Nun kommen die Kellergewölbe dran. In den Kundensafes der Banken lagern noch immer Wertgegenstände, die niemand kennt. Haben ausländische Bankkunden dort ihr Schwarzgeld gebunkert, ist die Gefahr gering, dass je jemand davon erfährt – geschweige denn weiss, wie gross das versteckte Vermögen ist.

Doch das soll sich ändern.

Namhafte Politikerinnen fordern, dass die Schliessfach-Vermögen transparent werden sollen. «Wenn man schon eine Deklaration der Bankvermögen verlangt, dann müssen darin auch die Schliessfächer inbegriffen sein», fordert SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (BL). Schon länger spiele sie mit dem Gedanken, wie man mit Safes umgehen solle. Auch die basel-städtische Ständerätin Anita Fetz (SP) fordert ein Umdenken. Schliessfachinhalte seien «grundsätzlich deklarationswürdig» und müssten bei Vorliegen eines Amtshilfegesuchs einbezogen werden. Bargeld in Schliessfächern sei neben Immobilienbesitz die «einfachste Fluchtwährung für Schwarzgeld», hält sie fest.

Ähnlich sieht es die Berner SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen: «Wenn wir nur im entferntesten ernst machen wollen mit der Beseitigung unserer Altlasten, dann muss man die Banktresore einbeziehen können.» Gleichzeitig müsse sich die Schweiz für eine entsprechende internationale Regelung im Kreise der G-20 oder der OECD einsetzen.

Fakt ist: Heute ist das Schliessfach so sicher wie das Bankgeheimnis zu seinen besten Zeiten. Weder gab es bis anhin parlamentarische Vorstösse in Richtung von mehr Transparenz, noch waren die Safes bei den internationalen Verhandlungen ein Thema. Im Gegenteil: In den beiden Doppelbesteuerungsabkommen mit England und Österreich, über welche Schwarzgeld der jeweiligen Landsleute legalisiert wurde, sind Schliessfach-Inhalte explizit ausgeschlossen.

Auch bei Anfragen im Rahmen der Amtshilfe nach dem OECD-Standard 26, zu dem sich die Schweiz verpflichtet hat, müssen sich ausländische Bankkunden wenig Sorgen um ihre Safes machen. Zwar müssten Banken auf Anfrage angeben, ob ein Schliessfach vorhanden sei, sagt Thomas Brückner von der eidgenössischen Steuerverwaltung. «Sie können aber keine Angabe über den Inhalt machen.» Zudem muss die Anfrage explizit nach einem Schliessfach lauten. «Wenn sich die Verfügung einfach auf Konti oder Depots bezieht, melden wir das nicht», sagt der Vertreter einer Bank.

Es seien ihr keine Fälle bekannt, bei denen über Schliessfächer informiert worden sei, sagt Renate Schwob, Vizechefin der Schweizerischen Bankiervereinigung. Viel zu erfahren gibt es aber so oder so nicht. «Den Inhalt des Fachs kennt die Bank nicht, und sie muss ihn auch nicht kennen», sagt Schwob. «Ohne den Kunden darf sie das Schrankfach nicht öffnen.» Eine zwangsweise Öffnung durch die Steuerbehörden komme ihres Erachtens nicht infrage, da sich Zwangsmassnahmen nur gegen Banken richten dürfen, nicht aber gegen die Bankkunden. «Das mögen Gründe dafür sein, weshalb sich unseres Wissens ausländische Steuerbehörden bislang nicht um Schrankfächer gekümmert haben.»

Aktuelle Angaben zur Zahl aller Schliessfächer in der Schweiz gibt es nicht. Aufgrund älterer Aussagen dürften die zehn grössten Banken zusammen gut 600 000 Fächer verwalten. Alleine die zwei Grossbanken kommen auf rund 350 000 Schrankfächer.

Die Kunden sind am längeren Hebel: Trifft ein Amtshilfegesuch ein, werden sie darüber informiert, um gegebenenfalls dagegen rekurrieren zu können. Erst danach werden die Informationen von der Bank an die Steuerverwaltung geliefert. Ein Kunde kann also, sobald er vom Verfahren weiss, sein Schliessfach räumen. Spurlos. Im Nachhinein festzustellen, was drin war, ist nicht möglich.

Um dies zu verhindern, müsste man die Abläufe ändern. Leutenegger Oberholzer fordert, die vorgängige Information des Kunden abzuschaffen. «Man müsste das Verfahren zudem demjenigen anpassen, das im Falle eines Geldwäscherei-Verdachts gilt.» Dort kann bereits im Verdachtsfall das Vermögen eines Bankkunden blockiert werden.

Dem stimmen auch Kiener Nellen und Fetz zu. «Bei einem Amtshilfeverfahren liegt ja ein begründeter Verdacht vor», sagt Fetz. Die Blockade des Schliessfaches würde der Verdunkelungsgefahr vorbeugen. Fetz geht noch weiter. Sie fordert, dass Banken nicht mehr einfach wegschauen dürfen. «Wenn eine Bank Bargeld zuhanden eines Schliessfachs entgegennimmt, sollte sie die gleichen Fragen stellen wie bei der Einzahlung auf ein Konto.» Die Bank müsse die Kontrolle über den Inhalt der Fächer haben.

Solche Aussagen gefallen vielen nicht. «Das kommt überhaupt nicht infrage!», findet CVP-Ständerat Pirmin Bischof (SO). «Das Schliessfach gehört zum privaten Raum der Kunden. Was ich da reinlege, bleibt in meinem privaten Besitz.» Anders als bei einer Einzahlung aufs Konto, denn da arbeite die Bank anschliessend mit dem eingezahlten Geld. Die Frage der Amtshilfe stelle sich auf keinen Fall. «Sonst müssen Sie am Ende die Polizei beim Bankkunden zu Hause vorbeischicken, um zu schauen, ob unter dem Kopfkissen noch Geld liegt.»

Dass ein Teil des Schwarzgeldes in den letzten Jahren in bar von den Konten abgehoben wurde, liegt nahe. Viele Banken verlangen inzwischen selbst von Schweizern eine Bestätigung, dass auf dem Konto nur versteuertes Geld ist, und bei den heutigen Zinsen spielt es keine Rolle, ob das Geld auf dem Konto oder im Safe liegt. Und so hat die Menge der Banknoten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, wie Zahlen der Nationalbank zeigen.

Ende Mai war Bargeld für 59,6 Milliarden Franken im Umlauf, gut 6100 Franken pro Einwohner. Sieht man vom saisonalen Ausschlag ab, der jedes Jahr an Silvester stattfindet, war noch nie so viel Bargeld im Umlauf wie heute. Doch Umlauf ist das falsche Wort, denn das meiste Geld liegt herum. Wertmässig 61 Prozent allen Bargeldes besteht heute aus Tausendernoten. Noch 1998 lag dieser Anteil bei 50 Prozent und 1992 waren es noch 40 Prozent. Diese grossen Scheine brauchen die wenigsten Schweizer für ihren täglichen Einkauf.

Und noch etwas fällt auf: Seit den Fünfzigerjahren wuchs die Wirtschaft stets schneller als die Bargeldmenge; Notengeld verlor an Bedeutung. Doch vor fünf Jahren kehrte der Trend. Seither steigt die Nachfrage nach Cash an. Die Nationalbank verweist auf die Finanzkrise, ein einzelner Grund sei nicht auszumachen, sagt Pressesprecherin Silvia Oppliger. «Ein Teil der Mehrnachfrage dürfte aus dem Ausland kommen.»

Die grosse Menge an Tausendernoten hat mittlerweile dazu geführt, dass Politiker wie Leutenegger Oberholzer die Abschaffung der grossen Scheine fordern, wie der «Tages-Anzeiger» diese Woche berichtete. Im Zeitalter des elektronischen Geschäfts- und Zahlungsverkehrs seien diese «überholt», sagte die Baselbieterin der Zeitung.

Wenig Freude daran hätte die Sicherheits-Druckerei von Orell Füssli, die das Schweizer Geld herstellt. Bei ihr laufen in letzter Zeit wieder vermehrt die Druckerpressen, wie ein Informant erzählt. Und dies, obwohl die neuen Schweizer Banknoten der nächsten Serie aufgrund des immer wieder aufgeschobenen Starts noch immer nicht im Druck sind. Die Reserven der Nationalbank seien derat stark gesunken, dass von der aktuellen Serie wieder vermehrt nachgedruckt worden sei, sagt der Mann. Die Nationalbank sagt dazu bloss, sie lasse bei Bedarf Banknoten in der benötigten Menge drucken, «um den Auftrag der Gewährleistung der Bargeldversorgung jederzeit erfüllen» zu können. Orell Füssli selber äussert sich dazu nicht. Diese Woche will sie das Halbjahresergebnis publizieren.

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