VON BENJAMIN WEINMANN

Schon in 40 Tagen startet die Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Doch in der Schweiz ist die Euphorie noch nicht angekommen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass es dieses Jahr deutlich weniger Public-Viewing-Anlässe (PV) geben wird, wo die Spiele auf Grossleinwänden übertragen werden. Bei der Urheberrechtsgesellschaft Suisa sind erst 50 Gesuche eingegangen. An der Euro im eigenen Land waren es 400!

Weniger PVs bedeuten auch weniger WC-Häuschen: «Wir spüren die WM praktisch nicht. Uns liegen Offerten nur für cirka 50 WC-Kabinen vor», sagt Erika Koller von der Toiletten-Firma Toi Toi. «An der Euro 08 waren alle unsere 5500 Kabinen im Einsatz.» In Sachen Merchandising herrscht ebenfalls Ernüchterung: «Im Vergleich zur WM 2006 rechnen wir mit 40 Prozent weniger Umsatz, im Vergleich zur Euro 08 sogar mit 60 Prozent», sagt Hans Rudolf Streiff, Geschäftsführer der Fanartikel-Firma Kurt Hauser. Für diese WM hat er seinen Kunden, zu denen die grössten Warenhäuser und Sportfachhändler gehören, 70000 Schweizer Fahnen ausgeliefert – das sind 40000 weniger als an der Euro. Hatte Hans Rudolf Streiff an der Euro noch 100 verschiedene Fan-Artikel im Angebot, so sind es dieses Jahr nur noch Fahnen, Schlüsselanhänger, Tattoos und Kappen. Ochsner Sport hat die WM 2010 im Vergleich zur WM 2006 mit 20 Prozent weniger budgetiert. «Den offiziellen Nati-Fan- und WM-Shop mit den Trikots aller Nationen haben wir einen Monat später lanciert», sagt Sprecher Steve Schennach.

Der Grund: «Die WM in Südafrika ist zu weit weg, damit eine grosse Euphorie entstehen könnte.» Und weil die Schweiz an den letzten Endrunden immer dabei war, herrsche eine gewisse Sättigung. «Die meisten Fans haben inzwischen ein Nati-Trikot.» Grossfirmen nutzen die Fussball-Grossanlässe oft, um Fussbälle als Werbegeschenke zu verteilen. Vor zwei Jahren verschenkte die Credit Suisse zum Beispiel 200000 Fussbälle. «Dieses Jahr ist die Nachfrage im Vergleich zur WM 2006 nur halb so gross», sagt Peter Mucha vom Schweizer Fussballhersteller Tramondi.

Auch bei den Reisebüros ist der grosse Run auf die Tickets ausgeblieben. Im Fachmagazin «Travel Inside» sagt Roger Geissberger, CEO von Knecht Reisen: «Praktisch niemand möchte nach Südafrika an die WM. Das ist der grösste Frust, den ich in 30 Jahren erlebt habe.» Herbert Baumann von «Travelclub» glaubt, dass es nur etwa 2000 Schweizer Fans nach Südafrika verschlagen wird.

Andere Branchen hegen trotzdem Hoffnung: «Viele Fans werden dieses Jahr ihr Bier nicht wie 2006 in Deutschland oder an Public Viewings trinken, wo oft nur das offizielle Bier ausgeschenkt wird», sagt Ernst Zingg, der Verkaufschef der Brauerei Schützengarten ist und nun auf Mehrumsätze hofft.

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