VON FLORENCE VUICHARD, BENJAMIN WEINMANN

Herr Bulcke, Sie sind seit rund einem Jahr Chef von Nestlé. Hätten Sie den Job auch angenommen, wenn Sie gewusst hätten, dass es mit der Wirtschaft nur noch bergab geht?
Was glauben Sie? Natürlich. Ich habe meinen Job bisher sehr genossen. Eigentlich ist es sogar ein idealer Zeitpunkt, eine solche Herausforderung anzunehmen. Man ist frisch und verfügt über genügend Energie, um die Turbulenzen zu meistern. Das ist wie im Sport.

Wie im Sport?
Ja. Ich glaube, dass man in schweren Zeiten eher etwas bewirken kann. Ich vergleiche das immer mit den Fahrradrennen, mit der Tour de France. Die grossen Zeitvorsprünge erzielen die Rennfahrer beim Berganstieg, nicht im Flachen. Solche Herausforderungen bieten auch viele Chancen. In guten Zeiten ist es einfacher, diese Chancen zu finden, da sind sie offensichtlich. Aber in der Krise wird sich der Bessere erst recht durchsetzen.

Das klingt nun aber etwas gar optimistisch.
Natürlich ist die Lage schwierig. Aber die Chancen sind da. Es liegt an den Regierungsspitzen und den Chefs von Unternehmen, die Menschen wieder zu inspirieren. Es braucht sehr viel Führungsstärke, denn momentan sind die Menschen nervös.

Sie nicht?
Nein – nicht nervös, aber sehr wachsam. Wir müssen für alles gewappnet sein. Auch wir wissen nicht, wie lange die Krise dauert. Aber ich bin zuversichtlich und springe nicht wegen jeder neuen Konjunkturprognose aus dem Fenster.

Werden Sie auch beim Blick auf den Aktienmarkt nicht nervös? Die Nestlé-Aktie hat seit Ihrem Amtsantritt rund einen Viertel an Wert verloren.
Nein, denn was zählt, ist der langfristige Erfolg. In den nächsten zehn Jahren rechnen wir mit einer Milliarde zusätzlicher Konsumenten weltweit, die sich unsere Produkte leisten können. Wir wollen als führendes Unternehmen für Nutrition, Gesundheit und Wohlbefinden weltweit anerkannt sein. Das ist unser langfristiges Ziel.

Trotzdem: Nestlé ist mit seiner globalen Präsenz der weltweiten Rezession ausgesetzt. Werden Sie Stellen streichen?
Wir haben keine grossen Umstrukturierungspläne. Wir wollen weiter wachsen, und dafür müssen unsere Teams noch produktiver werden. Ausserdem planen wir für dieses Jahr die Schaffung von über 300 neuen Stellen in der Schweiz. Generell muss eine Firma immer versuchen, effizienter zu arbeiten. In turbulenten Zeiten sind solche Massnahmen besser nachvollziehbar und werden eher akzeptiert. Auch wir können mit Ressourcen, Zeit und Geld nicht verschwenderisch umgehen. Um an der Spitze zu bleiben, muss man schneller sein als der Rest. Und dafür wiederum muss man schlank sein. Das sind wir, und wir werden diesen Prozess weiter vorantreiben.

Sie können also nicht garantieren, dass es bei Nestlé in diesem Jahr zu keinem Stellenabbau kommt.
Ich möchte keine falschen Versprechungen machen. Das wäre nicht fair. Man weiss nie, was noch alles passieren kann. Deshalb garantiere ich nie etwas. Stattdessen möchte ich eine Atmosphäre kreieren, in der unsere Mitarbeiter an Nestlé glauben und stolz sind, Teil dieser Firma zu sein. Wir haben gute Leute, die wir nicht verlieren wollen.

Hat Nestlés Image als Schweizer Firma eigentlich unter den heftigen Diskussionen rund um das Bankgeheimnis gelitten?
Das glaube ich nicht. Erstens sind wir keine Bank (lacht). Zweitens wurde nur ein bestimmter Aspekt des Schweizer Finanzsystems kritisiert, nicht das ganze Land an sich.

War die Kritik gerechtfertigt?
Meiner Meinung nach wurde die Kritik missbraucht.

Von wem?
Von gewissen Ländern, die plötzlich auf die Schweiz losgingen. Als ob die Aufhebung des Bankgeheimnisses die Welt retten würde! Anstatt sich auf die eigenen Probleme zu konzentrieren, nimmt man den Nachbarn ins Visier. Aber ich bin sicher, dass die Schweiz diese Phase gut überstehen wird.

Ist Nestlé eine Botschafterin für die Schweiz?
In gewisser Hinsicht schon. Die Werte und die Kultur unserer Firma sind in der Schweiz verankert. Das langfristige, pragmatische Denken ist sehr schweizerisch. Ich zähle auch die Akzeptanz von Diversität dazu – als Belgier kann ich diese Qualität gut beurteilen. Auch wenn es manchmal zu Spannungen kommt, arbeiten grundsätzlich 26 Kantone in Harmonie zusammen. Diese Diversität leben wir auch bei Nestlé. An unserem Hauptsitz in Vevey arbeiten 85 Nationalitäten. Das ist nicht selbstverständlich. Diese Werte findet man weltweit bei Nestlé.

Inwiefern?
Vor einiger Zeit besuchte ich in Nigeria eine unserer Fabriken. Ein Land voller Spannungen. Aber diese Fabrik war eine Oase. Dort wird nach denselben Qualitätsstandards wie in der Schweiz gearbeitet. In dieser Hinsicht ist Nestlé eine gute Botschafterin für die Schweiz.

Die Schweiz ist auf der grauen Liste der G-20-Länder. Hätten Sie gelitten, wäre es die schwarze Liste gewesen?
Natürlich wäre es nicht gut gewesen. Es ist nie gut, auf einer schwarzen Liste zu stehen, und wir sind ein Teil der Schweiz. Meiner Meinung nach wäre es – wie gesagt – auch nicht gerechtfertigt gewesen. Hinter diesen Drohungen mit schwarzen Listen steckt viel politisches Kalkül.

Hat die Schweiz genug getan, um sich der ausländischen Kritik zu entziehen?
Das kann ich nur schwer beurteilen. Man kann nie genug tun.

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