VON ESTHER GIRSBERGER

Herr Hasler, bei der Post ist nach den Turbulenzen unter Ihrem Vorgänger Claude Béglé rasch wieder Ruhe eingekehrt. Waren einfach alle so erleichtert über den Wechsel, dass es gar nicht so entscheidend war, wer übernahm?
Tatsächlich war das Vertrauen in Verwaltungsrat und Konzernleitung schwer gestört. Das haben Jürg Bucher und ich wieder hergestellt und das ist das Entscheidende.

Mit welchen Erwartungen haben Sie Ihr Amt angetreten?
Durch meinen schnellen Einstieg hatte ich eigentlich gar keine Zeit, grosse Erwartungen zu entwickeln. Ich kannte die Post vorher nicht. Insofern war für mich praktisch alles neu. Das hatte den Vorteil, dass ich ohne Vorurteile ans Unternehmen heranging.

Ist es nicht etwas anmassend, das Verwaltungsratspräsidium des zweitgrössten Arbeitgebers zu übernehmen, ohne dass man ihn näher kennt?
Nein. Die Rolle des Verwaltungsratspräsidenten setzt ja nicht voraus, das Unternehmen von Grund auf zu kennen. Heutzutage ist man sogar skeptisch, den abtretenden CEO in den Verwaltungsrat zu befördern, weil er zu fachspezifisch denken und handeln könnte. Idealerweise sind im Verwaltungsrat die wichtigsten Fachkompetenzen vertreten, aber das Gremium als Ganzes muss als Team seine strategische Aufgabe wahrnehmen.

Als die UBS in die Krise zu schlingern begann, führte man dies nicht zuletzt auf zu wenig bankeninternes Know-how im Verwaltungsrat zurück.
Das Bankgeschäft ist ein anderes Geschäft. Die Post ist als Mischkonzern im Kommunikationsmarkt mit Briefen, dem Retailfinanz- und Logistikbereich wie auch mit Postauto derart breit aufgestellt, dass es gar niemanden Aussenstehenden gibt, der die ganze Post verstehen kann. Der Verwaltungsratspräsident muss nicht der Spezialist sein, sondern das Gremium führen. Das ist eine Qualität, die ich mir zutraue, nachdem ich in verschiedenen Branchen schon als Präsident geführt habe und aus meiner früheren Verbandstätigkeit langjährige Verhandlungserfahrung mit Gewerkschaften, Politikern und anderen Interessenvertretern mitbringe. Gerade solche Eigenschaften sind bei der Post gefragt.

Die heutige Ruhe hat sich vielleicht auch eingestellt, weil man harte, aber fällige Entscheide hinausschiebt?
Nein. Wir hatten seit meinem Amtsantritt vor zwei Monaten immerhin schon vier Verwaltungsratssitzungen, davon eine Strategiesitzung. Dabei verabschiedeten wir unter anderem eine Vision für die Post. Wir arbeiten sehr effizient und strategisch und erst noch in einem guten, konstruktiven Klima.

Obwohl ausgerechnet die beiden Verwaltungsratsmitglieder, die noch unter Herrn Béglé ins Gremium geholt wurden, jetzt Vizepräsidenten sind?
Mit dem Wechsel des Verwaltungsratspräsidenten kam ein neuer Teamgeist rein. Mit Herrn Freymond ist ein langjähriges Mitglied Vizepräsident geworden, Herr Schläpfer ist neu, bringt aber die sehr wichtige Auslandserfahrung ins Gremium.

Welches ist denn Ihr Führungsprinzip, das so schnell wirkte?
Die Bereitschaft von allen Mitgliedern, Entscheidungen im Gremium vorzubereiten und erst dann zu kommunizieren, wenn sie gefallen sind. Lautes Denken in der Öffentlichkeit geht immer schief, nicht nur bei der Post. Jüngst ist Armeechef André Blattmann in diese Falle getappt, indem er Ideen und Gedanken vorgetragen hat, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Bei der Post sprechen wir jetzt mit einer Stimme. Das führt sofort zu Klarheit. Wenn man weiss, wo es hingeht, stellt sich die Ruhe auch schnell wieder ein.

Eine Ihrer Aufgaben wird es sein, die Verwaltungsratsvakanzen mit dem fehlenden fachlichen Know-how zu füllen. Der Bundesrat als Wahlgremium schaut aber primär darauf, dass die regionalen Interessen vertreten sind.
Tatsächlich werden in einer Bundesanstalt auch regionale Vertretungen und ein angemessener Frauenanteil berücksichtigt und das Personal hat Anspruch auf zwei Vertreter im Verwaltungsrat der Post. Wenn sich diese Kriterien mit den nötigen fachlichen Qualifikationen kombinieren lassen, ist das ideal. Als Unternehmen im Besitz des Bundes ist es richtig, dass sich die Post den Gepflogenheiten der Schweiz anpasst.

Welche fachlichen Qualifikationen brauchen Sie noch?
Mitglieder mit Fachkenntnissen im Finanz- bzw. Audit-Bereich und in der Logistik. Diese fachlichen Qualifikationen sollten vorgehen. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die verschiedenen Anforderungen kombinieren lassen.

Wenn die Post ihr Glück im Ausland suchen will, wäre es unter Umständen doch nicht schlecht, einen Ausländer zu wählen, der mit den ausländischen Postverhältnissen vertraut ist.
Die Nationalität spielt keine entscheidende Rolle. Aber wir haben bereits Mitglieder mit viel Auslanderfahrung und wollen im Ausland schliesslich keine Grunddienstleistungen eines Postbetriebes anbieten. Wir sind ein Betrieb, der von der schweizerischen Politik gesteuert ist.

Sie scheinen nicht primär aufs Ausland fokussieren zu wollen.
Das Ausland hat nicht auf die Schweiz gewartet. Aber Möglichkeiten gibt es. Wir sind schon lange international tätig, etwa mit dem grenzüberschreitenden Paket- und Dokumentenversand. Swiss Post International trägt 50 Millionen zum positiven Ergebnis der Post bei. Innovativ ist auch das elektronische Briefkasten-System «Swiss Post Box», das für Manager, die viel unterwegs sind, gedacht ist. Das Angebot wollen wir auch ausländischen Firmen verkaufen.

Im elektronischen Markt ist die Swisscom beheimatet. Wie wäre es mit einer Kooperation?
Telefonie und Post sind nicht verwandt. Eine Kooperation führte zu Elefantenproblemen, weil wir zu schwerfällig und zu gross würden und der Konzern dadurch kaum mehr beweglich wäre. Die Post ist heute schon ein Mischkonzern und äusserst anspruchsvoll zu führen.

Warum ist die Privatisierung eigentlich gar kein Thema?
Die Post ist von der Tradition her ein Betrieb, den der Bürger nicht verscherbeln will. Sie gehört zum Tafelsilber und es ist politisch undenkbar, dass eine Mehrheit es verkaufen will. Kommt hinzu, dass nach dem Debakel mit den Grossbanken der Zeitpunkt für solche Diskussionen höchst ungünstig ist.

Könnten Sie sich vorstellen, bei einem renditeorientierten privaten Grossunternehmen ein Verwaltungsratsmandat zu übernehmen?
Diese Frage stellt sich nur schon deshalb nicht, weil ich mit dem Mandat als Spitalrat des Universitätsspitals Zürich, dem Post-Verwaltungsratsmandat und dem Präsidium bei der Schweizer Reisekasse (Reka) ausgelastet bin. Zudem passe ich mit meiner Art nicht zu solchen Unternehmen. Ich habe mich verschiedentlich ablehnend über die Honorarpolitik gewisser Grossunternehmen geäussert und verstehe heute noch weniger, dass man nach den ernüchternden Erfahrungen ins alte Fahrwasser zurückkehrt. Die Qualität der Verwaltungsratsmitglieder von öffentlichen Betrieben zeigt, dass es diese hohen Löhne nicht braucht.

Öffentliche Betriebe der Schweiz sind doch nicht vergleichbar mit global tätigen Grossbanken.
Ich bestreite die Pauschalargumentation, man finde wegen des international herrschenden Wettbewerbs keine fähigen Leute. Ausserdem ist es doch eigenartig, dass man Kaderleute, die man wegen ihrer Fähigkeit holt, nach kurzer Zeit wieder entlässt, sie dabei aber noch fürstlich entschädigt werden. Zugegebenermassen besteht das Risiko gerade bei den Grossbanken, dass gute Leute abgeworben werden und dann auch noch ihren Kundenstamm mitnehmen. Ich habe deshalb schon sehr früh beim Arbeitgeberverband die Idee zu platzieren versucht, unter den Banken bezüglich der Honorarhöhe ein Gentleman-Agreement zu erreichen.

Eine naive Idee.
Offensichtlich, wenn man die Realität betrachtet. Doch durch eine solche Selbstbeschränkung wären der Imageverlust und politische Regulierungen zu vermeiden gewesen.

Wie viel verdienen Sie im Jahr?
225 000 Franken.

Ihnen wird von allen Seiten attestiert, die Post wieder in ruhigeres Fahrwasser gesteuert zu haben. Das wird sich ändern, wenn Sie kostensparende Entscheide treffen. Zum Beispiel den Abbau des Poststellennetzes.
Ich bin überzeugt, dass es uns gelingen wird, mit der richtigen Kommunikation das Verständnis auch für unangenehmere Massnahmen zu wecken. Im Grunde genommen wissen alle Schweizer, dass sich die Post anpassen muss. Sie erwarten wohl gar nicht eine traditionelle Poststelle als Gebäude, sondern einfach einen guten Service. Den bieten wir.

Im Hinblick auf das eidgenössische Wahljahr 2011 wird kein Parlamentarier seine Wiederwahl gefährden, indem er die Auflösung der Poststelle in seiner Gemeinde unterstützt.
Dieser Eindruck täuscht. Wir überprüfen seit einem Jahr bis Ende 2012 421 Poststellen. Bereits für 137 haben wir im Dialog mit den Gemeinden eine Lösung gefunden. Ein Teil blieb als traditionelle Poststelle bestehen, andere wurden in Agenturen mit längeren Öffnungszeiten umgewandelt und weitere durch Haus-Services ersetzt, wo die Poststelle sozusagen zum Kunden kommt. Dann gibt es eine Rekursmöglichkeit bei der Poststellenkommission. Bisher gab es sehr wenige Rekurse und fast alle wurden zu unseren Gunsten entschieden.

Viele Poststellenschliessungen werden personelle Konsequenzen haben.
Richtig. Aber Entlassungen werden wir nur sehr vereinzelt aussprechen müssen. In einem so grossen Mischkonzern kann man den Leuten fast immer eine andere Stelle anbieten. Aber sie müssen flexibel sein.

Da kommt der ehemalige Arbeitgeberdirektor zum Vorschein, der einen Wohnortwechsel einer Familie mit Schulkindern in eine andere Sprachregion als zumutbar erachtet.
Deshalb habe ich mich von Anfang an für HarmoS eingesetzt, das die Vereinheitlichung des Schulsystems im Auge hat. Wenn die Post flexibel sein will, muss sie diese Flexibilität auch von ihren Mitarbeitenden erwarten können. Natürlich gibt es schwierige Fälle, zum Beispiel, wenn der Lebenspartner oder die -partnerin ein eigenes kleines Unternehmen hat. Aber wir sorgen uns auch um solche Fälle.

Die Gewerkschaften werden bei einem grösseren Personalabbau auf die Barrikaden steigen. Wird sich der sozialpartnerschaftlich erprobte Peter Hasler dann einmischen?
Nein. Die Aufgabe des Verwaltungsrats ist es, Prozesse zu kontrollieren, nicht selbst zu verhandeln. Ich würde nur in äussersten Extremfällen intervenieren.

Und dann auch mal in einer «Arena»-Fernsehdebatte zum Thema «Aufruhr bei der Post» auftreten?
Ich hoffe, es kommt nie so weit. Aber nicht mal dann. In solchen Sendungen habe ich als Arbeitgeberdirektor meine Schuldigkeit getan. Dort war die Kommunikation ein Tagesbusiness und ich als Direktor war dafür verantwortlich. Bei der Post muss das der Konzernleiter machen und der heisst Jürg Bucher. Mein Vorgänger im Verwaltungsrat hat dieses Rollenverständnis durchbrochen mit den bekannten Folgen. Verunsicherung müssen wir unter allen Titeln vermeiden. Ich werde nur über Entscheidungen des Verwaltungsrates informieren und beispielsweise an Bilanzpressekonferenzen auftreten.

Werden Sie die WEF-Mitgliedschaft von Claude Béglé übernehmen?
Ich denke nicht daran. Das bringt der Post nichts.

Die Selbstbeschränkung nehmen wir Ihnen nicht ganz ab. Auch als Spitalrat des Universitätsspitals Zürich mischen Sie sich ab und zu ins Operative ein.
Mitnichten! Richtig ist, dass ich bei Amtsbeginn am Unispital zwei, drei Male gewisse, viel zu lange liegen gebliebene Dossiers selber in die Hand genommen und in einer Woche gelöst habe. Das ist längst nicht mehr nötig. Bei der Post hüte ich mich, operativ einzugreifen.

Sie kümmern sich um die Grösse der Büros.
Ausschliesslich um mein eigenes! Ich habe ein Büro angetroffen, das doppelt so gross war wie jedes meiner bisherigen Büros. Gleichzeitig haben wir in der Schönburg so wenig Platz im Gebäude, dass sich die Mitarbeitenden auf den Füssen rumstehen. Deshalb war es mehr als angemessen, dass ich als Teilzeitverwaltungsratspräsident in ein normal grosses Büro umgezogen bin.

Ihr Vorgänger hat auch anderweitig expandiert. Er hatte einen Beraterstab und ein hohes Spesenkonto. Haben Sie das wieder heruntergefahren?
Ja. Wir halbierten das Budget auf gute zwei Millionen.

Berater sind bei der Post nicht nötig?
Nur in ganz wenigen Bereichen. Die Post hat dermassen viel interne Kompetenz, dass uns das Know-how nur in ganz wenigen Bereichen fehlt. Im Kommunikations- und im Strategiebereich, in denen mein Vorgänger Hilfe beanspruchte, brauchen wir bestimmt keine Berater.

Sie sparen nicht nur beim eigenen Budget, sondern wollen auch Verlustquellen eliminieren.
Ja. Kosteneinsparungen bei der Post sind genauso entscheidend für den Erfolg wie bei einer privaten Firma. Ich bin nicht bereit, Verluste der Post zu akzeptieren. Sonst erfüllen wir den Auftrag des Bundesrats nicht, der uns klipp und klar Eigenwirtschaftlichkeit vorschreibt. Aber wir bauen auch aus. Postfinance baut jedes Jahr über hundert Arbeitsstellen auf. Unser Personalbestand ist im letzten Jahr gestiegen.

Wenn Sie nicht bereit sind, Verluste zu tragen, müssten Sie den verlustreichen Konzernbereich Geschäftskundenlösungen der Schweizer Post (Swiss Post Solution, SPS) schliessen. Wie lange schauen Sie dort noch zu?
SPS muss dieses Jahr in die schwarzen Zahlen kommen. Wenn das nicht klappt, werden wir die Geschäftstätigkeiten dahin gehend überprüfen, dass Verlustquellen notfalls auch mit Schliessungen, Umstrukturierungen oder Devestitionen eliminiert werden. Wir hoffen natürlich, dass es SPS gelingt, in neue Geschäftsfelder vorzustossen und Erträge zu erwirtschaften.

Ein zweites Verlustgeschäft ist der Zeitungstransport. Der allerdings von staatspolitischer Bedeutung ist, weil er die Presse und damit die Medienvielfalt fördert.
Kein Unternehmer kann langfristig Aufträge ausführen, die Verluste bringen. Wenn es eine Aufgabe des Bundes ist, Presseförderung zu betreiben, habe ich nichts dagegen. Aber nicht auf unsere Kosten. Die Post ist nicht mehr Teil der Bundesverwaltung, sondern ein ergebnisorientiertes Unternehmen.

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