Herr Beglinger, es bewegt sich einiges nach der Abzocker-Initiative. Unternehmer um den FDP-Nationalrat Ruedi Noser wollen mit dem Projekt „SuccèSuisse“ gegen den Umverteilungskampf gegen links antreten. Ist das der richtige Weg?
Nick Beglinger: Nein. Noch nicht. Nationalrat Noser spricht von „Klassenkampf“. Wir stehen zwar im Diskurs mit ihm und ich möchte nicht ausschliessen, dass wir uns auf eine Zusammenarbeit einigen können. Den Klassenkampf auszurufen und zu versuchen, alles was auf dem Tisch liegt abzuschiessen ist für uns aber der falsche Ansatz.

Und was wäre richtig?
Nötig ist jetzt, dass die Wirtschaft die Wut der Bevölkerung erkennt und ernst nimmt. Wir müssen alles auf den Tisch legen und einen Kompromiss zu finden versuchen. Die Wirtschaft muss sich pro-aktiv einbringen.

Sehen Sie Kompromiss-Chancen?
Aber sicher. Es ist eben genau falsch, seitens der Wirtschaft weiter auf Kampf und Panikmache zu setzen. Es gilt: 'Einmal tief durchatmen'. Ja, das Volk hat eine Wut. Das lässt sich nicht leugnen - bei fast 70 Prozent Ja und hoher Stimmbeteiligung bei einem an sich trockenen Aktienrechts-Thema. Aber, und das hat sich ja vor nicht allzu langer Zeit bei der Ablehnung der sechs Ferienwochen klar gezeigt, das Volk ist durchaus auch vernünftig und weiss, dass zu einer starken Gesellschaft auch eine starke Wirtschaft gehört.

Die Schweizer Wirtschaft sollte sich also glücklich schätzen?
Aber natürlich. Es gehört doch gerade zu den Stärken unseres Wirtschaftsstandorts, dass nicht Kampf sondern Partnerschaft und Vertrauen das Verhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeitern prägt. Vergleichen Sie unsere Gewerkschaften mal mit denjenigen unserer Nachbarn.

Swisscleantech war doch bisher ein grüner Wirtschaftsverband…
Wir sind und bleiben die Stimme der Grünen Wirtschaft. Vor zwei Wochen haben wir uns entschlossen, jetzt auch das Thema soziale Verantwortung aufzunehmen. Der Grund: Wir empfanden die Niederlage von Economiesuisse bei der Abzocker-Initiative und die nachfolgenden Entwicklungen als Warnruf. Unsere Mitglieder haben Angst davor, dass vieles jetzt in eine falsche Richtung gehen könnte, dass sich die Fronten verhärten. Kommen 1:12-, Mindestlohn- und ähnliche Initiativen in der jetzt bestehenden Form durch, haben wir keine liberale Wirtschaft mehr. Deshalb sagten wir uns: Wir müssen hier aktiv werden und neue Impulse einbringen. Schliesslich gilt ja auch: Grüne Wirtschaft ist Nachhaltigkeit. Und Nachhaltigkeit beinhaltet nun mal auch die soziale Dimension.

Weshalb steigen Sie gerade jetzt ein?
Man muss jetzt auf das Misstrauen in der Bevölkerung eingehen. Mit Säbelwetzen schürt man die Wut nur weiter. Die Wirtschaft muss proaktiv und partnerschaftlich mit den Arbeitnehmern eine Lösung suchen. In der Schweiz geht es nicht um Klassenkampf sondern um soziale Verantwortung - um eine liberale und soziale Marktwirtschaft. Das sind aus Sicht der Unternehmer, die richtigen Begriffe.

Sie betrachten die soziale Verantwortung als gefährdet?
Ja. Neoliberales, US-geprägtes Gedankengut und der Fokus auf die Kurzfristigkeit hat sie gefährdet. Dabei gründet das Erfolgsrezept der Schweiz auf Unternehmertum und sozialer Verantwortung. Ich kannte Patrons der alten Garde, die sich gar gegen die AHV gewehrt haben. Nicht weil sie asozial waren, sondern weil sie der Meinung waren, dass es die Aufgabe des Unternehmers und nicht des Staats ist, sich um das Wohl der Mitarbeiter zu kümmern.

Was genau ist Ihr Ziel?
Im Bereich der sozialen Verantwortung liegen mehrere Initiativen auf dem Tisch. Nach einer Auslegeordnung wollen wir einen konkreten Lösungsvorschlag erarbeiten, einen gemeinsamen Nenner zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer finden. Er soll auf den zwei Grundwerten basieren, welche die Schweiz stark gemacht haben: Die Unternehmer brauchen eine liberale Wirtschaftsordnung, und die Arbeitnehmer sollen genug verdienen.

Die Löhne sind für Sie ein Thema?
In einer gesunden Gesellschaft braucht es eine faire Entlöhnung auf jeder Stufe. Leistung und hohe Entlöhnung sind positive Werte. Die Unterschiede dürfen aber nicht exorbitant werden. Das ist heute teilweise der Fall.

In welchen Branchen?
Zum Beispiel liegen Finanz- und Pharma deutlich über dem Schnitt. Und gerade bei diesen Branchen, mit signifikanten staatlichen Eingriffen von Rettungsaktionen bis hin zu Preisverhandlungen für Medikamente, ist das nicht unproblematisch.

Hohe Löhne sind also ein Problem?
Das Problem ist, dass eine liberale Marktwirtschaft auf eine soziale Marktwirtschaft angewiesen ist. Unternehmerischer Freiraum entsteht doch genau, wenn die Partnerschaft mit Arbeitnehmern funktioniert, wenn alle Beteiligten zufrieden sind.

Heisst das Umverteilung?
Nein. Der Staat soll keineswegs sagen, wer wie viel verdient. Es geht schlicht und einfach um soziale Verantwortung. Beim Begriff 'Umverteilung' muss die Wirtschaft aufpassen - gerade bei viel Medienaufmerksamkeit auf zweistellige Millionensaläre wird das von der Mehrheit der Bevölkerung schlicht nicht verstanden. Die Verantwortung des Patrons von früher muss wieder hergestellt und in den Vordergrund gerückt werden.

Wie gehen Sie nun vor?
Wir werten zurzeit Daten aus um aufzuzeigen, wie sich die Lohnschere und die Vermögensverhältnisse genau entwickelt haben. Wir wollen wissen, wer, in welcher Branche, wie genau betroffen ist. Dabei wird klar: Viele der derzeitigen Forderungen könnten in der Tat schwerwiegende Konsequenzen für die Wirtschaft haben und sind aus unserer Sicht daher für alle Beteiligten nicht die richtige Lösung. Andererseits zeigen die Daten aber auch ernst zu nehmende Tendenzen : zum Beispiel eine „Umverteilung“ hin zu den sehr Wohlhabenden.

Sie arbeiten das Thema fast wissenschaftlich auf?
Ja. Wie wir das immer tun - und vor allem pro-aktiv. Wir wollen und müssen wissen, wie viele Firmen von der 1:12-Initiative betroffen wären. Wen genau die Mindestlohn-Initiative tangiert - und wie es dabei mit Stadt- und Land-Unterschieden steht. Wir versuchen schlicht abzuklären, wo der Schuh am meisten drückt, und zwar auf beiden Seiten.

Ihre Aussagen sind ein totales Misstrauensvotum gegenüber Economiesuisse.
Uns geht es nicht um andere Verbände. Es ist das Misstrauen in der Bevölkerung, das zählt. Trotzdem kann beim Thema soziale Verantwortung nüchtern festgestellt werden, dass Economiesuisse nun mal vor allem Grosskonzerne vertritt und gewisse Branchen wie Banken und Pharma in der Tat einen starken Einfluss haben. Die Schweizer Wirtschaft ist aber nach wie vor sehr KMU-geprägt, zum Glück.

Gab es grobe Fehler bei Economiesuisse?
Ja, ich glaube das kann man schon sagen. Im Vordergrund steht für uns nicht die Kampagnenführung sondern die Tatsache, dass man jahrelang die aufkommende Wut in der Bevölkerung nicht ernst genommen hat - Minder wurde im Ständerat hin und her geschoben. Es geht jetzt aber nicht um Schuldzuweisung.

Aber, wo liegt das Problem?
Abgehobenheit und auch, dass irgendwie zu wenig langfristig und ganzheitlich gedacht wird. Hätte man Ständerat Minder ernst genommen, sich pro-aktiv für eine Lösung eingebracht, wäre es wohl zu einem für die Wirtschaft besseren Resultat gekommen. Und es gibt auch andere Beispiele: Die Wirtschaft kann gut mit einer strengeren Raumplanung leben - bekämpft man diese jedoch, vergibt man wichtige Karten bei der Personenfreizügigkeit.

Vertreter der KMU’s wäre eigentlich der Gewerbeverband.
Wir suchen den Dialog mit allen Partnern. Der Gewerbeverband gehört natürlich dazu. Interessant ist dabei, dass wohl ca. 99 Prozent seiner Mitglieder in keiner Art und Weise von der 1:12-Initiative betroffen wären. Gerade weil die allermeisten KMU von Unternehmertum geprägt sind, müsste der Gewerbeverband wohl sehr an einem Kompromiss interessiert sein.

Sie reden auch mit den Gewerkschaften?
Natürlich. Wir haben weder nach Links noch Rechts Berührungsängste. Nur wenn wir alle wichtigen Stakeholder verstehen, kann ein guter Kompromiss zu Stande kommen.

Könnte der Mindestlohn für Sie ein Thema werden?
Wir sagen derzeit zu nichts ja und zu nichts nein. Für mich persönlich ist ein minimales Einkommen rationell eher verständlich als ein Deckel gegen oben.

Sie wollen eine sozialere Marktwirtschaft?
Unser Ziel ist eine liberale und nachhaltige Marktwirtschaft – inklusive sozialer Verantwortung. Wird das Thema seitens der Wirtschaft jetzt weiterhin falsch angegangen, besteht die Gefahr, dass wir zu viel Wirtschaftsfreiheit verlieren. Wir wollen das verhindern.

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