VON SACHA ERCOLANI

Seine neue Freundin Linda Kajtazi (23) drückte ihm in der Boxengasse beide Daumen, doch das brachte Fredy Barth beim Saisonfinale vergangenen Sonntag in der chinesischen Spielerstadt Macau wenig Glück: Wegen eines unverschuldeten Unfalls in der zweiten Runde konnte ihr Liebster nicht punkten. Barth beendete seine erste Tourenwagen-Weltmeisterschaft mit 51 Punkten auf dem 13. Rang.

«Natürlich war das sehr frustrierend, doch in der höchsten Tourenwagenliga der Welt bekommt man eben nichts geschenkt», so Barth. «Trotzdem muss ich mich mit der Leistung in meinem Premierenjahr nicht verstecken.» Ein schöner Erfolg sei vor allem der dritte Platz in der Newcomer-Fahrer-Wertung «Rookie Challenge», wo der Westschweizer zwischenzeitlich gar gute Aussichten auf den Sieg hatte.

Fredy Barth hat aber mehr zu bieten als nur einen Bleifuss: Er ist Geschäftsführer seiner eigenen Rennfirma, Instruktor, macht Sponsorenakquisitionen, die grafische Umsetzung von Autodesign und Teamkleidung. «Die Idee war eigentlich, nur Rennfahrer zu sein. Das andere ist gewachsen», sagt der gebürtige Lausanner, der mittlerweile in seiner GmbH zwei Festangestellte und zwei freie Mitarbeiter beschäftigt. «Es ist manchmal schon echt ein Kampf und ein grosser Druck, wieder alle Gelder für eine neue Saison zusammenzukriegen. Doch dieser Zirkus ist meine Leidenschaft, dafür gebe ich alles.»

Rund eine halbe Million Franken muss ein Privatfahrer mindestens als Saisonbudget planen. «Bisher konnte ich alle mit meinem Traum anstecken. Es ist dann eine Solidarität entstanden», beschreibt Barth die Verhandlungen mit den Sponsoren.

Während der zwei- bis dreiwöchigen Rennpausen engagiert sich Barth unter anderem als Testfahrer bei seinem Hauptgeldgeber Seat Schweiz und bietet Interessierten Einblick in die Welt des Rennfahrers – für viele noch heute ein Bubentraum. Als Neunjähriger durfte er mit dem dreifachen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda (61) einige Runden auf einer Rennstrecke drehen. Es war für ihn das Schlüsselerlebnis: «Von da an war für mich klar, dass ich Rennfahrer werden will.»

Dass Barth einen eisernen Willen hat und kämpfen kann, hat er schon als 19-Jähriger bewiesen. Damals überwand der schnelle Bilingue seinen Lymphdrüsenkrebs. Als er eine Schwellung und Schmerzen zwischen Halsansatz und Schultern spürte, glaubte er zunächst an Muskelkater oder eine Erkältung.

Doch trotz täglichem Fahrtraining liessen seine Leistungen in der Gokart-Meisterschaft nach. Erst als er bei einem Schulausflug vor Erschöpfung fast zusammenbrach, liess er sich endlich untersuchen. «Ich durchlief das ganze Programm: Blutuntersuchungen, MRI, Knochenmarkpunktion und dann die Operation, weil der Tumor drohte, mir Atemluft- und Blutzufuhr abzudrücken.»

Rückblickend meint Fredy Barth, dass ihm die Bedrohung damals nicht wirklich bewusst war. Man bewunderte ihn für seinen Durchhaltewillen. «Dabei wollte ich einfach Rennen fahren, die Matura machen und gesund werden. Also habe ich weiter trainiert, gelernt und die Therapie mit all ihren Nebenwirkungen – Haarausfall, Schwäche und Übelkeit – ertragen.» Nach der Chemotherapie und zwanzig Bestrahlungen entliess man ihn Ende 1999 in eine hoffnungsvolle Zukunft. «Natürlich muss ich seither regelmässig zur Kontrolle.»

Die schwierigen Monate wird er nie vergessen. Seine Leidenschaft für den Motorsport hat ihm damals viel Motivation gegeben. Aus dieser Erfahrung heraus hat er den Verein «Emotionen fürs Leben» gegründet, mit dem er Spendenaktionen für die Schweizer Forschungsstiftung Kind und Krebs organisiert. Zum Beispiel Taxifahrten der ganz besonderen Art: Krebskranke Kinder und Jugendliche können eine Runde in seinem 280 PS starken Tourenwagen mitfahren. Auch Gesunde können sich zur Fahrt auf der Rennstrecke anmelden, doch sie müssen für ihr Abenteuer bezahlen. Der Erlös geht an die Forschungsstiftung.

«Da ich in der Öffentlichkeit stehe, hab ich immer wieder gute Möglichkeiten, die Menschen zu sensibilisieren. Daran liegt mir sehr viel, denn nicht alle Kinder haben so viel Glück, wie ich es damals hatte», sagt Fredy Barth, der sich mit seiner Freundin selber einmal eine Familie mit Nachwuchs wünscht. Doch bis es so weit ist, will er vorher noch viele Rennen gewinnen.

Die Rückendeckung, um sich in den kommenden Jahren voll auf den Rennsport zu konzentrieren, hat Fredy Barth jedenfalls: «Wir haben von Anfang an an sein Talent und an ihn als Person geglaubt. Er repräsentiert als Seat Ambassador perfekt unsere Markenwelt. Fredy ist ein Mensch, der aufzeigt, wie man selbst unerreichbar erscheinende Ziele mit ausserordentlich grossem Einsatz erreichen kann», sagt Markenchef Ronald Ziegler. «Wir von Seat Schweiz sind sehr stolz auf ihn und auf seine erfolgreich verlaufene Saison. Wir freuen uns auf die zukünftige Zusammenarbeit und werden ihn auch 2011 mit allen möglichen Mitteln unterstützen.»

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