Die Entführung der beiden Schweizer in Pakistan (siehe Kasten) erschüttert das Land – doch für die Krisenspezialisten im Aussendepartement (EDA) von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey ist das kein Einzelfall: Gemäss dem aussenpolitischen Bericht des EDA ist die Zahl der konsularischen Schutzfälle in zehn Jahren von 800 auf jährlich 1833 gestiegen – das heisst: Pro Tag geraten im Schnitt fünf Schweizer im Ausland in Not. Zu den konsularischen Schutzfällen gehören Entführungen, Todesfälle, Unfälle, Verhaftungen und Gerichtsfälle.

Bei komplizierten Krisensituationen wie im Fall der Schweizer Pakistan-Geiseln kommt die Sektion Konsularischer Schutz in Bern zum Einsatz. 2009 behandelten die Spezialisten in der Berner Zentrale laut EDA 897 Konsularschutzfälle. 2010 waren es 1091 – das sind drei schwere Krisenfälle pro Tag. Der Grund für die Zunahme von Notsituationen: Die Schweizer reisen mehr, und die Risiken haben zugenommen. «Dazu gehören politische Instabilität, Anschläge, Naturkatastrophen, Entführungen, schwere Unfälle, Epidemien», sagt Adrian Sollberger, stellvertretender Chef Information beim EDA. Auch die Zahl der im Ausland lebenden Schweizer steige stetig. «Zudem ist mit der Globalisierung das Reisen einfacher geworden. Die Mobilität hat enorm zugenommen», sagt Sollberger.

Doch auch die Abenteuerlust ist heute grösser. Beim Reisekonzern Hotelplan stellt man «ein wahres Revival bei den Entdeckungs- und Abenteuer-Reisen» fest, sagt Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Kommunkations-Chefin bei Hotelplan. «Wir haben hier Buchungen im zweistelligen Plusbereich gegenüber dem Vorjahr.» Auch bei Kuoni werden «vermehrt Abenteuerreisen» gebucht, erklärt Unternehmenssprecher Peter Brun. «Auslandreisen sind heute normal geworden. Darum steigt das Bedürfnis, Neues und Aussergewöhnliches zu erkunden.» Vermehrte Krisensituationen stelle man bei den eigenen Reisen nicht fest, so Brun: «Die Zunahme der Zwischenfälle dürfte vor allem auf Touristen zurückzuführen sein, die auf eigene Faust reisen.» So wie die beiden Schweizer Pakistan-Geiseln.

Während die Reisekonzerne Pakistan längst nicht mehr im Programm haben, sind die entführten Schweizer gar durch eine als besonders gefährlich bekannte pakistanische Provinz gereist. Ex-SF-Korrespondent und Ausland-Experte Erich Gysling: «Die Risiken in diesem Gebiet sind gross. Das ist heller Wahnsinn.»

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