Rudolf Wehrli wird bei Economiesuisse keinen einfachen Start haben. Seine erste Niederlage zeichnet sich schon heute ab: Der Abstimmungskampf gegen Thomas Minders Abzockerinitiative ist kaum zu gewinnen. Das weiss auch Wehrli. Als Mann der Wirtschaft wird er aber dagegen antreten – und er hat dabei sicherlich eine höhere Glaubwürdigkeit als ein Banker. Zwar zahlt auch Wehrli als Verwaltungsratspräsident von Clariant seinem Konzernchef ein Gehalt in Millionenhöhe. Doch die Grenze von 10 Millionen Franken will er nie überschreiten.

Denn zweistellige Millionenbeträge sind für Wehrli in der Schweiz nicht akzeptabel. Er empfindet sie selbst als «üble Provokation», wie er im vertrauten Kreis einmal gesagt hat. Damit stellt sich Wehrli nicht nur gegen CS-Chef Brady Dougan, der 2009 einen Bonus von nicht weniger als 70 Millionen einstreichen konnte, sondern auch gegen Daniel Vasella, der letztes Jahr als Verwaltungsratspräsident von Novartis 25 Millionen kassierte. Als «out of proportion» soll Wehrli solche Bezüge bezeichnet haben. Öffentlich äussern will er sich aber dazu nicht. Bis zur Wahl an die Economiesuisse-Spitze Ende August gibt er keine Interviews.

Wehrli ist ein Mann der Industrie, insbesondere der innovativen, exportorientierten Schweizer Unternehmen, die sich weltweit durchsetzen – in kleinsten Nischen wie auch auf den grossen Märkten. Unternehmen, die auch der Franken-Stärke trotzen und immer fitter werden. 30 Jahre lang hat er für die Industrie gearbeitet. Der Abstecher in die Bankenwelt – Mitte der 80er-Jahre bei der Schweizerischen Kreditanstalt, der heutigen CS – war nur von kurzer Dauer. Dann zog es ihn zurück in die Produktion, an die Werkbank, wo fassbare Produkte hergestellt werden. Auch sein Verwaltungsratsmandat bei der Berner Kantonalbank (BKBE) steht im Zusammenhang mit dem Werkplatz. Denn dort kümmert er sich um die Firmentochter Biomedinvest, die Jungunternehmen das nötige Startkapital bereitstellt. Kein Wunder gibts für Wehrli nur Lob aus den Industriekreisen. Dort attestiert man ihm eine hohe Integrität und eine solide Wertebasis. Er sei ein ungewöhnlicher Typ mit breiter Erfahrung, sagt ein Weggefährte. «Er ist eine gute Wahl.»

Bei den Finanzplatzvertretern dürfte es bald anders tönen. Denn ihnen wird nicht gefallen, dass die Banken nach Wehrlis Ansicht zu reinen Dienstleistern der Wirtschaft zurückstuft werden sollten. Die Zukunft des hiesigen Finanzplatzes jedenfalls sieht er weder in der lange erfolgreich betriebenen Vermögensverwaltung mit Steuerfluchtgeldern noch im Investmentbanking, wo mit Kleinstmengen an Eigenkapital grosse Risiken gestemmt werden. Die Banken sollten sich vielmehr zurückbesinnen auf ihre Ursprünge, als sie Infrastrukturprojekte finanzierten und die Exportindustrie unterstützen. So will Wehrli die Beziehungen zwischen Finanz- und Werkplatz wieder kitten, die wegen der Überheblichkeit der Banker und hohen Boni arg strapaziert wurde.

Seine Abneigung gegen Grossbanken kommt wohl nicht von ungefähr: Wehrli erlebte bei Clariant hautnah mit, wie es ist, wenn man zunehmend von den Banken abhängig wird. Als der Chemiekonzern in Schwierigkeiten kam, mussten Banken ihm mit Krediten und Anleihen unter die Arme greifen – und konnten dann auch mitreden. Unternehmer fühlen sich in solchen Situationen komplett den Bankern ausgeliefert und machtlos.

Der designierte Präsident dürfte mit seinen Positionen im Economiesuisse-Verband für hitzige Debatten und Richtungskämpfe sorgen. Der neue starke Mann scheint für diese Auseinandersetzungen gut gerüstet zu sein, verfügt er doch über ein gefestigtes moralisches Koordinatensystem, das nur schwer zu erschüttern sein dürfte. Für die mächtigsten Mitglieder des Vorstandsausschusses könnte er deshalb noch zur Knacknuss werden. Darin sitzen unter anderen Daniel Vasella, CS-Präsident Urs Rohner und Patrick Odier, der Präsident der Bankiervereinigung. Wegen der divergierenden Interessen ist es grundsätzlich nicht einfach, den Wirtschaftsdachverband zusammenzuhalten. Es stehen sich nicht nur Finanz- und Werkplatz gegenüber, es gibt auch Differenzen zwischen Grosskonzernen und Kleinbetrieben sowie zwischen export- und wettbewerbsorientierten Firmen und der relativ gut geschützten Binnenwirtschaft.

Trotz Kritik an den überrissenen Salären bei Banken und Pharma, trotz der harten Ansagen an den Finanzplatz – und trotz seines ungewöhnlichen Werdegangs mit einem Doppelstudium in Theologie und Philosophie: Wehrli ist ein Mann der Wirtschaft und des Freisinns. Aber er gehört zu jener Generation, die es nicht für selbstverständlich nimmt, dass die Schweiz auch in Zukunft von einem derartigen Wohlstand profitieren kann, wie in den letzten 50 Jahren. Und er gehört zu jenen, die Wohlstand nicht nur mit viel Geld gleichsetzen, sondern auch mit guter Infrastruktur, guten Schulen, einem funktionierenden Sozialversicherungssystem und einem breiten Kulturangebot. Einer also, der nicht will, dass der Staat überall eingreift, aber der sich bewusst ist, dass es einen Staat braucht. Die Basis aber ist immer eine gut funktionierende Wirtschaft. Ohne diese fehlt dem Staat das Geld für seine Leistungen.

Mit 63 kann Wehrli am 1. Oktober das Economiesuisse-Präsidium nur für eine Amtsperiode übernehmen, also für nur drei Jahre. Dann hat er die statutarisch festgesetzte Alterslimite überschritten. Leute, die ihn kennen, sagen, für ihn sei es eine «Verpflichtung» gewesen, Ja zum Präsidium zu sagen, als er angefragt wurde. So könne er der Wirtschaft und damit indirekt der Gesellschaft etwas zurückgeben. Denn auch Wirtschaftsführer seien nicht nur für sich selber da.

Die soziale Verpflichtung von Wehrli zeigt sich auch in seinem Führungsverständnis. So will er offenbar die Stellung der Vizepräsidenten des Dachverbands aufwerten: Hans Hess, der Präsident des Maschinenindustrieverbands Swissmem, Christoph Mäder, der Präsident des Chemie- und Pharma-Verbands Scienceindustries, sowie Bankier-Präsident Odier sollen mehr Verantwortung übernehmen. Wehrli selbst will sich mit einem 35-Prozent-Pensum begnügen, wie Recherchen des «Sonntags» zeigen. Sein Vorgänger, Gerold Bührer, beanspruchte noch 50 Prozent. Zudem will Wehrli einige seiner aktuell rund ein Dutzend Mandate abgeben. Welche das sind, war nicht zu erfahren. Sicher behält er das Präsidium bei Clariant.

Ebenfalls behalten dürfte er das Präsidium bei der Sefar Holding in Thal (SG), einer Textilfabrik, die hoch spezialisierte Textilmembranen und -gasen für den Druckbereich und Filteranwendungen herstellt. Denn Wehrli erzählt gerne vom Ostschweizer Traditionsunternehmen, das rund 2200 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von 330 Millionen Franken erzielt – und trotz extrem hohen Exportanteils noch immer in der Schweiz produziert.

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