VON PATRIK MÜLLER

«Die Polizeifotos werden von der Gaddafi-Familie als Demütigung empfunden», sagt der Soziologe und Ex-SP-Nationalrat Jean Ziegler. Die unvorteilhaften Bilder zeigen Hannibal, den Sohn des libyschen Diktators, nach seiner Verhaftung am 15. Juli 2008 in Genf. Sie gelangten – offenbar durch eine Indiskretion bei der Genfer Polizei – letzte Woche an die Öffentlichkeit. Die «Tribune de Genève» druckte die Fotos ab. Darauf gingen sie via Online-Medien um die Welt.

Libyen-Kenner Ziegler erhebt schwere Vorwürfe gegen die Genfer Polizei: Die Art der Verhaftung und jetzt auch die Herausgabe der Fotos seien «rassistisch motiviert», sagt er. Die Staatsanwaltschaft untersucht, wo das Leck lag. Gegenüber dem «Sonntag» wollte die Polizei keine Stellung nehmen.

Die Folgen der Publikation der «Verbrecherfotos» vom 4. September sind gravierender als zunächst angenommen. Das sagen bundesratsnahe Kreise. «Die Freilassung der beiden festgehaltenen Schweizer ist dadurch noch weiter in die Ferne gerückt», sagt ein Parlamentarier, der Mitglied der Aussenpolitischen Kommission (APK) ist.

Er nennt die Foto-Veröffentlichung einen «Super-GAU», denn die Bilder würden die Familienehre verletzen, was in der Beduinenkultur etwas vom Schlimmsten sei. Gemäss «NZZ» hat die libysche Seite wegen der Fotos ein Treffen mit Schweizer Diplomaten kurzfristig platzen lassen.

Der Ärger der Schweizer Diplomaten bezieht sich primär auf die Genfer Polizei, bei der das Leck vermutet wird. Das Aussendepartment (EDA) hatte die Polizei schon im Vorfeld von Hannibals Ankunft gewarnt, dass im Umgang mit dem Diktatorensohn höchste Vorsicht geboten sei.

Dass die «Tribune de Genève» die Fotos abgedruckt hat, wird von Aussenpolitikern der APK unterschiedlich beurteilt, von denen sich zurzeit keiner mit Namen zitieren lassen möchte. «Das hätte man im Landesinteresse nie machen dürfen», kritisiert einer. Ein anderer meint: «Wir haben Pressefreiheit. Nicht die Veröffentlichung ist das Problem, sondern, dass die Fotos überhaupt zur Redaktion gelangten.»

Der Chefredaktor der «Tribune», Pierre Ruetschi, sagt, man habe die Auswirkungen der Fotoveröffenlichung sorgfältig evaluiert. Die Redaktion sei zum Schluss gekommen, dass sie nicht mehr Folgen habe würde als die «zahlreichen beleidigenden Zeitungskommentare zur Person von Oberst Gaddafi». Ruetschi räumt ein, es könne «nicht komplett ausgeschlossen werden», dass sich die Parteien dieser Publikation bedienten, um diese oder jene Massnahme zu rechtfertigen. «Aber nichts zeigt derzeit, dass dem wirklich so ist.»

«Entsetzt» über das Verhalten der Schweizer Medien im Fall Libyen ist die Familie von ABB-Manager Max Göldi, einer der beiden Schweizer Geiseln in Tripolis. Gemäss «Sonntag»-Informationen werfen seine Angehörigen den Medien vor, Öl ins Feuer zu giessen und so die Freilassung zu unterminieren.

Während die diplomatischen Beziehungen auf einem neuen Tiefpunkt angelangt sind, soll nun ein wichtiger libyscher Vertreter in die Schweiz kommen: Am Montag beginnt in Genf die Session des UNO-Menschenrechtsrats – «und der Vize-Aussenminister von Libyen ist ganz sicher dabei», sagt Jean Ziegler. Möglicherweise komme sogar der Aussenminister selber. Dass es am Rand dieser Veranstaltung zu Gesprächen mit der Schweiz kommt, ist sehr unwahrscheinlich.