Weniger ist mehr. Das geflügelte Wort passt auf kaum ein politisches Ereignis besser als auf den freiwilligen Verzicht der CVP auf ihren dritten Bundesratssitz im Jahr 1959. Die damals von Generalsekretär Martin Rosenberg eingefädelte grosse Rochade im Bundesrat begründete nicht nur die Zauberformel, sondern machte die Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei, wie die CVP in dieser Zeit hiess, zum Dreh- und Angelpunkt in der Regierung.

An den zwei Vertretern der Mittepartei führte in der Landesregierung fortan (fast) kein Weg vorbei. Konnten sie doch fallweise mit dem alten Bürgerblock oder der neuen sozialdemokratischen Doppelvertretung eine Regierungsmehrheit bilden. Die Scharnierstellung der CVP beschränkte sich jedoch nicht auf den Bundesrat. Auch in den beiden Parlamentskammern spielte und spielt sie bis heute häufiger als alle anderen das Zünglein an der Waage und prägte so die Gestalt des heutigen Staatswesens massgeblich mit.

Auch wenn weniger manchmal tatsächlich mehr ist, nimmt das «weniger» bei der CVP allmählich existenzbedrohende Züge an. Mit dem Ende der stabilen Nachkriegsordnung, die der auf Ausgleich bedachten Partei entgegenkam, begann der Niedergang. Zwar schöpfte die CVP, als sie 2007 das erste Mal seit fast dreissig Jahren bei den Nationalratswahlen einen leichten Wählerzuwachs verzeichnen konnte, neue Hoffnung. Diese zerbröselte jedoch vier Jahre später, als die Partei bei den Wahlen 2011 fast einen Sechstel ihrer Wähler verlor und damit zumindest im Verhältnis zur Grösse mehr einbüsste als alle ihre Mitbewerber im Bundeshaus. Doch damit nicht genug: Während die ebenfalls arg gebeutelte FDP sich seither in kantonalen Wahlen zu stabilisieren scheint, ist bei der CVP kein Boden in Sicht.

Die christlichdemokratische Misere wurzelt tief in der Geschichte der Partei, die sich vor hundert Jahren am 22. April 1912 in Luzern als Schweizerische Konservative Volkspartei (KVP) formierte. Es war eine Zangengeburt, der eine fast vierzigjährige Phase von Einigungsversuchen vorausging. Einigungsversuche, die bloss Früh- und Totgeburten hervorgebracht hatten. Auf Kantonsebene gab es damals nämlich längst katholisch-konservativ und mehr und mehr auch christlich-sozial geprägte Gruppierungen. Viele konservative Katholiken waren jedoch im modernen Bundesstaat, der von den Freisinnigen 1848 gegen ihren Willen geschaffen wurde, nie richtig angekommen – die Bildung einer nationalen Partei kam ihnen einem Eingeständnis gleich.

Erst allmählich wuchs die «Bundestreue» der Katholisch-Konservativen. Auch wenn die Katholiken spätestens 1959 mit der Zauberformel voll und ganz angekommen sind, konnten andere Stolpersteine, die damals die Einigung behinderten, bis heute nicht aus dem Weg geräumt werden. So ist weder der alte Streit zwischen katholischer Identität und konfessioneller Öffnung noch der schon damals bestehende Gegensatz zwischen konservativen Stammlanden und christlich-sozial geprägtem Mittelland gelöst.

Heute erscheinen diese Widersprüche als deckungsgleich, vor hundert Jahren stimmten die beiden Konfliktlinien jedoch keineswegs überein. So waren die konservativen Föderalisten der Zentralschweiz an einem Zusammengehen mit konservativen Reformierten interessiert, während die ebenfalls konservativen, aber zugleich ultraklerikalen Freiburger fast die Parteigründung platzen liessen, weil die Bezeichnung «katholisch» nicht im Namen der Partei erschien.

Doch auch ohne Attribut «katholisch» vermochte sich die KVP nie wirklich aus dem «katholischen Getto» (Urs Altermatt) zu befreien. Noch heute kommt auf sechs katholische CVP-Wähler nur ein reformierter. Dass dies nicht primär am «C» im Namen liegt, zeigt die überkonfessionelle CDU in Deutschland. Die CDU hatte allerdings den Vorteil, dass sie sich nach dem 2. Weltkrieg neu aufstellen konnte.

Ein Ausbruch aus dem konfessionellen Getto wäre jedoch durchaus auch unter hiesigen Bedingungen möglich gewesen. So haben sich etwa die niederländischen Christdemokraten 1980 in einem Zusammenschluss katholischer und protestantischer Zentrumsparteien erfolgreich neu formiert. Auch in der Schweiz stand in den 1970er-Jahren mit der damals noch zentristischen SVP eine reformierte Schwesterpartei zur Vereinigung bereit. Doch es fehlten der Mut und der Wille zum Zusammenschluss.

Eine Fusion mit der SVP hätte nicht nur die Wählerbasis ausgeweitet, sie hätte auch das gefährliche Spannungsfeld zwischen konservativen Stammlanden und christlich-sozialem Mittelland entschärft. Grundsätzlich gehört es zur Charakteristik und auch zur Stärke christdemokratischer Parteien, dass sie von der Bäuerin über den Arbeiter bis zur Unternehmerin ein ausgesprochen breites soziales Spektrum umfassen. Problematisch für die Christdemokraten in der Schweiz ist, dass ihre sozialen Strömungen räumlich stark entflochten sind.

Anders als etwa in Deutschland haben alle grossen urbanen und industriellen Zentren dieses Landes einen reformierten Hintergrund. Seit dem Zeitalter der Industrialisierung führte die Zuwanderung aus den ländlich-katholischen Regionen dort jedoch zu einem wachsenden katholischen Bevölkerungsanteil. Die zugewanderten Arbeiter und Angestellten bildeten meist eher ein christlich-soziales Profil aus. Auf der anderen Seite waren die traditionellen katholischen Hochburgen entlang des Alpenbogens nicht nur im kulturellen Sinn konservativ, sondern es dominierte dort auch eine im wirtschaftlichen Sinn bürgerliche, im agrarisch-gewerblichen Sektor verankerte Wählerbasis.

Aufgrund dieser sozial-räumlichen Zerrissenheit konnte die CVP, im Gegensatz zur deutschen CDU, nie eine starke und integrative Parteimitte ausbilden. Oder etwas überspitzt formuliert: Die CVP ist eine Partei aus Flügeln, jedoch ohne Rumpf. Zusammengehalten wird das brüchige Gebilde – oh Segen, oh Fluch – letztlich nur durch die gemeinsame Konfession.

Der seit geraumer Zeit primär in Mittellandsektionen diskutierte Bruch mit der C-Tradition würde wohl unweigerlich zum Zerfall der Partei führen. Dies wäre womöglich nicht einmal der schlechteste Weg in die Zukunft. Er böte die Chance für eine Neukonfiguration der ebenso breiten wie zersplitterten politischen Mitte. So gehören so unterschiedliche Figuren wie die sozialliberale Barbara Schmid-Federer und der gemässigt konservative Köbi Büchler – beide Nationalratsmitglieder der CVP – eigentlich in zwei verschiedene Parteien.

Wie schon in den 1970ern fehlen jedoch auch heute der Mut und der Wille für eine Neusortierung der Parteienlandschaft. Und wie die letzten Bundesratswahlen deutlich gemacht haben, fehlt letztlich auch der politische Druck zum Zusammenschluss.

So bleibt der CVP letztlich nichts anderes übrig, als das Beste aus ihrer Tradition zu machen. Der traditionelle Positionsbezug der C-Parteien jenseits von Sozialismus und Liberalismus, der noch bis vor kurzem als «Wischiwaschi» verschrien wurde, trifft durchaus einen Nerv. Die Konkurrenz in der Mitte ist hierzulande jedoch zu gross, als dass daraus automatisch Wählergewinne für die CVP resultieren würden. Aber immerhin ist es Anlass für die Jubilarin, mit etwas mehr Stolz zu ihrer christlichdemokratischen Identität und Geschichte zu stehen.

* Michael Hermann, Polit-Geograf, leitet die Forschungsstelle Sotomo und ist Hochschullehrer an der Universität Zürich.

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