffen sind nicht nur Unternehmer, sondern auch Grossverdiener wie Tennis-Superstar Roger Federer. Der Globetrotter hat in Wollerau SZ Wohnsitz genommen, der steuergünstigsten Gemeinde der Schweiz. Er zahlte dort laut «Sonntag»-Informationen letztes Jahr 3,2 Millionen Steuern. Mindestens 2 Millionen mehr wären es bei Annahme der Initiative. Mit Wegzug drohen will man im Federer-Team nicht. «Wir warten jetzt erst mal die Abstimmung ab», sagt ein Vertrauter des Stars.

Noch gelassener nimmt es der Baselbieter Unternehmer Klaus Endress. Er selber, die Familienholding und sein Messtechnikkonzern sind in einer vergleichsweise teuren Gemeinde beheimatet. «Ich zahle in Reinach 52,5 Prozent Einkommenssteuern. In Arlesheim nebendran wären es nur 45 Prozent. Die Differenz von 7,5 Prozent ist substanziell.»

Doch macht er den Standort nicht von ein paar Steuerprozenten abhängig. Erst der Autobahnzubringer, die Nähe zur Universitätsstadt und zum Flughafen ermöglichten den Erfolg seiner Firma. Und für ihn persönlich gehe die Rechnung so lange auf, als Reinach «keinen Leinenzwang für Hunde und kein Reitverbot im Wald» einführe. Obwohl Endress von der geforderten Steuerhöhung nicht direkt betroffen wäre, lehnt er die Initiative ab. «Ohne Steuerwettbewerb lassen die Leistungen nach», fürchtet er.

Dankbarkeit gegenüberdem eigenen Land hält auch den Thurgauer Küchenbau-Unternehmer Edgar Oehler (Arbonia Forster) in der Schweiz: «Es gibt verschiedene Orte, wohin ich gehen könnte», meint er. Niederlassungen in China, Nahost oder London seien «in no time» zu kriegen. «Das Thema stellt sich für mich aber nicht. Ich habe einiges getan für das Land und auch einiges bekommen.»

Auch der prominente Bauunternehmer Hausi Leutenegger würde nicht mehr umziehen (Vermögen laut «Bilanz» 100 bis 200 Millionen Franken). Obwohl man ihn an seinem Zweitwohnsitz auf den Kanarischen Inseln «mit Handkuss» nehmen würde. Er sei jetzt 70-jährig und «ein Bünzli-Schweizer». Und: «Ich kann das Geld ja nicht mit ins Grab nehmen...»

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