Nur drei Tage nach dem Debakel bei der Abzocker-Abstimmung folgte für Economiesuisse der nächste Tiefpunkt. Verbandspräsident Rudolf Wehrli drohte in der Fernsehsendung «Rundschau» damit, dass mehrere Grosskonzerne die Schweiz verlassen wollten, allerdings ohne konkret zu werden. Die in herablassendem Ton vorgetragene «Prognose» löste Empörung aus.

Swatch-Group-Chef Nick Hayek, der zurzeit mit Economiesuisse wegen des Labels «Swiss made» über Kreuz liegt, hat für Wehrli nur noch Spott übrig: «Wie wir auch in der ‹Rundschau› sehen konnten, ist das Dossier Swiss made nicht das einzige Problem der Economiesuisse.»

Hayek weiter: «Es ist der Moment da, das Ganze zu hinterfragen. Economiesuisse braucht eine komplett neue Kultur. Sie muss von ihrer Abgehobenheit wegkommen und wieder den Werkplatz vertreten, nicht nur gewisse Holdings.» Der Uhrenchef sagt: «Wenn die Führungsleute von Economiesuisse den Kulturwandel nicht mitmachen, müssen sie über die Klippe springen.»

Die führenden Köpfe des Verbands bezeichnet Hayek als «selbstverliebt»: «Sie empfinden sich als Elite. Diese Abgehobenheit ist eine Katastrophe.» Er kann es beispielsweise nicht verstehen, dass sich seit der Austrittsdrohung des Uhrenindustrieverbands (FH) noch niemand von Economiesuisse bei ihm gemeldet hat.

Doch auch innerhalb von Economiesuisse rumort es, und mit jedem Tag spitzt sich die Situation zu. Wie aus dem Umfeld des Dachverbandes zu hören ist, wird der Präsident schon bald intern die Vertrauensfrage stellen. Auch wenn sie gegen aussen noch zusammenstehen: Der Machtkampf zwischen Direktor Pascal Gentinetta und Präsident Rudolf Wehrli hat schon begonnen. Dass beide gehen, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Dass beide bleiben, aber auch.

Zu einem ersten Eklat kam es bereits Wochen vor der Abstimmung. Laut mehreren Quellen war es Präsident Wehrli, der die Lancierung des umstrittenen Kampagnenfilms von Michael Steiner, «Grounding 2026», gestoppt hatte. Dies sehr zum Missfallen von Geschäftsführer Gentinetta und seiner Kampagnenleiterin Ursula Fraefel, die den Film unbedingt zeigen wollten. Es waren auch sie, die den Schweizer Erfolgsregisseur beauftragt hatten. Das Njet des Chefs, das zu negativen Medienreaktionen führte, mussten sie knurrend hinnehmen.

Wehrli und Gentinetta könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier Wehrli, der ruhige, feingeistige Mann der Wirtschaft mit hohen moralischen Ansprüchen und dem «Punch eines Lateinlehrers», wie die «Weltwoche» kommentierte. Dort Gentinetta, der Verbandskarrierist, Ökonom und Jurist mit Nähe zur SVP.

Verbandsintern sorgt auch das Gehalt von Gentinetta für Gesprächsstoff. Gemäss einer zuverlässigen Quelle verdient der Direktor rund 550 0000 Franken im Jahr – also ziemlich genau 100 000 Franken mehr als ein Bundesrat. Für einen Verbandsjob ist das aussergewöhnlich viel. In der Politik müssen sich beispielsweise Parteipräsidenten mit rund 130 000 bis 160 000 Franken Jahreslohn bescheiden.

Gentinetta will selbst nicht sagen, was er verdient, bezeichnet aber die genannte Zahl als zu hoch. Dass aus dem engen Umfeld von Economiesuisse die 550 000 Franken kolportiert werden, zeigt: Es gibt starke Kräfte, die ihn für den falschen Mann an dieser Stelle halten.

Wehrli wiederum wird nicht nur sein unbedarftes Auftreten am TV vorgeworfen (er ging offenbar weitgehend unvorbereitet in die Sendung), sondern auch die fehlende Präsenz im Abstimmungskampf zur Abzocker-Initiative. Das ist sogar der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» aufgefallen. Sie schreibt zu Wehrli: «Er zeichnete sich nicht gerade durch übertriebene Einsatzfreude in der Kampagne aus.» Wehrli fehle die Nähe zur Politik, heisst es in Bern.

Sein Vorgänger Gerold Bührer wusste, wie man mit Politikern umgehen musste. Und auch mit anspruchsvollen Firmenchefs wie Nick Hayek. Es sei kein Wunder, dass der Knatsch mit dem Uhrenverband erst nach Bührers Abgang ausgebrochen sei, heisst es.

Economiesuisse-Bashing gehört in Bundesbern inzwischen auch bei Bürgerlichen zum guten Ton. In der «Arena» vom Freitag liess es sich kein Politiker nehmen, auf den Verband verbal einzuschlagen. FDP-Präsident Philipp Müller bilanziert: «Der Verband hat ein Imageproblem. Politiker meiden derzeit seine Nähe.» Das sei bedenklich, fügt er nachdenklich hinzu. «Denn eigentlich wäre es wichtig, dass die Wirtschaft sich einbringen kann in den politischen Prozess.»

Economiesuisse brauche eine «Reform an Haupt und Gliedern», sagt CVP-Ständerat Pirmin Bischof (SO) in Anlehnung an die grundlegenden Reformen der katholischen Kirche. BDP-Nationalrat Hans Grunder (BE) bezeichnet Economiesuisse als «stur». Der Verband verschliesse oft die Augen vor der politischen Realität und weigere sich auch, Kompromisse einzugehen, auch wenn sich dadurch schlechtere Lösungen verhindern liessen.

Es sieht ganz so aus, als dass nur mit einer personellen Erneuerung ein Befreiungsschlag für den Verband möglich ist. Das spüren auch Wehrli und Gentinetta: Einer wird wohl gehen müssen. Aus SVP-Kreisen sägt man bereits am Stuhl von Wehrli. Blocher-Biograf Markus Somm nannte Wehrli in der gestrigen «Basler Zeitung» den «Narren der Nation».

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