Die Schweiz ist bei den Organspenden ein Entwicklungsland. Nur Länder wie Rumänien, Albanien, Griechenland oder die Türkei schneiden noch schlechter ab. Eine Vergleichsstudie über das Organspendewesen in der Schweiz und Spanien kommt unter anderem zum Schluss, dass die Kantone mitverantwortlich für dieses miserable Resultat sind.

In Spanien liegt die Spenderate für Organe bei 32 pro Million Einwohner, fast dreimal höher als in der Schweiz. Einer der Hauptgründe für dieses europäische Spitzenresultat: Spanien setzt in seinen Spitälern flächendeckend bezahlte Spendemanager ein. Diese suchen gezielt nach geeigneten Organspenden, reden mit Angehörigen von todkranken Patienten sowie schulen und sensibilisieren das Spitalpersonal zum Thema.

«In der Romandie und im Tessin hat man das System der bezahlten Spendenmanager umgesetzt und damit fast eine Verdoppelung der Organspenden erreicht. Auch der Kanton Zürich besitzt ein ähnliches System», sagt Franz F. Immer, CEO von Swisstransplant und Facharzt für Herzchirurgie.

In der Deutschschweiz ist der bezahlte «Organ-Jäger» allerdings inexistent. «Die Gesundheitsdirektoren stünden der Organspende indifferent gegenüber», kritisiert die Studie, die die Uni Bern im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG erstellte. Der Bericht bemängelt weiter: «Die Kantone kommen ihrer Vollzugspflicht gemäss Transplantationsgesetz in finanzieller und logistischer Hinsicht nicht genügend nach.» Swisstransplant-CEO Immer: «Die Deutschschweiz hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Das muss sich ändern. Es ist untragbar, dass in unserem Land immer noch Dutzende von Menschen wegen fehlender Organe sterben.»

Deswegen soll jetzt Druck auf die Kantone ausgeübt werden. Diese bekommen demnächst Post vom nationalen Ausschuss für Organspenden. Immer: «Darin werden die Gesundheitsbehörden aufgefordert, das System der bezahlten Spendenmanager bei ihnen einzuführen und dafür zu sorgen, dass die dafür gesprochenen Gelder effizient und zweckgebunden eingesetzt werden.»

Die Vergleichsstudie listet weitere Kritikpunkte auf:

Es gibt Differenzen zwischen dem BAG und Swisstransplant über die Führungsrolle. Diese sollen bereinigt werden.

Das Spitalpersonal steht den Organspenden noch zu kritisch gegenüber. Das führt zu hohen Ablehnungsquoten. Hier wird eine Verstärkung der Weiterbildung empfohlen.

Die Medienarbeit soll intensiviert werden, um mehr Organspender zu erreichen. In Spanien wird dies systematisch betrieben – national und regional.

Das Bundesamt für Gesundheit soll die Kontrolle über die Vergabe von Geldern und die Einhaltung des Transplantationsgesetzes in den Kantonen enger kontrollieren.

Insgesamt enthält die Studie 25 Empfehlungen, die dafür sorgen sollen, dass die Schweiz nicht mehr als Organspende-Entwicklungsland gilt. Ein grosser Teil dieser Vorschläge, so hat der «Sonntag» erfahren, soll in den vom Bundesrat bis Ende 2012 in Auftrag gegebenen Bericht fliessen.

Zudem wird nächste Woche eine Erhebung aller Todesfälle in den Intensivstationen der Schweizer Spitäler beendet. Deren Ergebnisse sollen ebenfalls bis Ende Jahr vorliegen und neue Erkenntnisse über Organspenden von Toten liefern. Dazu wird demnächst eine Umfrage der Assura bei ihren über 20 000 Versicherten zum Thema Organspenden vorliegen.

Diese Aktivitäten zeigen: Die Verantwortlichen sind gewillt, dass in Zukunft in der Schweiz genügend lebensrettende Organe zur Verfügung stehen, damit die langen Wartezeiten und unnötigen Todesfälle minimiert werden können. Bis es so weit ist, vergeht noch einige Zeit. Die Gesundheitsdirektoren haben es allerdings schon jetzt in der Hand, ihre Verantwortung wahrzunehmen, und dafür zu sorgen, dass in ihren Spitälern Spendermanager eingesetzt werden. Immer: «Das hilft, schon kurzfristig mehr Organspender zu finden und damit Leben zu retten.»

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