Der Hilferuf erreichte den «Sonntag» diese Woche per E-Mail: «Angesichts des psychiatrischen Gutachtens verstehen wir nicht, warum der Angeschuldigte bis zum Prozess nicht inhaftiert wird», steht darin. Geschrieben hat es ein Opfer von M. G.* – besser bekannt als der «Heiler von Bern». Er soll 20 Personen mit HIV infiziert haben, vorwiegend Schüler seiner Musikschule, und läuft trotzdem frei bis zum Prozessbeginn herum.

Das 54 Seiten lange forensisch-psychiatrische Gutachten wirft jetzt ein ganz neues Licht auf den Fall. Es macht den Ruf nach einer Inhaftierung und die Angst der Betroffenen vor Racheakten verständlich. In dem Gutachten steht: «Die Wahrscheinlichkeit, dass G. seine Beziehungen auch in Zukunft in dieser, das Gegenüber tendenziell ausbeutenden Art und Weise konstelliert, ist hoch.» Zu Deutsch: Es besteht ein erhöhtes Risiko, dass der «Heiler von Bern» als Wiederholungstäter aktiv werden könnte. Erwähnt werden insbesondere die Tatbestände der Drohung und Nötigung. Zudem heisst es in dem Gutachten, dass G. unter einer Persönlichkeitsstörung mit «psychopathischen Zügen» leidet. Diese sei nur schwer zu therapieren.

Bei der Justiz hat man Verständnis für die Angst der Opfer. Aber man verweist auf ein Bundesgerichtsurteil von 2011, das die Gefährlichkeit des Pseudo-Heilers beurteilt hat. Dieses befand, dass die verfügten Massnahmen genügen und eine Haft nicht gerechtfertig ist.

Unverständlich: Das Gericht hob damals sogar einen Teil der Auflagen, wie tägliche Meldung bei der Polizei und das Verbot den Kanton Bern zu verlassen, wieder auf. Übrig blieb nur das Verbot, den welschen Kanton zu betreten, in dem seine Ex-Partnerin wohnt. Diese hat er unter anderem mit dem Tod bedroht.

Die Opferseite hat für das Urteil des Bundesgerichts nur Kopfschütteln übrig. «Ich befürchte, dass mit dem nahenden Prozess im März nächsten Jahres der Druck auf den Angeklagten zunimmt und, wie im Gutachten erwähnt, die Gefahr von Racheakten steigt. Zudem hat er in der Vergangenheit schon gegen Auflagen verstossen», sagt das Opfer.

Die Angst ist nicht unbegründet: Erst vor einigen Wochen ging erneut eine Anzeige gegen den «Heiler» bei der Berner Kantonspolizei ein. Er soll eine Frau bedroht und mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Sie hat ihn wegen Körperverletzung eingeklagt.

Eine neue Wende nimmt der Fall auch, was das Tatmotiv angeht. Bisher ging man davon aus, dass der «Heiler» seine Opfer gezielt mit HIV infizierte. Diese These lässt sich nach neuen Informationen, die dem «Sonntag» vorliegen, kaum mehr aufrechterhalten. Grund: Der «Heiler» hat auch drei engste Familienangehörige mit HIV infiziert. Aus Persönlichkeitsschutz verzichtet «Der Sonntag» auf die detaillierte Nennung des Verwandtschaftsgrades. Dass M. G., trotz der schlechten Prognosen, die ihm das Gutachten attestiert, sogar nahe Verwandte gezielt mit HIV verseuchte, würde jegliche Vorstellungskraft sprengen.

Diese Tragik erklärt auch, warum von den 20 Opfern «nur» 16 vor Gericht verhandelt werden. Die drei Verwandten sind nicht vor Gericht gegangen. Und in einem Fall verzichtete ein Opfer aus Angst auf eine Anklage.

Eine Person, die dem «Heiler» einmal sehr nahe stand, nennt das mögliche Tatmotiv: «Er ist ein grössenwahnsinniger Heiler, der Menschen manipuliert und sich nicht scheut, Gewalt und Drohungen anzuwenden.»

Ein weiterer Hinweis steht im Gutachten: M. G. lasse jegliches Mitgefühl gegenüber seinen Mitmenschen vermissen und er sei praktisch immun gegen Schuldgefühle. «Solange er in Freiheit ist, geht deshalb eine unberechenbare Gefahr von ihm aus», sagt das Opfer.M. G., der nicht geständig ist und für den die Unschuldsvermutung gilt, drohen im Falle einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

* Name der Redaktion bekannt

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