Die wichtigste Nachricht zuerst: Peter Maffay, mit 16 Auftritten sozusagen Hausmusiker von «Wetten dass …?», war diesmal nicht dabei. Um den alten Fernsehdampfer wieder flott zu kriegen, setzt das ZDF auf neues Personal.

Neu ist so einiges bei Europas grösster Unterhaltungs-Show: Begrüsste Thomas Gottschalk sein Publikum in schwarzen Schlabberhosen und einem weinroten Frack mit Glitzerweste und Cowboystiefeln, kleidet sich der Neue betont unaufgeregt: dunkler Anzug, Gilet, weisses Hemd zwei Knöpfe weit geöffnet, keine Krawatte.

Der Neue, das ist Markus Lanz. 43 Jahre alt, Südtiroler, ehemaliger Klosterschüler. Der Mann polarisiert, seit er moderiert: ein Charmebolzen, höflich, sportlich, schlagfertig. Sagen die einen. Ein Streber mit spitzbübischem Jungsgrinsen, humorfrei, zu schön, zu schleimig. Sagen die anderen.

Lanz, der einst für RTL die erste TV-Live-Übertragung einer Brustvergrösserung aus dem OP-Saal kommentierte, beginnt ziemlich nervös und etwas umständlich: «Ich habe das alles nicht gewollt, wenn es nach mir gegangen wär, hätte Thomas Gottschalk noch 100 Jahre weitermoderieren können.» Souverän ist anders.

Sein Lieblingswort ist «sehr». Lanz bedankt sich «sehr sehr herzlich» für den «sehr netten Applaus» und ist «sehr sehr gespannt» auf die «sehr spannende Wette». Wenn man als Zuschauer auf das Lieblingswort von Lanz zu achten beginnt, wirds anstrengend.

Neu begrüsst Lanz alle Gäste aufs Mal und bittet sie auf einen fahrbaren, grau-orangen Rundsitz (bei «TV-Total» abgeguckt); die Gottschalk-Couch wurde zur 200. Ausgabe entsorgt. Das sieht nun irgendwie enger aus als bei Thommy, wie sie jetzt so dasitzen von links nach rechts; als Zuschauer hofft man, dass keiner runterpurzelt. Das neue Sitzmöbel wirkt futuristisch, aber auch deutlich unbequemer als sein Vorgänger. Früher verdrückten sich die Prominenten nach ihrem Wetteinsatz, jetzt müssen Stars wie Mode-Zar Karl Lagerfeld und Opernsänger Rolando Villazón artig sitzen bleiben – bis zum Ende der Show. Eine gute Neuerung.

Er wolle sich mehr seinen Gästen widmen, hatte Lanz angekündigt. Das hat Lanz gut eingelöst. Dass er der bessere Interviewer ist als Gottschalk, der Herr der Herrenwitze, der oft fahrig wirkte, schlecht vorbereitet war und fast nur noch über sich selber sprach, ist keine Überraschung.

Wenn Lanz Karl Lagerfeld fragt, wofür er nie Geld ausgeben würde und ob er sein Testament gemacht habe, ist er Talker, nicht Entertainer. Eine Gratwanderung, erwartet der Zuschauer einer Samstagabend-Familienshow doch mit Sicherheit eines nicht: tiefschürfende Interviews.

Die auffälligste Neuerung betrifft den Umgang mit den Wettkandidaten. Sie sind die «Helden des Abends», werden in kurzen Einspielfilmen prominent vorgestellt und sitzen dauerhaft in einer Art Lounge auf der Bühne. Neu werden sechs statt fünf Wetten ausgetragen, wobei einen das Gefühl beschleicht, das meiste schon einmal gesehen zu haben. Immerhin traut sich Lanz in den Infight mit einem Gast aus dem Publikum, wenn gleich die «Lanz-Challenge» stark an «Schlag den Raab» erinnert.

Das Fazit: Lanz’ Bemühungen, Gottschalk vergessen zu machen, sind offensichtlich. Auch wenn es bei der Premiere noch nicht so recht klappen wollte – es bleibt ihm eine Menge Zeit: Das ZDF hat Lanz mit einem Dreijahres-Vertrag ausgestattet. Und so wird er auch die vielen hämischen Kritiken auf Facebook und Twitter verkraften. Wie sagte Lanz doch: «Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist nur ein bisschen Fernsehen».

* Nik Niethammer war Chefredaktor des deutschen Privatsenders Sat 1 und arbeitete für TeleZüri. Zuletzt war er Chef der «Schweizer Illustrierten».

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