Für Oskar Holenweger, der es im Militär zum Oberst im Generalstab brachte, war Angriff immer die beste Verteidigung. Dieses Credo und sein brillanter Anwalt Lorenz Erni führten zum Ende eines Justizskandals. Von einer Drittperson erfuhr Holenweger, dass der bald achtjährige Albtraum zu Ende ist: Die Bundesanwaltschaft (BA) verzichtet auf einen Weiterzug des Freispruchs durch das Bundesstrafgericht vom April. Bekannte erlebten Holenweger in diesem Augenblick erleichtert, aber nicht im Siegestaumel. Zu viel hatten er und seine Partnerin erlebt, seit am 11. Dezember 2003, morgens um halb sieben Uhr, die Polizei in ihr Haus eindrang.

Zeit für eine Feier blieb am Donnerstag auch keine, denn Holenweger musste seinen nächsten Business-Trip vorbereiten. Er ist Berater internationaler Konzerne im Bereich Finanzmodelle. «Für mich gilt es, mich von jetzt an wieder vermehrt auf meine Tätigkeit als Finanz- und Management-Berater auszurichten», liess er denn auch als Reaktion auf den Entscheid der BA mitteilen.

Eine seltene Verlautbarung, denn Holenweger blieb für die Öffentlichkeit während des gesamten Verfahrens ein Phantom – eine bewusste Strategie des früheren Vontobel-Chefs und Gründer der Tempus-Bank. Diese musste er im Zuge des haltlosen Verdachts der Drogengeldwäscherei nach der U-Haft zu einem Dumpingpreis verkaufen.

Jetzt ist Holenweger zurück im Geschäft. Seine Mandate hat er auch während des Verfahrens ausgeübt. Dass der Freispruch nun rechtskräftig wird, dürfte dem 67-Jährigen neue Aufträge einbringen. Das faktische Berufsverbot – durch den angeordneten Zwangsverkauf seiner Bank – fällt weg. Die Geschäftstätigkeit und seine Familie, die stark unter dem Verfahren leiden mussten, stehen im Fokus. Rachegedanken treiben ihn nicht um, wie Bekannte wissen.

Trotzdem ist der Nicht-Weiterzug erst der Startschuss für die Aufarbeitung einer Affäre, die zwei Bundesanwälten und letztlich auch Christoph Blocher als Bundesrat das Amt kosteten. Die BA will «einen Schlussstrich ziehen», wie sie mitteilte, doch das wird nicht gelingen. «Die Verantwortlichen müssen jetzt zur Rechenschaft gezogen werden», sagt SVP-Nationalrat Alexander J. Baumann (TG): «Es ist Unrecht geschehen und deshalb muss untersucht werden, was falsch gelaufen ist.» Baumann will sich dafür einsetzen, dass die Geschäftsprüfungskommission (GPK), der er angehört, «nun endlich Abklärungen trifft». Anträge dazu wurden bisher abgeschmettert. Doch mit einem rechtskräftigen Urteil kann sich die GPK nicht mehr hinter einem laufenden Verfahren verstecken. Erste Anzeichen gibt es bereits – die Geschäftsprüfungsdelegation (GPDel) will mit Holenweger reden.

Für den grünen Nationalrat Geri Müller (AG) ist nach wie vor eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) nötig, um das ganze Ausmass offenzulegen: «Ich spüre Zustimmung für eine PUK.» Bereits vor dem Entscheid des Nicht-Weiterzugs hatte auch FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger gegenüber dem «Sonntag» eine PUK als letztes Mittel des Parlaments befürwortet: «Hier scheint es keine andere Möglichkeit zu geben, Licht ins Dunkel der Bundesanwaltschaft zu bringen.»

Der BA droht nicht nur politisches, sondern auch juristisches Ungemach. «Holenweger könnte gemäss Verantwortlichkeitsgesetz des Bundes auf Staatshaftung klagen», sagt der Zürcher Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger. Die Klage würde sich dann gegen den Bund richten. Gegen einzelne Beamte sind laut Schwarzenegger keine zivilrechtlichen Haftungsansprüche möglich: «Dies wurde schon im Urteil des Bundesstrafgerichts berücksichtigt.» Holenweger wurden 35000 Franken Genugtuung und 395000 Franken Entschädigung zugesprochen. Nicht entschädigt wurde der Einkommensausfall nach der siebenwöchigen U-Haft.

Doch Holenweger geht es nicht um Geld. Im kleinen Kreis sieht er den Tatbestand des Amtsmissbrauchs klar erfüllt – vor allem durch Ex-Bundesanwalt Valentin Roschacher und Kurt Blöchlinger, den früheren Chef der Bundeskriminalpolizei. Denn das Bundesstrafgericht hatte festgestellt, dass der Einsatz der V-Männer Ramos und Diemer «unrechtmässig» war. Dies wies die BA in ihrer langfädigen Rechtfertigung für den Nicht-Weiterzug scharf zurück. Ob es zu Klagen wegen Amtsmissbrauchs kommt, bleibt für sie aber ein Damoklesschwert.

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