Trotz neuer Wahlfreiheit: Die überwiegende Mehrheit der Hochzeitspaare entscheidet sich auch heute für einen gemeinsamen Namen – und zwar für den Namen des Mannes. Das zeigt eine Umfrage der «Schweiz am Sonntag» bei den Zivilstandsämtern. «Die Vorstellung, dass alle in der Familie gleich heissen sollen, ist tief in den Köpfen der Menschen verankert», sagt Roland Peterhans, Chef des Zivilstandsamtes Zürich. Seine Prognose: «Es braucht wohl eine Generation, bis sich das ändert, und nicht nur ein paar Jahre.»
Tradition ist nicht nur auf dem Land gefragt: Selbst im rot-grünen Zürich, das sich als urbanstes und progressivstes Zentrum der Schweiz versteht, wählen laut Peterhans satte 80 Prozent der Paare den Namen des Mannes als Familiennamen. Gleich hoch ist der Wert beim Zivilstandsamt Olten-Gösgen SO. Rekordhalter unter den befragten Ämtern ist Chur GR mit über 90 Prozent.

Etwas tiefer liegen mit jeweils rund 75 Prozent Basel-Stadt und die Aargauer Kleinstadt Baden, wo das Zivilstandsamt konkrete Zahlen vorlegt: Von den 84 Paaren, die sich zwischen Januar und April dort haben trauen lassen, hätten sich 62 für den Namen des Mannes entschieden, sagt Badens Zivilstandsamtsleiter Albert Conrad.

Das Parlament hatte bei der Erarbeitung des neuen Namensrechts eigentlich andere Vorstellungen: Es wollte Männer und Frauen gleichstellen und erreichen, dass jeder «Mensch von der Wiege bis zur Bahre den gleichen Namen trägt». So hielt es CVP-Politikerin Barbara Schmid-Federer im September 2011 im Nationalrat fest.

Die Anwendung des neuen Namensrechts ist nicht das einzige Beispiel, das Aufschluss über das eher konservative Familienbild der Schweizer gibt. Im März lehnten sie an der Urne den offen formulierten Familienartikel ab, mit dem Bund und Kantone hätten verpflichtet werden sollen, mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. Die Familieninitiative der SVP, die ein traditionelles Familienideal propagiert, führt zu erstaunlich hitzigen Debatten – und zum Wettlauf, welche politische Kraft den Titel der Familienpartei tragen darf. Und gemäss einer neuen Online-Umfrage von Parship wollen 80 Prozent der Deutschschweizer Singles zwischen 30 und 39 Jahre heiraten. Bei den unter 30-Jährigen liegt der Wert gar bei 90 Prozent.

Beim Namensrecht gibt es keinen Stadt-Land-Graben. Auch keinen Röstigraben, sind doch die Befunde aus dem calvinistischen Genf identisch mit denjenigen aus dem katholischen Solothurn. Und es gibt auch keinen Generationenkonflikt. «Viele Junge setzen stark auf Tradition», betont Beatrice Rancetti vom Zivilstandsamt Liestal. Karin Schifferle, Leiterin der Aufsichtsbehörde über das Zivilstandswesen im Kanton Bern, beobachtet gar teilweise einen Rückschritt: «Heute behalten weniger Frauen ihren Namen.» Der Grund: Früher konnten die Frauen ihren Namen weiterführen, indem sie ihn dem Männernamen voranstellten. «Wenn heute beide ihren Namen behalten, fällt das verbindende Element weg.» Ein Unbehagen, das auch Albert Conrad beobachtet: «Viele beklagen sich, dass der Doppelname mit der Voranstellung des Frauennamens nicht mehr möglich ist.»

Das Wegfallen des Doppelnamens per 2013 führte gar dazu, dass viele Paare sich noch im vergangenen Dezember haben trauen lassen, wie mehrere Zivilstandsämter festhalten.

Die Wahl des Männernamens hat auch Folgen für die Kinder: Sie werden so heissen wie der Vater. Auch bei den Paaren, die je ihren eigenen Namen behalten, hat der Mann hier mehr zu melden: Von den 20 Paaren, die in Baden geheiratet und je ihren Namen behalten haben, hat sich gemäss Albert Conrad die Hälfte für den Namen des Vaters entschieden. Nur ein Viertel hat sich für den Namen der Mutter ausgesprochen, ein Viertel hat den Entscheid vertagt.

Auch bei den nicht verheirateten Eltern stellt Karin Schifferle einen Trend fest: «Die Eltern geben den Kindern den Namen des Vaters.» Sie können dies neu innerhalb eines Jahres nach Erwerb der gemeinsamen elterlichen Sorge erklären. Eltern, die schon vor 2013 die gemeinsame elterliche Sorge hatten, haben für den Namenswechsel bis Ende Jahr Zeit.

Einen kleinen Effekt hatte das neue Namensrecht allerdings: Verheiratete, verwitwete und insbesondere geschiedene Frauen holen sich ihren Mädchennamen zurück. Die Zivilstandsämter von Genf bis Chur registrieren deutlich mehr Namenserklärungen als in den Vorjahren. Doch der Ansturm klingt schon ab. «Die Nachfrage war vor allem Anfang Jahr sehr hoch. Jetzt hat sich die Situation beruhigt», sagt Schifferle.

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