Randi Zuckerberg, vor genau acht Jahren ist Facebook gestartet. Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, was für eine verrückte Erfolgsstory es geben würde?
Randi Zuckerberg: Mein Aha-Erlebnis kam etwa drei Jahre nach der Gründung, im Jahr 2007. Damals gab es einen schlimmen Amoklauf an einer Schule in Virginia. Ohne unser Zutun entstand auf Facebook eine riesige Bewegung: Die Studenten begannen online zu mobilisieren, organisierten Unterkünfte füreinander, unterstützten sich gegenseitig. Und auf ihrem Profilbild trugen sie auf einmal schwarze Trauerbänder.

Was dachten Sie da?
Solidarität über Facebook hatte plötzlich reale Folgen. Da wurde mir klar: Offenbar entsteht hier etwas viel Grösseres, als wir bis jetzt angenommen haben. Wir sind daran, eine Plattform für echte, nicht nur virtuelle Bewegungen zu schaffen.

Inzwischen ist Facebook längst auch zu einem politischen Instrument geworden, das beispielsweise beim Arabischen Frühling eine wichtige Rolle spielte.
Es begann schon viel früher, auf lokaler Ebene. Alles, was später passierte, sah man zuerst an den Universitäten. In England etwa organisierten Studenten über Facebook den Widerstand gegen eine Erhöhung der Studiengebühren. Facebook ermöglicht Einflussnahme durch Leute, deren Stimme üblicherweise nicht gehört wird. Das ist der wahre Grund dafür, dass Facebook ein zutiefst demokratisches Medium ist.

Sie berichteten bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen 2008 auf Facebook von den Parteikongressen der Demokraten und der Republikaner. Werden Sie das bei den diesjährigen Wahlen wieder tun?
Ich hoffe es! Am Weltwirtschaftsforum in Davos habe ich mich mit einigen Leuten getroffen, um dies vorzubereiten.

Sind Sie für Obama oder für den republikanischen Kandidaten?
Solange ich bei Facebook unter Vertrag war, musste ich strikte neutral sein. Jetzt bin ich freier. Über welche der beiden Parteien ich mehr berichten werde, wird auch vom Zugang abhängen, den sie mir verschaffen.

In der Schweizer Politik hat Facebook noch bescheidenen Einfluss. Es gibt prominente Parlamentarier, die haben nur 200 oder 300 Freunde. Was raten Sie ihnen?
Auch Frankreichs Präsident Sarkozy kannte dieses Problem (lacht). Wir hatten ein Treffen mit seinen Beratern, und die wünschten sich mehr Freunde für ihn. Wir rieten ihm, das Profilfoto auszuwechseln. Unsere Empfehlung: Nicht so formell, ein bisschen lockerer! Ein paar Tage später trug Sarkozy auf Facebook ein Hawaii-Shirt. Das brachte ihm zwar tonnenweise neue Freunde, war für einen Präsidenten aber doch zu locker. So wechselte er das Foto erneut aus – jetzt stimmt es.

Heute haben fast alle Unternehmen eine Facebook-Seite. Den meisten bringt das wohl gar nichts. Ist dieser Hype nicht übertrieben?
Die Frage lautet nicht: Muss meine Firma eine Facebook-Seite haben? Sondern: Wo sind meine Kunden? Wenn diese sich auf Facebook aufhalten – und das ist immer öfter der Fall –, dann ist eine Firmenpräsenz dort sicher hilfreich. Die Konsumenten gehen je länger, desto weniger gezielt auf eine Firmen-Website. Sondern sie stossen über Social Media auf das Unternehmen – oder eben nicht.

Facebook hat auch höchst problematische Seiten. Mobbing über Facebook nimmt unter Jugendlichen massiv zu. Wie lässt sich das vermeiden?
Es sollte möglichst nur noch echte Facebook-Profile geben. Wenn alle ihren wahren Vor- und Nachnamen benutzen, wird Facebook sicherer. Dann überlegt sich jeder zweimal, ob er wirklich mit seinem realen Namen Dummheiten anstellen soll. Denn das fällt auf ihn zurück. Ganz wichtig ist bei Jugendlichen, dass sie von ihren Eltern angeleitet werden. Diese sollten ihren Kindern zeigen, wozu diese Plattformen da sind und wie man sie nutzt.

Ab welchem Alter macht ein Facebook-Profil für einen Jugendlichen Sinn?
Seit der Gründung von Facebook gilt eine Alterslimite von 13 Jahren. Wer jünger ist, kann kein Konto eröffnen. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese Limite noch zeitgemäss ist.

Sie plädieren für eine Senkung?
Jugendliche beherrschen den Umgang mit neuen Technologien und sozialen Netzwerken immer besser. Sie werden cleverer und cleverer, gewissermassen frühreif. Ich denke, die Alterslimite von 13 Jahren wird zum Thema werden und eines Tages fallen.

Sie wurden letztes Jahr erstmals Mutter. Wann würden Sie Ihrem Kind Facebook erlauben?
Unser Sohn ist gerade mal neun Monate alt – greift aber schon nach meinem iPhone und kann sogar Dinge damit anstellen (lacht). Es ist entzückend und erschreckend zugleich. Die Kleinen wachsen heute mit solchen Geräten auf. Entscheidend ist für mich Folgendes: Die Jugendlichen müssen verstehen, was Privatsphäre bedeutet und wie sie sich mit den Einstellungen auf Facebook schützen können. Man sollte Jugendlichen auch klarmachen, dass sie sich im Internet nur mit denjenigen Leuten befreunden sollten, die sie im richtigen Leben kennen. Und dass das, was sie schnell mal auf Facebook posten, reale Folgen für sie haben kann.

Wie viele Stunden verbringen Sie pro Woche auf Facebook?
Es wird peinlich für mich, wenn ich hier eine Zahl nenne (lacht). Sie wissen vielleicht: Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben, bilden diejenige Nutzerkategorie, die am längsten auf Facebook ist. Denn wenn man zuhause bleiben muss und stillt: Was kann man sonst tun, um «auszugehen»?

Sie sind auch auf Twitter aktiv.
Ja, und auf YouTube. Ich mag die sozialen Netzwerke.

Auf Google+ ebenso?
Bislang fehlte mir die Zeit, dort auch noch mitzumachen. Aber ich werde es noch ausprobieren.

Wird Facebook in zehn Jahren noch so dominant sein wie heute – oder wird es von starken Konkurrenten bedrängt sein?
Es ist hart für neue Unternehmen, in diesen Markt einzudringen. Über 800 Millionen Menschen sind heute auf Facebook, und sie alle investierten viel Zeit, um Fotos hochzuladen, Texte zu schreiben und Freundschaften zu pflegen. Das führt zu einer ausgeprägten Treue zu Facebook. Aber ich erwarte, dass es eine Menge neuer Anwendungen geben wird, die – in Verbindung mit Facebook – funktionieren und Erfolg haben werden.

Was erwarten Sie vom Börsengang?
Dazu äussere ich mich nicht.

Wie werden sich die Social Media in Zukunft verändern?
Das Facebook- oder Twitter-Konto wird zunehmend zu einer Identitätskarte für die Menschen. Auf welcher Internetseite man sich auch anmeldet – man wird es mit dieser Identitätskarte tun. Also: Statt auf facebook.com oder twitter.com zu gehen, wird man durchs Internet surfen und diese Identitätskarte immer bei sich tragen. Diese Entwicklung beobachte ich bereits und sie wird Social Media in den nächsten Jahren noch wichtiger machen.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!