VON SANDRO BROTZ

Auf Lob von den neuen Chefs mussten sich die im Sportstudio am Leutschenbach versammelten Mitarbeiter exakt 14 Minuten und 6 Sekunden gedulden. Dann aber setzte SRG-Generaldirektor Roger de Weck am vergangenen Montagmittag zu einer Ode auf die Belegschaft an:

«Ich war bei den Swiss Awards. Ich war so beeindruckt von der Art und Weise, wie professionell dieser Abend über Stunden durchgezogen wurde. In diesem Unternehmen steht ein einzigartiges, wertvolles Know-how, das für die ganze Schweiz und ihre Volk swirtschaft von Bedeutung und wertvoll ist.»

Das Video zum Anlass – moderiert von Radiofrau Susanne Brunner und Sportmoderator Rainer-Maria Salzgeber – findet sich auf dem Intranet des zusammengelegten Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Es liegt dem «Sonntag» vor. Der Auftritt von de Weck und SRF-Direktor Rudolf Matter ist das Gesprächsthema in den Service-public-Redaktionen von Zürich über Bern bis nach Basel. Denn Matter vermittelte deutlich, was er künftig von seinen Mitarbeitern erwartet:

«Die Anforderungen werden grösser. Wir stehen ja auch dazu, dass wir künftig multimedial sehr viel stärker präsent sein wollen im Internet. Wir haben keiner einzigen Redaktion Stellen weggestrichen. Aber die Leistungserwartung ist da – das stimmt –, dass die Redaktionen künftig in der Lage sein müssen, mehr zu machen für die Vermittlung und Zurverfügungstellung von Programmen im Internet.»

Kurzum: Es gibt mehr Arbeit für die Radio- und TV-Macher – und es ist eine weitere Kampfansage an die Verleger. Diese beobachten die Ausbaupläne für das Internetangebot mit Argusaugen. Schliesslich werden die Portale mit Gebühren-Millionen finanziert. Doch Matter zeigte sich von der Kritik unbeeindruckt, wie seine selbstbewussten Aussagen in dem internen Video klar machen:

«Wir verlieren bei den alten Programmen auf hohem Niveau ein bisschen Reichweite – bei SF 1, bei DRS 1. Aber insgesamt stehen wir gut da. Deswegen sind die Verleger auch sehr, äh, ziemlich stark in ihrer Anti-SRG-Rhetorik, weil wir die bessere Ausgangsposition haben. Das können wir uns alle bewusst sein: Wir gehen aus einer sehr guten P osition in dieses neue Zeitalter hinein.»

Matters Vorgesetzter de Weck schwor die Programmschaffenden derweil gegen die angebliche «Anti-SRG-Rhetorik» ein:

«Wenn wir zusammenstehen und wissen, was wir wollen, und wieder finanziellen Handlungsspielraum haben, bin ich für die SRG sehr zuversichtlich. Dann werden auch die politischen und medialen Anfechtungen gegen unser Haus nach und nach abnehmen.»

Doch das Publikum im Sportstudio mochte nicht den Part von Claqueuren übernehmen. «Puls»-Redaktorin Arabelle Frey und Moderatorin Brunner fragen bei de Weck nach, ob für das Internetangebot denn Gebühren erhoben werden sollen. Seine Antwort:

«(...) Das breite Publikum wäre sicher nicht bereit, eine Gebühr für ein Internetangebot zu zahlen. (…) Es hat im Parlament eine Diskussion begonnen über eine Mediengebühr statt einer Radio- und Fernsehgebühr. Das geht in die richtige Richtung. Man kann unser Unternehmen nicht einfach am Radio- und Fernsehgerät festmachen. Es ist eine Vielzahl von Empfangsgeräten und interaktiven Geräten, die plötzlich im Spiel sind. (…)»

Damit macht de Weck als neuer Herr über 18 Radio- und acht Fernsehprogramme die Türen auf zur brisanten Debatte über eine Mediensteuer. In der ständerätlichen Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) ist der Vorschlag, die Gebühren für Radio und Fernsehen flächendeckend und geräteunabhängig einzutreiben, bereits auf Zustimmung gestossen. Trotz der neuen Regelung soll es die ungeliebte Billag auch künftig geben. Sie treibt die stolzen 462 Franken jährlich pro Privathaushalt ein.

Die Radio- und TV-Mitarbeiter sind von den Billag-Gebühren befreit. Sie befürchten aber einen Budget- und Leistungsabbau, wie das Video offenlegt. Norbert Bischofberger, Redaktionsleiter «Sternstunden», monierte an der Veranstaltung, dass man nicht von gleich bleibendem Budget sprechen könne. Ex-Mc-Kinsey-Mann Matter konterte:

«Im Wechsel von 2010 zu 2011 hat es keine Budgetreduktionen bei Redaktionen gegeben. Nur im Support-Bereich. (...) Im Support-Bereich gab es dieses Effizienz-Projekt. Dieses Projekt war vielleicht nicht ganz so effizient, wie es der Name versprochen hat. (...) Dort führt es zu Einschnitten und auch zu Abbau von Stellen.»

Zum Thema gemacht wurden weiter die, so Matter, «Einflussversuche» der Politik. Dabei startete das konvergente Duo einen Angriff auf den ehemaligen SP-Präsidenten Helmut Hubacher. Originalton de Weck:

«Was mich richtig schockiert hat, war vor ein paar Wochen in der ‹Basler Zeitung› eine Kolumne von Helmut Hubacher. Er hat letztlich gesagt (...), die SRG müsse nur eine Infrastruktur für Politikerinnen und Politiker zur Verfügung stellen. (...) Wir pochen auf unsere Unabhängigkeit.»

Und Matter legte nach:

«Ich war genauso schockiert wie Roger von einem Politiker, von dem ich früher mal viel gehalten habe, über seine Vorstellung, wie Journalismus funktioniert. Wir sind hier nicht in Ungarn.»

Ein vom Parlament in Budapest beschlossenes Gesetz schränkt die Pressefreiheit ein. De Weck und Matter versprachen ihren Mitarbeitern am Montag, dafür zu sorgen, dass hierzulande gar nicht erst ungarische Gelüste aufkommen. De Weck angriffig:

«(...) Schwerpunkte setzen wir so, wie wir es für richtig halten, und nicht, wie es Politiker richtig finden.»

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