Frau Alleva, Sie sind als Kind italienischer Einwanderer in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Sind Sie darum Gewerkschafterin geworden?
Vania Alleva: Das hat mich sicher stark geprägt. Als Tochter von Migranten und Kind einer Arbeiterfamilie war ich früh mit Ungerechtigkeiten konfrontiert. Von meinen Eltern habe ich gelernt, dass man sich wehren kann, wenn man zusammensteht. In der Gewerkschaft lebe ich diesem Grundsatz nach.

Welche Ungerechtigkeiten haben Sie erlebt?
Als «Tschingg» habe ich schon auf dem Kinderspielplatz erfahren, wie Diskriminierung läuft. In der Schule gab es extreme Hürden. Obwohl ich Deutsch konnte, wollte mir meine Lehrerin in der ersten Klasse verbieten, zu Hause Italienisch zu sprechen. Später wurde es als anmassend empfunden, dass ein Arbeiter- und Migrantenkind es wagt, die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zu machen. Die Lehrer sagten mir: Das ist nichts für dich. Ich habe es trotzdem geschafft. Am Gymi war ich dann mehrheitlich von Goldküstenkindern umgeben.

Sind Sie als Akademikerin und Gewerkschaftsfunktionärin nicht sehr weit weg von den einfachen Leuten?
Nein. Durch meine Herkunft kenne ich ihre Ängste und Sorgen sehr gut. Meine Eltern haben ein Leben lang hart gearbeitet und auf vieles verzichtet, um mir und meinen Brüdern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie konnten dieses Ziel erreichen. Heute schaffen das viele nicht mehr, trotz härtester Arbeit.

Sie wollen im Ernst behaupten, dass es in den Siebzigerjahren besser war als heute?
Das nicht. Aber wir wissen von vielen unserer Mitglieder, dass sie ihre Familie kaum mehr durchbringen. Unser Ziel muss sein, dass die Büezer auch heute ihren Kindern eine bessere Zukunft bauen können. Da haben wir als Gewerkschaft eine Rolle.

Nun werden Sie in zwei Wochen zur Co-Präsidentin der grössten Schweizer Gewerkschaft gewählt. Was wird unter Ihnen anders?
Der Aufbau der Unia in den letzten acht Jahren ist eine Erfolgsgeschichte. Aber wir müssen noch näher zu den Leuten gehen, bei unseren Kampagnen die Mitglieder besser einbeziehen. Die Mitglieder sollen die Unia aktiv mittragen.

Was heisst das?
Unser Ansatz ist die Stärkung der Gewerkschaft vor Ort. Wir wollen die Präsenz in den Betrieben, Branchen und Regionen verstärken, ein dichteres Netz von Vertrauensleuten in den Betrieben aufbauen. Vor allem im Dienstleistungsbereich ist da noch viel Potenzial.

Die Gewerkschaften verlieren laufend Mitglieder, auch die Unia. Lässt sich dieser Trend überhaupt brechen?
Ich muss Sie korrigieren: Seit der Fusion haben wir bei den erwerbstätigen Mitgliedern zugelegt. Verloren haben wir bei den Rentnern und den Nichterwerbstätigen. In den letzten zwei Jahren ist die Mitgliederzahl insgesamt gestiegen.

Im letzten Jahr waren es aber nur 112 Mitglieder mehr. Damit können Sie nicht zufrieden sein. Wo sehen Sie Wachstumsmöglichkeiten?
Vor allem in den Dienstleistungsberufen, wo wir in den letzten vier Jahren um gegen 5000 Mitglieder gewachsen sind. Im Gastgewerbe, im Detailhandel oder Transport müssen wir den Aufbau fortsetzen. Zudem wollen wir in weiteren Branchen Aufbauprojekte anschieben. Die Zahl der Dienstleistungsangestellten nimmt in der Industrie und auf dem Bau zu. Zum Beispiel boomt das Facility-Management, in der Industrie sind es die Angestellten in den Büros und Labors. Da haben wir ein grosses Potenzial. Das hat der Novartis-Streik in Nyon oder der Protest bei der Schliessung von Merck Serono in Genf gezeigt.

Die Gewerkschaften sind immer noch eine männlich geprägte Bewegung. Erstmals wird mit Ihnen eine Frau Co-Präsidentin der Unia. Was tun Sie für die Frauen?
Die Unia muss sicher noch weiblicher werden. Es braucht mehr Frauen, die sich als Vertrauensleute engagieren, die Leitungsfunktionen übernehmen oder die Gesamtarbeitsverträge aushandeln. Das ist noch zu wenig der Fall. Bei Kampagnen werden wir vermehrt Themen aufnehmen, die für Frauen wichtig sind, etwa die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder unser Engagement gegen längere Ladenöffnungszeiten.

Damit verhindern Sie doch die Schaffung ganz vieler Jobs. Statt dass man in den normalen Läden einkaufen kann, drängen Sie die Kunden in die Tankstellenshops.
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass durch längere Ladenöffnungszeiten mehr Jobs geschaffen werden. Die Konsumenten geben ihr Geld nur einmal aus. Mit längeren Ladenöffnungszeiten muss das gleiche Personal länger arbeiten oder endlose Arbeitstage mit längeren Unterbrüchen hinnehmen, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verschlechtert. Zudem sind viele Jobs schlecht bezahlt, gerade in den Tankstellenshops. Darum sind wir gegen längere Öffnungszeiten.

Aber sie sind ein Bedürfnis der Kunden.
Eben nicht. In neun von zehn Abstimmungen wurde eine weitere Deregulierung abgelehnt. Und eine repräsentative Umfrage von Comparis zeigt, dass eine grosse Mehrheit der Konsumenten mit den bestehenden Ladenöffnungszeiten zufrieden ist.

Welches ist Ihre Hauptforderung für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie?
Kinderbetreuung darf nicht einfach Privatsache sein, sondern ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Es braucht mehr familienergänzende Betreuungsmöglichkeiten, Krippen, Tagesschulen, Frühschulen. Frankreich zum Beispiel ist uns da einen Schritt voraus. Darum ist dort die Erwerbstätigkeit der Frauen höher. Arbeitszeiten müssen planbar und familienfreundlich sein. Wir fordern aber auch zusätzliche Ferien für Arbeitnehmende mit betreuungspflichtigen Kindern, eine Verlängerung der Mutterschaftsversicherung und die Einführung des Vaterschaftsurlaubs. Wir versuchen, das in den Gesamtarbeitsverträgen zu verankern.

Die Gewerkschaften fordern sogar einen milliardenschweren Ausbau der AHV, obwohl ihr wegen der Alterung der Gesellschaft bald das Geld ausgeht. Das ist doch unverantwortlich.
Die AHV schreibt seit Jahren schwarze Zahlen und steht auf absehbare Zeit auf gesunden Beinen. Denn einerseits steigt die gesamte Lohnsumme und somit steigen auch die AHV-Einnahmen. Anderseits haben wir eine hohe Immigration, die auch zu höheren Einzahlungen führt. Mit der Erbschaftssteuerinitiative, die Grosserben von über 2 Millionen Franken besteuern will, soll zudem die AHV auch langfristig gesichert werden.

Wie wollen Sie die AHV denn ausbauen?
Unser Ziel ist, dass die tieferen und mittleren Einkommen eine höhere Rente erhalten. Wir diskutieren noch verschiedene Varianten. Zum Beispiel 10Prozent mehr AHV-Rente für alle, was bei tiefen Einkommen die Renteneinnahmen überproportional erhöht, oder eine volle 13. AHV-Rente für alle. Das würde unten noch mehr einschenken. Im nächsten Jahr werden wir eine Volksinitiative starten.

Wie wollen Sie das finanzieren, über eine Kürzung der Renten der Besserverdienenden?
Nein, mit der Erbschaftssteuer für Millionenerben und mit einer bescheidenen Erhöhung der Lohnprozente.

Aber durch höhere Lohnnebenkosten belasten Sie den Wirtschaftsstandort, der ohnehin schon unter Druck ist, noch mehr.
Die Lohnabzüge würden höchstens um ein Prozent steigen. Das ist verkraftbar, wenn man den gesamtgesellschaftlichen Nutzen einer gestärkten AHV bedenkt.

Gleichzeitig fordern Sie einen einheitlichen Mindestlohn für die gesamte Maschinen- und Metallindustrie. Gefährden Sie damit nicht jene Firmen, die wegen des starken Frankens schon jetzt keinen Gewinn mehr machen?
Niemand kann ernsthaft meinen, dass wir die Konkurrenzfähigkeit der Industrie mit tiefen Löhnen aufrechterhalten können. Die Industrie in der Schweiz hat eine Zukunft, wenn sie auf Qualität und Innovation setzt. Es zeigt sich ja, dass die Uhrenindustrie, die Präzionsinstrumentehersteller und die Zulieferer von spezialisierten Produkten sogar mitten in der Krise neue Stellen geschaffen haben. Das ist der Weg, den wir verfolgen müssen. Was den starken Franken angeht: Hier ist die Nationalbank gefordert, die Wechselkursuntergrenze zum Euro endlich auf einen realistischen Kurs von Fr. 1.40 anzuheben.

Sie unterstützen auch die 1:12-Initiative der Juso. Die Arbeitgeber drohen, bei einem Ja entweder ihre hoch oder ihre tief bezahlten Stellen ins Ausland zu verlagern. Die Initiative würde also die Schweiz als Standort gefährden.
Nein, vielmehr würde die 1:12-Initiative die Anreize in der Wirtschaft richtig setzen: weg von Gier und kurzfristigem Profitdenken, hin zu einer gerechteren Beteiligung aller am Erwirtschafteten. An eine massenhafte Abwanderung der Unternehmen glaube ich nicht. Es sind andere Gründe, wieso die Konzerne in der Schweiz sind, zum Beispiel die qualifizierten Arbeitskräfte, tiefe Steuern und die gute Infrastruktur.

Diese Woche hat der Gewerkschaftsbund eine Klage gegen die Schweiz bei der Internationalen Arbeitsorganisation reaktiviert, weil sie Gewerkschafter zu wenig vor Kündigungen schütze. Sind weitere Schritte geplant?
Ja, am Unia-Kongress Ende November werden wir über eine Initiative für mehr Schutz vor antigewerkschaftlichen Kündigungen diskutieren, aber auch für mehr Schutz vor Massenentlassungen. In der Schweiz ist der Kündigungsschutz sehr schlecht. Im Gegensatz zum Ausland gibt es keinen wirksamen Schutz für Gewerkschafter. Es kann auch nicht sein, dass Betriebe, die Gewinn schreiben, einfach Leute entlassen, und dies noch ohne Sozialplan. Gegen diesen Skandal muss der Gesetzgeber endlich etwas unternehmen. Der Druck unserer Basis ist so gross, dass wir eine solche Initiative starten. Wir werden vom Kongress sicher einen klaren Auftrag bekommen, eine Volksinitiative auszuarbeiten.

Sie sind Mitglied des Grünen Bündnisses Bern. Wieso nicht der SP, die den Gewerkschaften nahesteht?
Das Grüne Bündnis in Bern ist ebenfalls sehr gewerkschaftsnah, in sozialen Fragen gibt es keinen Unterschied zur SP. Mich hat vor allem das migrationspolitische Engagement des Grünen Bündnisses überzeugt. Die SP ist mir zu breit aufgestellt. Wäre ich in der SP, würde ich eher am linken Rand stehen.

Ist eine politische Karriere ein Thema für Sie?
Mein Kerngeschäft ist die Gewerkschaftsarbeit. Wenn ich als Co-Präsidentin der Unia gewählt werde, dann ist es mir wichtig, dass ich Zeit habe, meine Arbeit richtig zu machen und bei den Leuten zu sein, um den Puls unserer Basis zu spüren. Darum kommt für mich eine politische Karriere zurzeit nicht infrage. Es ist auch nicht nötig. Wir haben Vertreter in den Parlamenten, mit denen ich gut zusammenarbeite.

Sie sind Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Wollen Sie auch Präsidentin werden?
Im Moment ist das kein Thema. Mit dem Co-Präsidium bei der Unia habe ich eine ausreichend grosse Herausforderung vor mir.

Als Kind von Migranten mussten Sie sich einbürgern lassen. Wie zufrieden sind Sie mit der Integrationspolitik der Schweiz?
Die Schweiz ist ein Einwanderungsland und könnte stolz auf ihre Integrationsleistung sein. Aber rechte Parteien spielen mit den Ängsten der Bevölkerung, statt die Probleme zu lösen.

Wo zum Beispiel?
Um die Löhne in der Schweiz zu schützen, muss man nicht die Grenzen dichtmachen, sondern die Schutzmassnahmen gegen Lohndumping erhöhen. Aber die SVP lehnt das ab und polemisiert lieber gegen 21 Prozent sogenannte «Ausländer» im Land. Dabei hat das vor allem auch mit der zurückhaltenden Einbürgerungspraxis zu tun, denn viele «Ausländer» sind hier aufgewachsen oder geboren, es sind Einheimische ohne Schweizer Pass. Mein Neffe, Teil der dritten Generation in der Schweiz, gilt immer noch als Ausländer. Das ist doch unsinnig.

Das heisst, Sie fordern einen neuen Anlauf bei der erleichterten Einbürgerung?
Ja. Wenn man alle einbürgern würde, die seit mehr als zwölf Jahren in der Schweiz sind, dann würde der Ausländeranteil auf 7 Prozent sinken. Das wäre dann durchaus vergleichbar mit anderen Ländern. Wir fordern, dass alle, die hier arbeiten und wohnen, die gleichen Rechte haben. Zum Beispiel werden Migranten je nach Herkunft beim Lohn oder bei der Anerkennung ihrer Diplome diskriminiert. Wir verlangen auch, dass die rund 100 000 Sans-Papiers, die hier arbeiten, eine geregelte Aufenthaltsbewilligung erhalten. Und wir wollen politische Rechte für alle, die hier seit langem wohnen, unabhängig vom Pass.

Also das Ausländerstimmrecht?
Ja, zumindest auf Gemeinde- und Kantonsebene. Die Leute arbeiten hier und zahlen hier Steuern. Es ist wichtig, dass sie auch mitbestimmen können.

Am Unia-Kongress von Ende November wird Vania Alleva als Nachfolgerin von Andreas Rieger zur neuen Co-Präsidentin der grössten Schweizer Gewerkschaft gewählt, zusammen mit dem Bisherigen Renzo Ambrosetti. Gegenkandidaten gibt es keine. Die 42-Jährige ist schweizerisch-italienische Doppelbürgerin. Sie ist in Zürich als Tochter eines Lastwagenchauffeurs und einer gelernten Schneiderin, die als Putzfrau und in Fabriken arbeitete, aufgewachsen. Die Eltern waren Ende der Fünfzigerjahre aus Italien in die Schweiz eingewandert. Alleva studierte in Rom Kunstgeschichte und machte in der Schweiz ein Nachdiplomstudium in interkultureller Kommunikation. Seit 2008 ist sie Unia-Geschäftsleitungsmitglied, seit 2009 Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Sie ist verheiratet und wohnt in Bern.

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