Unter den 1300 Journalisten aus 60 Ländern, die diese Woche an die globale Konferenz für investigativen Journalismus in Rio angereist waren, zieht keiner so viel Aufmerksamkeit an wie er: Glenn Greenwald, der amerikanische Journalist, der die Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstangestellten Edward Snowden publik machte.

Wie ein Popstar wird er belagert, als er zu einem Podium antritt. Der Reporter zeigt sich dabei sehr zugänglich. «Eu sou carioca» – ich bin Carioca, Bewohner von Rio, sagt er einem der vielen Journalisten, die um ihn stehen, Bilder mit ihm schiessen, Fragen stellen. Greenwald wohnt in Rio mit seinem Lebenspartner, dem Brasilianer David Miranda.

Greenwald gibt Einblick in sein Leben, das sehr schwierig geworden ist nach der Veröffentlichung der Spionageaffäre: «Wir wissen, dass wir ausspioniert werden. Die amerikanische und britische Regierung zeigen damit immer mehr ihren wahren Charakter.»

Auf die Frage, wie er seine Daten schütze, antwortet er, mehrere Vertrauenspersonen in verschiedenen Ländern hielten dieselben Daten bei sich. Sollte Greenwald oder Snowden etwas widerfahren, würden die Skandale weiterhin publiziert. Zudem seien die Daten dermassen verschlüsselt, dass es Jahre dauern würde, sie zu entschlüsseln, sollten sie in falsche Hände geraten.

Dermassen «komplex und schockierend» seien diese Daten, dass «die wohl schlimmsten und bedeutendsten Enthüllungen noch bevorstehen», sagt Greenwald. Und er verrät: Die nächsten vier bis fünf Storys werden demnächst veröffentlicht, in Zusammenarbeit mit Zeitungen in Spanien und Frankreich. Die Veröffentlichung neuer Skandale dauere jeweils lange, weil er sich rechtlich absichern müsse. Greenwald könnte von den USA wegen Staatsverrat angeklagt werden. Derweil gab der britische Geheimdienstchef bekannt, dass die Snowden-Enthüllungen die nationale Sicherheit gefährden. «Grossbritannien wirft uns Terrorismusversuch vor», so Greenwald.

Unter dem Vorwand, gegen Terrorismus und Pädophilie vorzugehen, hätten indes nicht nur die USA Regierungen oder Unternehmen bespitzelt: Vergangene Woche sagte Greenwald im brasilianischen Fernsehen, dass Kanada das brasilianische Erz- und Energieministerium überwacht haben soll. Neben den USA und Grossbritannien sollen demnach auch Kanada, Australien und Neuseeland – die sogenannten «Five Eyes» – in die Spionageaffäre verwickelt sein.

In Brasilien bereits einen Skandal ausgelöst hatte die von Greenwald publizierte Story über die Überwachung der Erdölfirma Petrobras durch die USA. «Die US-Regierung hat mehrfach bekannt gegeben, dass sie keine Wirtschaftsspionage betreibt. Es ist wichtig darzulegen, dass sie dies sehr wohl tun und dass man ihnen nicht vertrauen kann.»

Greenwald wettert auch gegen die grossen Medienunternehmen, die den Mut nicht hätten, solche Skandale zu publizieren. «Man könnte meinen, die Zeitungen würden sich darum streiten. Doch selbst bei einer guten Zeitung wie dem ‹Guardian› war man sich lange nicht schlüssig.» Dass die traditionellen Medien heute wegen Online umdenken müssen, sei ein Segen. «Blogs haben den Journalismus wieder demokratisiert», sagte er, der nach den Attentaten vom 11. September seine Juristenkarriere an den Nagel hängte und als Journalist über die Rechtsverletzungen im Rahmen des Patriotic Acts bloggte.

Nach Abschluss der Konferenz gibt Greenwald bekannt, dass er den ‹Guardian› verlassen wird. An seinem neuen Arbeitsort werde er als leitender Journalist die Redaktoren aussuchen können, die dieselben Werte teilten wie er. Um welches Medium es sich handelt, will er noch nicht bekannt geben – einzig, dass es sich um ein «Traumangebot» handle.

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