VON SANDRO BROTZ

Edith Hunkeler, bei schwangeren Frauen dreht sich fast alles ums Baby. Lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben.
Ich begrüsse das Baby jeden Morgen. Dann sage ich: «Guten Morgen, jetzt stehen wir auf!» Damit es weiss, jetzt beginnt der Tag. Ich rede sehr oft mit dem Baby. Dann erzähle ich davon, wie es draussen aussieht, oder beschreibe die Blumen. Früher habe ich Selbstgespräche geführt, jetzt rede ich mit dem Kind im Bauch. (lacht)

Das sind schöne und freudige Gedanken. Keine Sorgen?
Es kommt alles gut. Ich bin mir sicher, dass es ein gesundes Baby ist. Ich bin ein positiver Mensch. Ich habe keine Ängste. Es gibt vielleicht Momente, in denen ich mich frage: Schaffe ich das? Daran zweifle ich zwar nicht, aber das hat jede werdende Mutter. Man hört zwar viel, weiss aber trotzdem nicht, wie es dann wirklich ist, wenn das Kind da ist.

Informieren Sie sich intensiv oder verlassen Sie sich auf Ihre Intuition?
Ich informiere mich durch meine Liebsten. Meine Schwester und meine Mutter sind nahe Bezugspersonen. Letztlich muss ich den Weg aber selber finden. Da kann ich noch so gute 100 Ratschläge haben und wüsste eigentlich, wie es perfekt ginge. Aber ich werde mich dennoch auf meine Intuition verlassen.

Haben Sie in Ihrer Schwangerschaft etwas erlebt, dass Sie sich so nicht vorgestellt hätten?
Ich habe eine wunderbare Schwangerschaft. Mir ist es nicht übel, ich habe keine Gelüste und kann Sport treiben. Ich geniesse jeden Tag.

Ihr Kind wird per Kaiserschnitt zur Welt kommen?
Ja.

Es gibt Frauen, die belastet der Gedanke, dass sie nicht natürlich gebären können. Wie ist das bei Ihnen?
Das belastet mich nicht und ist für mich kein Problem. Es ist halt einfach so.

Sie schaffen das Bewusstsein dafür, dass auch Frauen im Rollstuhl Kinder bekommen können.
Ich wusste, dass ich eine Familie haben kann, und habe mir das auch immer gewünscht. Es muss sich aber jeder selber entscheiden: Kann ich das? Will ich das? Ich kenne viele Männer im Rollstuhl, die vorbildliche Väter wurden. Und es hat schon vor mir Frauen im Rollstuhl gegeben, die gute Mütter wurden. Jede von ihnen macht es mit Bravour. Aber wenn ich ein Vorbild sein kann, bin ich das gerne. Es macht jede Frau, die im Rollstuhl sitzt, glücklich, dass sie Kinder bekommen kann.

Denken Sie darüber nach, auf was Sie als behinderte Mutter verzichten müssen?
Diese Situationen wird es geben. Dann macht es halt der Papa. Man wird sehr erfinderisch. Ich bin durch mein Handicap automatisch auf kreative Ideen gekommen. Ich kann mir im Moment zum Beispiel nicht vorstellen, wie das im Babyschwimmen gehen soll, ohne dass wir gleich beide untergehen. Oder wie es ist, wenn das Kind Velo fährt und ich mich trauen sollte, es den Hang hinunterfahren zu lassen. Aber man kann ein Kind nicht von allem fernhalten. Es soll nicht in einer Wattebausch-Welt aufwachsen.

Sie bekommen Fragen zu hören, die man einem Menschen, der laufen kann, nicht stellen würde – zum Beispiel über Ihre Sexualität. Ist das mühsam?
Das ist nicht immer angenehm. Es kommt aber darauf an, wie die Fragestellung ist. Dann spreche ich schon darüber. Aber wenn es mir zu persönlich erscheint, dann sage ich das auch.

Nochmals: Ist es reine Neugierde oder wird eine Grenze überschritten?
Es ist schon Neugierde. Zum Beispiel die Frage: Kann man mit einem Handicap Kinder haben oder nicht? Ich habe gelernt, damit umgehen zu können.

Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Jugend auf dem Hof Ihrer Eltern im luzernischen Altishofen?
Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Wir hatten viele Freiheiten. Ich war kein scheues Kind und konnte vieles ausprobieren. Wir sind zwar behütet aufgewachsen, aber trotzdem unsere Wege gegangen.

Sie haben drei Geschwister. Wie haben diese Sie nach Ihrem Unfall unterstützt?
Ohne Familie wäre ich nicht dort, wo ich es jetzt bin. Für sie war es unheimlich schwierig, mit der Realität meines Handicaps umzugehen. Das war ja schon für mich schwierig, aber für sie genauso. Meine Familie liebt mich so, wie ich bin, und hat mich nach dem Unfall auch nicht bevorzugt. Das wäre auch nicht gut gewesen.

Kommt es vor, dass sich die Leute wegen Ihres Promi-Status verstellen?
Ich habe den Eindruck, dass man offen auf mich zugeht. Ich habe von mir auch nicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das ist auch gut so. Ich habe einen normalen Alltag und bin nicht das, für was mich die Leute manchmal halten. Klar habe ich etwas geleistet, gekämpft und kann ein Vorbild sein. Das musste ich aber zuerst lernen.

Wie anstrengend ist es, ein Vorbild zu sein?
Es ist doch toll, wenn man für ein Kind ein Vorbild sein kann. Heute gibt es doch so viele andere Möglichkeiten – seien es Pop-Grössen, Sportler oder Schauspieler. Aber wenn ein Kind mir sagt, es sei lässig, was ich mache, dann berührt mich das.

Sie strahlen eine enorme Kraft aus. Sind Sie auch mal schwach und verletzlich?
Ja, klar. Ich kann nicht immer geben, sondern muss auch nehmen können. Da helfen mir mein Partner Mark und die Familie dabei. Oder meine Freunde. Ich kann nicht einfach ein Gesicht aufsetzen, obwohl mir nicht danach ist. Ich bin, wie ich bin, auch in der Öffentlichkeit. Ich bin nicht fehlerfrei.

Worin zum Beispiel?
Ich bin extrem ungeduldig. Im Sport war ich zeitweise sehr verbissen und stur. Aber in den letzten Jahren habe ich viel dazugelernt. Heute kenne ich meine Stärken und Schwächen. Ob im Alltag oder im Sport.

Ihr Partner Mark Wolf ist ein erfolgreicher Unihockey-Sportler. Er steht eher in Ihrem Schatten. Führt dies zu Reibereien in der Beziehung?
Nein, überhaupt nicht. Für Mark und mich war es wichtig, dass er eine eigene Persönlichkeit bleibt und nicht einfach nur als mein Anhängsel wahrgenommen wird. In unserer Gesellschaft ist es für einen Mann viel schwieriger, wenn die Frau im Vordergrund steht. Ich bewundere Mark, wie er damit umgeht. Er hat seinen Job und seine Anerkennung. In der Öffentlichkeit sind wir beide gleichwertig. Das ist auch für unsere Beziehung wichtig.

Trainieren Sie auch im achten Monat der Schwangerschaft noch?
Ja, ich brauche das. Das macht den Alltag einfacher. Ich habe ein Handbike, das ist eine Art Liegevelo. Damit bin ich fast jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden unterwegs. Ich höre aber auf meinen Körper und gehe kein Risiko ein. Solange ich mich gut fühle, gehört der Sport dazu. Das wird auch nach der Geburt des Kindes ein wichtiger Teil meines Lebens sein. Vielleicht wird es nicht mehr Spitzensport sein, aber Sport ist meine Lebensqualität. Einfach dazusitzen und auf die Geburt zu warten, wäre falsch. Den Körper von 100 auf 0 herunterzufahren, geht nicht.

Muten Sie sich sportlich manchmal zu viel zu?
Das hat es gegeben. Darum habe ich im Moment auch keinen Geschwindigkeitsmesser mehr dabei. Dann wäre mein Ehrgeiz schnell wieder geweckt. Ich gehe auch allein trainieren oder zusammen mit Mark und trainiere mehr nach Puls und danach, wie ich mich fühle. Mein Kind im Bauch geht mir über alles. Ich hätte während der Schwangerschaft nie Wettkämpfe bestreiten wollen, auch wenn es noch gegangen wäre.

Bleiben die Paralympics 2012 in London trotzdem ein Fernziel?
Auf jeden Fall. Ich habe das zu Beginn der Schwangerschaft mit Mark besprochen. London wäre für mich ideal, weil es so nah ist. Ich muss aber loslassen und das Kind während meiner Trainings in die Hände meiner Familie geben können. Da sehe ich aber kein Problem. Das muss ich aber alles zuerst für mich herausfinden. Das wird ein Familienprojekt. (lacht)

Die Moderation der Miss-Schweiz-Wahl mit Beni Thurnheer hätte 2001 der Start zu einer TV-Karriere sein können. Sie wurden mit Komplimenten überschüttet. Warum ist nichts daraus geworden?
Ich mache Moderationen bei Firmenfesten. Oder Interviews mit Sportlern in einem Netzwerk. Das ist es aber schon. Grundsätzlich fehlt es am Willen der Verantwortlichen, so was zu machen. Das war schon bei den Miss-Wahlen so. Da ging es auch um die Frage, wie oft man den Rollstuhl zeigen soll oder nicht.

Das ist doch absurd. Der Rollstuhl gehört nun mal zu Ihnen.
Das ist richtig. Ich finde, die Zeit ist reif für eine Moderatorin im Rollstuhl. Es gibt aber Leute, die sehen das nicht so. Sie sagen es nicht direkt, aber ich spüre es. Dann denke ich mir oft: «Du weisst auch nicht, ob es dich auch mal treffen kann.» Der Rollstuhl ist ein Sportgerät wie ein Speer oder wie Turnschuhe.

Was für eine Sendung würden Sie am liebsten machen?
Das würde ich mir erst überlegen, wenn ein Angebot käme. Es geht auch gar nicht um mich, aber jetzt müsste jemand den Mut haben, zu sagen: «Wir ziehen das jetzt durch!»

Warum hat das SF diesen Mut nicht? In der Arbeitswelt findet diese Integration doch auch längst statt.
Es würde der Aufklärung dienen. Stellen Sie sich vor: Sie sehen jeden Abend SF Meteo mit einer Moderatorin im Rollstuhl. Da fragen die Kinder doch nach: «Mami, warum sitzt die Frau im Rollstuhl?» Das erlebe ich im kleinen Rahmen doch jeden Tag. Gewisse Eltern geben dann locker Auskunft, andere sind sehr zurückhaltend. Kinder sind offen und haben wenig Probleme, mit Menschen umzugehen, die ein Handicap haben. Das haben Erwachsene schon eher. Der Mensch verdrängt gerne.

Wie gehen Sie mit Mitleid um?
Ein Sprichwort lautet: «Mitleid bekommt man geschenkt, Neid kannst du dir verdienen.» Nach dem Unfall war dieses Mitleid sicher da. Nach 16 Jahren gehört der Rollstuhl aber einfach zu mir. Es hat sich normalisiert. Ich bin so froh, dass ich nicht mehr am Anfang dieses Prozesses stehe.

Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihren Beinen?
Ein ganz normales Verhältnis. Sie gehören zu mir. Ich spüre sie einfach nicht mehr. Meine Einstellung hat sich verändert. Ich nehme meinen Körper heute so an, wie er ist. Ich könnte mich nerven oder aufregen, aber das bringt doch nichts. Es gibt heute gute Möglichkeiten, ein Handicap zu kaschieren. Meine Beine gehören zu mir – so wie auch der Rollstuhl. Ich fühle mich nicht behindert. Die baulichen Hindernisse verursachen unser Handicap erst.

Wann haben Sie sich zuletzt über ein solches Hindernis geärgert?
An der Tankstelle. Viele dieser Säulen stehen auf einem Absatz. Da habe ich keine Chance, heranzukommen.

Lassen Sie sich dann helfen, fahren weiter oder fluchen?
Oh, ich habe schon alles gemacht! Ich lasse mir helfen, wenn ich dringend Benzin brauche. Aber würden Sie Ihren Pincode einfach weitergeben? Ich habe noch nie erlebt, dass man mir nicht geholfen hätte. Doch, einmal. Da ging ich ohne Auto weg und dachte mir, beim Kindergarten stossen mich die Kinder dann sicher hoch. Ein Kind hat aber prompt Nein gesagt und dann alle anderen auch (lacht). Da bin ich halt selber hochgefahren.

Wie oft taucht bei Ihnen heute noch die Frage auf: «Warum ich?»
Diese Frage ist weit weg. Und wenn, dann kommt sie nur kurz hoch. Ich erkläre mir das so: Im Sport habe ich viele Siege, aber auch manche Rückschläge erlebt und mich wieder nach vorne gekämpft. Dadurch sind die Siege nur noch schöner geworden. Es ist menschlich, auch zu verlieren. So ist es auch im privaten Bereich. Da gibt es ebenfalls Rückschläge, die nicht immer einfach zu bewältigen sind.

Ihrem Vater geht es nicht gut.
Leider, ja, aber dazu möchte ich aus Rücksicht auf meine Familie nichts sagen. So ist das Leben – voller Gegensätze. Das ist die Freude übers Baby, aber auch das Leid mit der Krankheit meines Vaters.

Sie haben einen enormen Willen. Hilft Ihnen das in solchen Situationen?
Das ist ein Charakterzug von mir. So war ich schon als Kind. Aber auch ich bin an meine Grenzen gestossen, als ich nicht mehr laufen konnte. Aber es stimmt: Ich habe ein Kämpferherz.

Sie haben einen Olympia-, vier Weltmeister, zehn Europameister- und 50 Schweizer-Meister-Titel. Das ist mehr als nur eindrücklich und wohl auch «Guinness-Buch»-würdig, aber finanziell zahlt es sich kaum aus.
Nein, finanziell lohnt es sich nicht.

Sie sind unterbezahlt.
Ja, so kann man das sagen. Ich mache Sport aus Freude und Leidenschaft. Und bestimmt nicht des Geldes wegen. Dafür bin ich reich an Erfahrung. Ich habe so viele Hochs und Tiefs erlebt. Der Weg, den ich gegangen bin, stimmt für mich. Man muss nur die Türen sehen, die immer wieder für einen aufgehen.

Geht auch demnächst eine Tür zu Ihrer Hochzeit mit Mark auf?
Hmm.

Das ist kein Dementi...
...gut, es könnte sein. Irgendwann, ja. (lacht)

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