VON BEAT SCHMID

Dem Ostschweizer Unternehmer Edgar Oehler (69) fiel es schwer, eine Trennlinie zwischen Privatem und Geschäftlichem zu ziehen. Das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Wie der Verwaltungsrat der AFG Arbonia Forster Holding gegenüber dem «Sonntag» festhält, hat er im Hinblick auf die Erstellung der Jahresrechnung und die darin zu veröffentlichenden Vergütungen die «interne Revision mit der Prüfung von Leistungen mit vergütungsähnlichem Charakter beauftragt». Das ist eine weitere Hiobsbotschaft für den Firmenpatron. Erst diese Woche teilte das Unternehmen überraschend mit, dass Oehler den Posten des CEO per Ende April abgibt.

Die eingeleitete Untersuchung will Klarheit schaffen über den «Bezug von Produkten und Dienstleistungen zu Sonderkonditionen durch Mitglieder des Verwaltungsrats und der Konzernleitung», wie der VR weiter mitteilt. «Allenfalls durch die KL- oder VR-Mitglieder bezogene geldwerte Leistungen werden wie üblich im Geschäftsbericht veröffentlicht.» Bisher hat die AFG diese Zahlen verschwiegen. Im Geschäftsbericht waren lediglich die VR-Honorare und die Lohnbezüge von Edgar Oehler angegeben. 2009 waren es 3,7 Millionen bei einem Konzernverlust von 22 Millionen Franken.

Wie Recherchen des «Sonntags» zeigen, ist es vor allem Edgar Oehler, der Leistungen im grossen Stil beanspruchte, die nie öffentlich gemacht wurden. Besonders pikant ist, dass auch Familienmitglieder Leistungen der AFG bezogen, obwohl diese dort nie angestellt waren.

So flog die ganze Familie in der First Class nach Miami in die Ferien, wo die Oehlers ein Ferienhaus besitzen. Die Reisespesen wurden der Firma belastet. Begründet wurde die «Geschäftsreise» mit einem Besuch eines Vertriebspartners in den USA. Am Flughafen in Zürich ist die AFG permanente Mieterin von insgesamt fünf Parkplätzen in nächster Nähe zur Abflughalle. Wie die Firma auf Anfrage bestätigt, sind die Parkplätze «in der Vergangenheit vereinzelt auch von Familienmitgliedern genutzt» worden. Familienmitglieder konnten offenbar auch auf Kosten der Firma ihre Autos mit Benzin auftanken.

Edgar Oehler benutzt derzeit zwei Autos, die über die Firma laufen, wie ebenfalls bestätigt wird. Am brisantesten dürfte eine Spezialvereinbarung von Oehler mit der AFG über den Bezug von Produkten zum Einstandspreis sein. Diese bisher geheim gehaltene Vereinbarung besteht seit Jahren und hat Oehler erlaubt, Küchen und andere Produkte für Millionen zum Billigpreis zu erwerben. Er baute in der Ostschweiz zahlreiche Häuser und Wohnsiedlungen. Laut der Wirtschaftsauskunft Teledata besitzt Oehler insgesamt fünf verschiedene Bau- und Immobiliengesellschaften. Die Firmen heissen Ogip, Luroso, Eberliwies. und Domus. Bei der Firma Bauinvest AG sitzt seine Frau Marianne im Management.

Augenfällig wird die Vermischung von Privatem und Geschäftlichem auch bei der repräsentativen Liegenschaft, die direkt am Bodensee in Arbon liegt und im Besitz von Oehler ist. Während eine Wohnung vermietet ist, dient die andere als so genannte Musterwohnung der AFG. Für Millionen werden darin stets die neuesten Küchenmöbel und -Geräte eingebaut. Als Showroom wird die Wohnung jedoch kaum benutzt. Sie dient vielmehr als Zweitwohnsitz und Absteige für Oehler, wenn er nach langem Arbeitstag, was bei ihm nicht selten vorkommt, nicht mehr nach Hause nach Balgach SG fahren will.

Das Unternehmen macht keine Angaben über die aufgelaufenen Rabatte und Dienstleistungen, welche Oehler, seine Familie oder seine privaten Immobilienfirmen bezogen haben. Es ist nun der Job der internen Revision, die privaten und geschäftlichen Verstrickungen zu entflechten und die aufgelaufenen Privatbezüge zu beziffern.

Edgar Oehler gibt an der Generalversammlung Ende April den Posten des CEO ab und zieht sich auf das Präsidium zurück. Dieses Amt wird er aber an der darauffolgenden GV schon wieder abgeben müssen, wie aus seinem Umfeld zu hören ist. Bereits jetzt sei Oehler eine «lame duck». Vizepräsident Paul Witschi, ein ehemaliger Geberit-Mann, habe das Heft in die Hand genommen.

Dieser sucht nun mit Hochdruck nach einem neuen CEO. Das Ziel ist es, bis zur Bilanzmedienkonferenz im März einen Nachfolger präsentieren zu können. Mehrere Kandidaten sind angegangen worden. Pikant ist, dass ihnen zugesichert wurde, dass die Ära Oehler ihr baldiges Ende nehmen werde, wie aus der Headhunter-Szene zu hören ist. Ohne dieses Zugeständnis würden sich kaum valable Kandidaten finden lassen. Zudem müssen Divisionschefs für die Küchen- und Oberflächentechnik gefunden werden.

Die Regentschaft des Küchen-Königs vom Bodensee ist bald vorbei. Den Anfang vom Ende läutete die Wirtschaftskrise ein, als die AFG unter einem gewaltigen Schuldenberg zusammenzubrechen drohte. Eine von den Banken forcierte Kapitalerhöhung führte im vergangenen Jahr zur Einführung der Einheitsaktie. Oehler hat damit die Macht im AFG-Konzern unwiderruflich verloren.

Es ist auch davon auszugehen, dass die neue Führung auch die umstrittene Rabattvereinbarung auflösen wird. Der Deal geht zurück auf seine erste Phase als Chef der AFG in den 1980er-Jahren. Oehler war 1985 in die Arbonia-Forster eingetreten und zum Generaldirektor ernannt worden. Zwei Jahren später ging die Firma an die Börse, und Oehler wurde zusätzlich Delegierter des Verwaltungsrats, dem damals auch Kurt Furgler und Christoph Blocher angehörten. 1989 verliess der im Streit mit dem damaligen AFG-Patriarchen und -Mehrheitsaktionär Jakob Züllig das Unternehmen.

Statt einer Abgangsentschädigung erhielt Oehler das Recht, Produkte zum Einstandspreis zu beziehen – und zwar auf Lebzeiten. Dies erlaubte es Oehler erst, der in seiner Studienzeit ein Gipsergeschäft aufgebaut hatte, gross ins Immobiliengeschäft einzusteigen.

Als der alte Chef Züllig 1999 verstarb, lösten die Nachfolger die Vereinbarung auf. Oehler konnte keine Produkte mehr zum Billigpreis beziehen. 2003 schlug die Stunde für Oehler. Er griff die AFG an und übernahm im September die Kontrolle des Unternehmens. Wie Recherchen zeigen, liess er sich im Vorfeld der Übernahme vom ehemaligen Revisor der AFG, Eduard Rüsch, beraten. Die Rechnung für die Beratungsleistung von 420000 Franken beglich er nicht aus der eigenen Tasche, sondern griff in die Kassen der AFG.

Das war mehr als heikel. Wie ein Anwalt bestätigt, habe die AFG die Rechnung anstelle von Oehler bezahlt. Der Rückforderungsanspruch gegenüber Oehler sei jedoch mit Forderungen von ihm gegenüber der AFG verrechnet worden. Mit anderen Worten: Oehler machte die seit 1999 blockierten Rabatte geltend. Die alte Vereinbarung wurde also wieder aktiviert – und sie läuft bis zum heutigen Tag, wie die AFG bestätigt.

Lange Jahre hatte sich Oehler übrigens mit Händen und Füssen gegen die Einführung einer internen Revisionsstelle gewehrt. Wie Protokolle von Verwaltungsratssitzungen belegen, die dem «Sonntag» vorliegen, stellte er sich Anfang 2006 gegen die Installierung einer internen Revision und deren Unterstellung unter den Revisionsausschuss des Verwaltungsrates. VR-Mitglied Ernst Buob warnte davor, dass die AFG ein ernsthaftes Problem bekommen werde, wenn die Gesellschaft keine interne Revision habe.

Eine Unterstellung der Stelle unter Oehler hätte eine Zurückstufung im Rating zur Folge. Laut dem Protokoll plädierte Oehler dann «analog zur militärischen Terminologie dafür, dass ihm die interne Revision zur Zusammenarbeit zugewiesen werde». Das sei ein gangbarer Weg.

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