Bluthochdruck, Asthma, Diabetes – die Liste der chronischen Erkrankungen ist lang. Gemäss WHO werden 2020 mindestens 60 Prozent aller Erkrankungen chronischer Natur sein – die Grundversicherung in der Schweiz zahlte im vergangenen Jahr zwischen 17 und 18 Milliarden Franken dafür. Die Situation ist prekär: Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium geht davon aus, dass sich die Lücke zwischen nachgefragten und angebotenen Konsultationen beim Hausarzt jedes Jahr um eine halbe Million vergrössert.

Jetzt kommt Abhilfe: Medizinische Praxisassistentinnen (MPA) sollen in die Lücke springen und chronisch kranke Patienten begleiten. «Sieben Ärzte- und Praxisorganisationen sowie fünf Versicherer haben sich auf eine Pauschalvergütung für ärztliche und nichtärztliche Betreuungsleistungen geeinigt», sagt Urs Zanoni, Projektleiter des Futuro Chronic Care Management und Berater für Gesundheitsprojekte.

Die Mitarbeiterinnen könnten vielseitige Aufgaben übernehmen: von der Beratung, der Schulung bis hin zum Coaching und zur Überwachung des Patienten. Zanoni: «Die MPA kennt die Praxisabläufe, spricht die Sprache der Patienten und hat häufig ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis zu ihnen.» Folglich könne sie den Patienten dazu anleiten, sich im Alltag mehr zu bewegen oder häufiger soziale Kontakte zu pflegen. Sie kann Routineuntersuchungen und Kontrollen bei Patienten selbstständig angehen und ausführen.

Die Schulungen der MPAs starten nächsten Frühling am Weiterbildungszentrum für Gesundheitsberufe. Anfang 2013 können die ersten Patienten betreut werden. Dabei arbeitet die Praxisassistentin im Auftrag und unter Aufsicht des Arztes. Bei Bedarf werden weitere Leistungserbringer wie Spezialisten, stationäre Einrichtungen, Spitex, Fachorganisationen oder Apotheker hinzugezogen. Ein Modell, das durchaus Potenzial hat.

«Die Patienten werden umfassender betreut, die Arztgehilfinnen bekommen spannende Arbeit, die Hausärzte verdienen mehr, weil sie mehr Patienten aufnehmen können, und die Krankenkassen sparen Geld», sagt Thomas Rosemann, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich. Er verweist auf Umfragen aus Deutschland, die gezeigt hätten, dass Patienten diese Möglichkeit begrüssen.

Die Gründe, dass jetzt die MPAs einspringen müssen, sind gravierend: Es gibt zu wenig Ärzte und zu wenig Studienplätze. Um diese Unterversorgung zu beheben, haben Politiker bereits zahlreiche Vorstösse eingereicht. «Der Arbeitsinhalt, die Wertschätzung und die finanzielle Abgeltung müssen verbessert werden», sagt Dieter Kissling, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden (IfA).

Die administrativen Anforderungen seien gestiegen, so Kissling. Es gebe immer weniger Zeit für die Patienten und es finde eine zunehmende Spezialisierung statt. Kissling kritisiert die mangelnde Wertschätzung des Berufsstandes durch die Politik.

Die Vereinigung der Schweizer Ärzte FMH rechnet vor: Falls die Anzahl Studienplätze für Humanmediziner nicht um 20 Prozent angehoben würde, stehe die Schweiz in fünf bis zehn Jahren vor grossen Problemen. Denn zwei Drittel aller Allgemeinärzte seien über 57 Jahre alt. Darum werten Fachleute die Einbindung der MPAs als ein zukunftsträchtiges Modell. Marc Müller, Präsident der Hausärzte Schweiz, sagt: «Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es delegiert klar definierte Aufgaben an entsprechend ausgebildete MPAs, die in unserer Praxis tätig sind und unter unserer Aufsicht handeln. Sie kennen die Patienten und können uns bei Bedarf jederzeit im Nebenzimmer orientieren oder zurate ziehen.»

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