Herr Hildebrand, Sie waren seit dem 9. Januar nicht mehr in der Öffentlichkeit, nun traten Sie am Swiss Economic Forum auf. Wie geht es Ihnen?

Philipp Hildebrand: Mir geht es sehr gut. Ich würde niemandem wünschen, was mir damals passiert ist – aber das Interessante daran ist: Auch eine solche schwierige Phase bringt sehr viele schöne und positive Erlebnisse mit sich.

Welche denn?
Ich meine in erster Linie die Familie. Wir spürten einen starken Zusammenhalt, das gab mir eine Wahnsinnskraft – ebenso die enorme Unterstützung aus der Bevölkerung. Ich erhielt Hunderte von Briefen und E-Mails …

… die Sie alle beantwortet haben?
Noch nicht ganz alle. Aber wochenlang habe ich fast nichts anderes gemacht, als Briefe zu beantworten. Wenn ich heute zurückschaue, bleibt am Ende doch eine positive Erfahrung, auch wenn ich so etwas nicht mehr unbedingt erleben möchte. In diesem Prozess habe ich viel gelernt und blicke jetzt mit Zuversicht und Freude in die Zukunft, sowohl privat wie beruflich.

Was haben Sie gelernt?
Dass man als Mensch auch schwierige Zeiten durchstehen kann – und dass alles relativ ist. Es ging bei mir nicht um etwas Existenzielles, das war nicht vergleichbar mit einer schweren Krankheit. Aber man merkt, dass eine innere Kraft da ist, wenns drauf ankommt.

Sie sind jetzt an der Universität Oxford tätig. Was machen Sie dort?
Ich bin «visiting fellow» an einer neuen Schule, der «Blavatnik School of Government». Im Moment mache ich verschiedene Workshops im Bereich Globalisierung und Finanzen, ab September werde ich dann auch unterrichten, und ich bin zusätzlich beratend für die neue Schule tätig.

Im Herbst werden Sie vor Studenten stehen?
Ja, die ersten Klassen an dieser Schule werden im Herbst beginnen, die Teilnehmer kommen aus Regierungs-Verwaltungen der ganzen Welt, die einen Jahres-Masters machen. Meine Themen werden die Finanzkrise und die Finanzmärkte sein.

Sehen Sie sich langfristig als Professor an einer Universität?
Ich sehe das nicht als permanente Aufgabe; dazu war ich zu lange nicht mehr in der Akademie tätig, mir fehlt die richtige Erfahrung. Ich werde eher eine Aufgabe im Privatsektor übernehmen. Wenn möglich an der Schnittstelle Finanzmärkte, Wirtschaftspolitik und Volkswirtschaft – das ist meine Leidenschaft, die ich in den neun Jahren bei der Nationalbank ausleben konnte. Ich hoffe, hier einen neuen Weg zu finden.

Sie haben am 6. September 2011 den Mindestkurs von Fr. 1.20 pro Euro eingeführt. Halten Sie diesen Entscheid rückblickend noch für richtig?
Mein Nachfolger Thomas Jordan ist perfekt kompetent, um zu dieser Frage Auskunft zu geben. Hans Meyer (Nationalbankpräsident von 1996 bis 2000; die Red.) hat eine Regel etabliert, die zwar nicht ganz alle einhalten, die ich aber für absolut zentral halte: Ein ehemaliger Nationalbank-Präsident soll sich nicht mehr zur Geldpolitik äussern.

Wie beurteilen Sie den wirtschaftlichen Zustand der Schweiz und die Folgen der europäischen Schuldenkrise?
Ich bin, was die Schweiz betrifft, besorgt – alles andere wäre naiv –, aber zugleich optimistisch. Wir dürfen angesichts der negativen Schlagzeilen doch Folgendes nicht vergessen: Der Wohlstand der Schweiz ist heute grösser denn je, noch nie in der Geschichte ging es uns so gut. Wir haben das Niveau von vor der Finanzkrise wieder erreicht und übertroffen. Wir sind ein reiches Land, das auch von den Reserven zehren könnte, wenn es hart auf hart ginge. Wir haben im Überschussbudget der Schuldenbremse zweistellige Milliardenbeträge und einen Staatshaushalt, der problemlos ist. Wir haben innovative KMU …

… von denen viele unter der Frankenstärke leiden …
… die aber in den letzten fünf Jahren erfolgreich gekämpft und sich neu positioniert haben. Wir haben eine gut ausgebildete Bevölkerung. Wenn es ein Land gibt, das imstande ist, durch diese Krise zu gehen, dann die Schweiz. Natürlich sind wir mitten in Europa, was in der jetzigen Schuldenkrise ein Nachteil ist. Doch mit der richtigen Fokussierung auf Innovation und einer Portion Optimismus gehen wir gestärkt daraus hervor.

Ein Ende der Euro-Krise scheint weiter entfernt zu sein denn je.
Vordringlich ist, dass der Bankensektor wieder stabilisiert wird. Das war auch in der Finanzkrise 2008 der zentrale Punkt. Es geht hier nicht um die 8000 europäischen Banken, sondern um 30 bis 50, die international tätig sind. Bei einigen dieser Banken weiss man nicht, wie stark oder schwach ihre Bilanzen sind. Solange diese Ungewissheit da ist, fehlt es an Vertrauen – was Anpassungen auch in anderen Bereichen schwierig macht. Aber es gibt durchaus Anzeichen, dass erste Anpassungen zu greifen beginnen, auch in Griechenland.

Wo sehen Sie positive Signale?
Allein in diesem Jahr haben die Griechen die Lohnstückkosten um 8 Prozent gesenkt, während diese in Deutschland um 3 Prozent gestiegen sind – das heisst, Griechenland hat seine Wettbewerbsfähigkeit um 11 Prozent verbessert. Davon las man in den Medien allerdings nichts, diese fokussieren auf die schlechten Nachrichten. Dieses Phänomen zeigt sich in jeder Krise.

Die guten Nachrichten werden ausgeblendet?
Historisch betrachtet erscheint den Menschen im Moment der Krise vieles hoffnungslos. Dabei fanden sie noch aus jeder Krise einen Ausweg. Ich ging diese Woche am Denkmal für General Guisan in Interlaken vorbei, das an dessen Hauptquartier während des Zweiten Weltkrieges erinnert (das Armee-Hauptquartier war 1941 bis 1944 in Interlaken; die Red.). Da kam mir in den Sinn: Wie hat man die Welt damals angeschaut, im schlimmsten Moment des Kriegs? Damals schien alles hoffnungslos, und man musste befürchten, dass die Schweiz untergehen würde. Doch es kam gut, und heute steht unser Land besser da denn je. Ich bin darum sicher: Es wird auch diesmal gut gehen.

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