VON SANDRO BROTZ, PATRIK MÜLLER (TEXT) UND ALEX SPICHALE (BILDER)

Herr Ogi, Sie sind ein Mensch mit einem grossen Bewegungsdrang. Jetzt sind Sie nach Ihrer Rückenoperation stark eingeschränkt. Wie kommen Sie damit zurecht?
Adolf Ogi: Das ist für mich etwas Neues und mit meinem Temperament schwierig. Als Bundesrat stand ich immer um Viertel vor fünf auf und ging dann eine halbe Stunde joggen. Ich muss akzeptieren, dass das nicht mehr geht und es jetzt Geduld braucht.

Haben Sie die Geduld?
Ich übe mich darin. Meine Frau, meine Tochter und Freunde haben mir beigebracht, dass ich dieses Schicksal jetzt annehmen muss. Ich werde nie mehr eine Eigernordwand besteigen können, aber auf die Blüemlisalp möchte ich schon noch. Ich möchte mich wieder bewegen und meine Lieblingssportarten Skifahren, Bergsteigen und Golf ausüben können. Das ist nun mein grosses Ziel und hat absolute Priorität.

Denken Sie daran, dass auch die Blüemlisalp irgendwann nicht mehr geht?
Ja. Am schlimmsten wäre aber für mich, wenn ich nicht mehr Ski fahren könnte.

Dieser Moment wird irgendwann kommen.
Ich bereite mich auf diesen Tag vor. So, wie ich mich mit 58 damit auseinandergesetzt habe, von einem Tag auf den anderen nicht mehr Bundesrat zu sein. Das ist eine reine Kopfarbeit und eine Einstellungsfrage. Mein Sohn und meine Frau sagten damals: «So, 13 Jahre sind genug.» Da wusste ich auch nicht, was auf mich zukommt. Es war noch nicht klar, dass mir Kofi Annan das Amt des Sonderberaters für Sport im Zusammenhang mit Frieden und Entwicklung im Range eines Untergeneralsekretärs übertragen würde.

Sie werden in drei Wochen 68. Treibt Sie das um?
Es gehört auch zur Kopf- und Willensarbeit, das Alter zu akzeptieren. Wenn ich mich hier in der Reha in Leukerbad umschaue, bin ich dankbar dafür, dass es mir relativ gut geht. Aber ich fühle mit jenen, die es nicht so gut haben. Bei Gesprächen merke ich, dass ich eine Art Kraftspender und Hoffnungsträger sein kann. Die Leute sagen: «Auch den Ogi hats erwischt.» Dieses Menschsein ist in dieser Welt doch entscheidend. In einer Welt, in der es immer noch 60, 70 Konflikte gibt. In einer Welt, in der der Terrorismus noch nicht beseitigt ist. In einer Welt, in der alle 20 Sekunden ein Kind stirbt, weil es zu wenig zu essen hat. In einer Welt, in der ein Leck in einer Bohrleitung nicht gestopft werden kann.

Wo ist der Daueroptimist Ogi geblieben?
Es heisst immer: «Der Ogi ist ein Glückskind.» Ja, ich bin Optimist. Aber ich hatte viel Zeit, über meine Schicksalsschläge und über den Sinn des Lebens nachzudenken. Ich glaube immer noch daran, dass ein Wille etwas verändern kann. Das habe ich von meinem Vater, der Förster war. Unser Zuhause wurde jeden Sommer überschwemmt. Mein Vater hat das ganze Gebiet Wetterbach aufgeforstet. Ich habe als Kind selber sicher 300, 400 Tannen gesetzt. Jetzt werden wir nicht mehr überflutet. Ich glaube an die Kraft des Menschen.

Sie haben Ihren Sohn verloren. Wie hat dieser Schicksalsschlag Ihren Glauben verändert?
Der Glaube hat mich immer begleitet. Ich habe immer gebetet. Für meine Eltern, die Familie, die Freunde und das Land. Vor allem auch für meinen Vater, der Bergführer war. Er musste oft am Sonntagnachmittag ausrücken, wenn Alpinisten abgestürzt sind. Da gab es noch keine Helikopter. Ich hatte sehr stark das Gefühl, unter dem Schutz des Allmächtigen zu stehen. Der Allmächtige meinte es mit mir immer sehr gut. Und dann kam dieser Schicksalsschlag mit meinem Sohn. Das hat in mir Zweifel geweckt.

Zweifel an Gott?
Ich habe bei meinem Sohn ein medizinisches Wunder oder eine göttliche Fügung erwartet. Weder das eine noch das andere ist eingetroffen. Seither habe ich ein fragendes Verhältnis zum Allmächtigen. Ich hinterfrage viel mehr als noch vor drei Jahren. Ich hatte in meinem Leben viel Glück. Aber den eigenen Sohn zu verlieren, ist die fundamentalste Erschütterung für einen Vater. Ich konnte nicht akzeptieren, warum es meinen Sohn und nicht mich getroffen hat. Ich bin nach wie vor ein gläubiger Protestant und gehe auch ab und zu in die Predigt. Ich werde den Verlust meines Sohnes aber nie überwinden.

Alles andere wirkt klein dagegen.
Alles andere ist unbedeutend. Alles andere ist unwichtig. Ich denke immer an Mathias. Er hatte so eine gesunde Einstellung zum Leben: Er hat nicht geraucht, nicht getrunken, war sportlich, hatte eine gute Ausbildung und war hochanständig. Es ist nicht einfach, Sohn eines Bundesrats zu sein. Ich hatte nicht allzu viel Zeit für ihn, aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Wir haben unglaublich viele schöne gemeinsame Momente erlebt. Den WM-Final in Rom, als Maradona mit der Hand ein Goal machte. Da sass er neben mir. Oder die Olympischen Spiele in Atlanta. Diese Momente versuche ich jetzt wieder aufleben zu lassen.

Es hat niemand die Erwartung, über den Tod des eigenen Kindes hinwegzukommen.
Wissen Sie: Ich habe viele Gespräche geführt. Tausende Menschen haben mir geschrieben. Ich wurde ungeheuer getragen. Aber trotzdem gibt es kein Rezept, wie man damit umgehen soll. Gespräche mit dem Pfarrer, der selber einen Sohn am Berg verloren hat, haben mir geholfen. Aber: Mathias ist nicht mehr da. Ich kann nicht mehr mit ihm sein und reden.

Hat Ihnen dieser Schicksalsschlag die Lebenslust genommen?
Ich habe mich während einer gewissen Zeit bewusst zurückgezogen. Ich bin nicht mehr aufgetreten. Als Mathias krank wurde, wollte ich für ihn da sein. Ein Jahr lang hat man von mir nicht mehr viel gesehen und gehört. Das gehört zu uns hier. Wir tragen Trauer. Ich konnte nicht in einen Kreis hinein, lachen und fröhlich sein. Das kann ich auch heute noch nicht. Es ist sehr hart, darüber zu reden.

Als alt Bundesrat können Sie jeden Tag lesen, wie Ihre Nachfolger massiv kritisiert werden. Der Tenor in den Medien lautet unisono: Der Zustand der Regierung ist desolat. Haben wir eine Regierungskrise?
Ich verfolge in vielen Medien, was passiert. Ich will den Bundesrat jetzt nicht auch noch kritisieren, sondern ihm helfen. Ich habe mich gefragt: Was würde ich in dieser Situation machen? Als Bundespräsident wäre ich nicht an die Eröffnung der WM nach Südafrika geflogen. Ich hätte darauf verzichtet.

Und stattdessen was getan?
Ich hätte mit dem Vizepräsidenten gefrühstückt, wäre mit dem nächsten Bundesrat zum Mittagessen, hätte mit dem dritten Kaffee getrunken und wäre mit dem vierten zum Nachtessen gegangen. Und so weiter. Sieben Bundesräte und fünf Parteien ohne Koalitionsvertrag – das funktioniert ja weltweit nirgends!

Einspruch: Jahrzehntelang hat es tadellos funktioniert.
Es hat funktioniert, weil sich die sieben zusammengerauft haben. Weil sie sich vertraut haben. Und weil sie gewusst haben, was geheim war und was nicht – und ihre Informationsdienste im Griff hatten. Das ist vorbei. Es geht nicht mehr um das Landes-, sondern um das Parteiinteresse. Alles begann mit der Nichtwiederwahl von Ruth Metzler 2003 und von Christoph Blocher 2007. Seither machen die Bundesräte permanent Wahlkampf und rechtfertigen sich gegenüber ihrer Partei. So kann das nicht weitergehen. Die Schweiz wird unregierbar! Es braucht den Willen aller sieben Bundesräte, dass sie wieder miteinander harmonieren, einander Vertrauen schenken und gemeinsam die Probleme lösen. Und das über die Parteigrenze hinaus.

Streit gab es schon zu Ihrer Zeit: Legendär ist Ihr Konflikt mit SP-Bundesrat Otto Stich.
Wir hatten auch Auseinandersetzungen, aber dabei ging es immer um die Sache. Bei Otto Stich ging es um die Frage: Lötschbergtunnel ja oder nein. Das hat aber nicht zu einer persönlichen Animosität geführt. Klar, wir waren nicht die besten Freunde, aber wir haben um eine Sache gekämpft. Der eine dafür, der andere dagegen!

Heute verbreitet das Departement Merz Indiskretionen, die Calmy-Rey schaden sollen. Und umgekehrt.
Das macht man einfach nicht! Nehmen wir den GPK-Bericht zur UBS-Krise. Er ist hart, vielleicht zu hart. Der Bundesrat hat zum Bericht Stellung genommen und gemeint, es sei übertrieben worden und sei alles halb so schlimm. Was ist danach passiert? Am gleichen Wochenende sind fünf Bundesräte in fünf verschiedenen Medien aufgetreten und alle haben etwas anderes gesagt. Und somit den Vorwurf des GPK-Berichts bestätigt. Es braucht Führung, auch in der Kommunikation! Im Krieg haben wir einen General. Und in der Krise braucht es Führung mit einem Chef oder einer Chefin mit Kompetenzen. Wer jetzt behauptet, eine Regierungsreform sei nicht nötig, will aus der Situation nichts lernen. Die nächste Krise kommt bestimmt.

Wer muss jetzt handeln?
Ich mag Bundespräsidentin Leuthard sehr. Sie repräsentiert uns gut. Aber: Wir haben eine Krise im Land und sie muss jetzt Führung zeigen. Frau Leuthard hat die Fähigkeiten, diese Sache in den Griff zu bekommen. Sie hat Charakter, Charisma, Intelligenz und eine schnelle politische Auffassungsaufgabe. Sie könnte das Gremium zusammenhalten, hat es aber bisher nicht geschafft. Ich weiss, das ist beinharte Arbeit und braucht Zeit. Das ist wohl die letzte Chance. Ich bin deshalb für eine Amtsdauer der Bundespräsidenten von vier Jahren mit erweiterten Kompetenzen.

Es liegt doch auch daran, dass im Bundesrat nicht die besten Leute sitzen.
Es braucht Bundesräte, die bereit sind, den Veston ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit in der Garderobe vor dem Bundesratszimmer abzulegen. Sie müssen allein Land und Volk verpflichtet sein. Und niemandem sonst. Beispiel Ueli Maurer: Da weiss man nicht, was er mit seiner Armee eigentlich will. Wegen der SVP?

Er will beste Armee der Welt . . .
. . . ja, ja. Jetzt kommt aber die SVP und sagt: Das Armee-Aufklärungsdetachement AAD 10 für Auslandeinsätze kann man abschaffen. Wie passt das denn zusammen?

Der Bundesrat sagt: Alles halb so schlimm – unser Land steht gut da.
Wir haben vielleicht das Problem mit den USA gut gelöst. Das haben wir aber auch der Nationalbank zu verdanken. Doch es folgen weitere Angriffe aus Libyen, Deutschland, England, Italien, Frankreich, Brasilien und jetzt auch noch Spanien. Die nächste Krise steht schon vor der Tür. Wir pflegten früher gute Kontakte zu Helmut Kohl und François Mitterrand, die hätten uns vor möglichen Angriffen gewarnt, und es wäre nie so weit gekommen. Wir haben in der EU keine Verbündeten mehr, auch im Fall Libyen war die Unterstützung zeitweise wegen des Schengen-Abkommens halbherzig.

Ein Plädoyer für einen EU-Beitritt?
Ein Beitritt hätte in einer Volksabstimmung keine Chance. Es gäbe etwa 65 Prozent Nein. Aber das hat auch mit der Führung der Schweiz zu tun. Wenn Deutschlands Aussenminister Guido Westerwelle in die Schweiz kommt, mit Frau Calmy-Rey eine Pressekonferenz macht und dann ein Journalist fragt: «Herr Westerwelle, wäre ein Beitritt der Schweiz zur EU zu begrüssen?» Dann sagt Frau Calmy-Rey: «Darüber sprechen wir nicht, das ist kein Thema.» Solange unsere Bundesräte so reagieren, erstaunt es nicht, dass ein EU-Beitritt kein Thema sein darf.

Sie würden dafür kämpfen?
Die EU hat grosse Fehler gemacht, etwa bei der Konstruktion des Euros. Aber: Die EU hat erreicht, dass es in Europa keinen Krieg mehr gibt. Das ist historisch eine gewaltige Leistung, die alles andere überstrahlt. Unsere Probleme in der Welt werden zunehmen, wenn wir keine Verbündeten und keine Kontaktpflege mit ausländischen Staatschefs mehr haben. Die Minister der EU-Staaten treffen sich dauernd an Konferenzen. Unsere Bundesräte aber haben kein internationales Netzwerk mehr. Deshalb sollten wir sofort der G-20 beitreten, um unser Beziehungsnetz in der Welt und das Verständnis für die Schweiz zu stärken.

Welche jungen Politiker oder Führungskräfte machen Ihnen Hoffnung für die Zukunft der Schweiz?
Ich mache mir Sorgen, dass junge, lärmige SVPler den Ton angeben. Leute wie Erich Hess. Sie sehen alles schwarz-weiss, sie sind nicht bereit zu Kompromissen. Es wäre nötig, dass wieder hochkarätige Wirtschaftsleute ins Parlament einziehen. Es ist ähnlich wie im Militär: Diejenigen, die es können, sind nicht mehr bereit, mitzumachen.

Sie sind ein liberaler SVPler, wechselten aber nicht zur BDP. Wie geht es mit den beiden Parteien weiter?
Die Spaltung der SVP ist ein absoluter Blödsinn. Ich hoffte, dass man nach den Berner Kantonswahlen die beiden Parteien wieder zusammenbringen kann, aber die Gräben sind zu tief. Eine neue Chance kommt nach den eidgenössischen Wahlen 2011. Dann könnte es eine Bereinigung geben, denn ausser in den Kantonen Bern, Glarus und Graubünden hat die BDP nirgendwo eine Basis. Ein Zusammenschluss von SVP und BDP muss möglich sein.

Wird die SVP bei den nächsten Wahlen über 30 Prozent erreichen?
Da bin ich gar nicht sicher. In den vergangenen Wochen spürte ich unter eingefleischten SVPlern Unverständnis über den Zickzackkurs der Partei, etwa beim USA-Staatsvertrag. Viermal hat die Parteileitung die Position gewechselt! Es wird zum Problem, dass Christoph Blocher seine Abwahl aus dem Bundesrat noch nicht überwunden hat und sich nun aufführt, als würde die SVP ihm gehören, als wäre die SVP seine Firma.

Sie sind besorgt und engagiert: Zieht es Sie zurück in die Politik?
Nein, nein. Ich bin nicht Christoph Blocher, der mit 70 offensichtlich nochmals in den Nationalrat, ja sogar in den Bundesrat zurückkehren möchte. Er beruft sich auf das Volk! Meine Zeit als Politiker ist abgelaufen. Ich habe weiterhin einige Mandate, etwa beim Swiss Economic Forum oder bei der Kinderhilfsorganisation «Right to play», und ich beantworte täglich 30 bis 50 Briefe, die ich erhalte – mithilfe einer Sekretärin. Ich möchte aber vor allem mehr Zeit für meine Frau und für mich haben und die Schweiz noch besser kennen lernen. Grosse Auslandreisen mache ich nicht mehr. Ich habe genug von der Welt gesehen.

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