Vor dem Gemeindehaus im aargauischen 500-Seelen-Dorf Oberflachs fahren zwei Frauen in einem schnittigen gelben Mercedes-Sportcabriolet vor. Auf dem Beifahrersitz: Die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli. «Eigentlich hätte ich mit der schwarzen Staatslimousine gefahren werden sollen, aber die Chauffeuse wollte mir eine Freude machen und hat deshalb ihr privates Cabriolet genommen», sagt Hochuli. Der Auftritt zeigt, dass die grüne Regierungsrätin immer mal wieder für eine Überraschung gut ist.

So auch diese Woche, als sie landesweit für Schlagzeilen sorgte, weil sie eine dreiköpfige angolanische Asylbewerber-Familie in einer Wohnung in ihrem biologisch geführten Bauernhof in Reitnau AG einquartierte.

Als sie vor den Medien mit den Asylbewerbern posierte, warf man ihr einen geschickt inszenierten und medienwirksamen politischen Schachzug vor. Und es sei unverschämt, bei ihrem fürstlichem Gehalt noch Mietzins einzukassieren, wurde in Leserbriefen kritisiert.

Ist die Frau einfach nur ein Gutmensch, der aus innerer Überzeugung handelt? Oder haben die Kritiker recht, die ihr Mediengeilheit und politisches Kalkül vorwerfen? Wir haben die 47-Jährige bei ihrem 1.-August-Auftritt in Oberflachs getroffen und nachgefragt.

Die Vorsteherin des Departements Gesundheit und Soziales (DGS) steigt die Treppe zum Platz vor dem Gemeindehaus hinauf. Die Tische sind bis auf den letzten Platz besetzt. Alle Blicke richten sich auf Hochuli und es scheint, dass sie den Auftritt geniesst und sich ihrer Wirkung auf die Leute bewusst ist.

Jetzt ist sie ganz die Politikerin. Sie lächelt und grüsst nach links und rechts. Am Tisch vor dem Rednerpult wartet bereits Gemeindeammann Peter Feller zur Begrüssung seines hohen Gastes.

Hochuli bestellt ein Oberflachser Würstchen, eine Spezialität der Dorfmetzg, sowie ein Rivella. «Jetzt können wir reden», sagt sie. Gab es Drohungen und Beschimpfungen, nachdem bekannt wurde, dass Sie bei sich zu Hause eine angolanische Frau mit ihren zwei Kindern aufgenommen haben? «Nur ein paar wenige. Die überwiegende Reaktion war positiv. Auch im Dorf findet man das gut. Der Gemeinderat, der zuvor vergeblich eine Wohnung für Asylbewerber suchte, steht auch voll hinter der Aufnahme», sagt Hochuli.

Die Entscheidung, ob man eine Asylbewerberfamilie aufnehmen wolle, sei gut überlegt und vorgängig mit Tochter und Mutter besprochen worden. «Die Bevölkerung in Reitnau ist gegenüber der Familie sehr hilfsbereit», so Hochuli. Sie habe sich keineswegs in die Medien gedrängt, die Familie habe schon drei Wochen bei ihr gewohnt, bis es publik wurde. Lachend sagt sie dazu: «Dass es so lange gedauert hat, bis es öffentlich wurde, zeigt, das die Journalisten von heute auch nicht mehr sind, was sie mal waren.»

Ob sie sich da an ihre eigene Vergangenheit erinnerte? Hochuli absolvierte zuerst das Kindergärtnerinnenseminar in Brugg, danach besuchte sie die Ringier-Journalistenschule in Zofingen. Etwas später kam noch eine Ausbildung zur diplomierten Reittherapeutin hinzu, bevor Hochuli 2008 in den Aargauer Regierungsrat gewählt wurde.

Bei den Gedanken an die angolanische Flüchtlingsfamilie kommt die Regierungsrätin in Fahrt. Sie erzählt, wie schön es ist, wieder Kinder auf dem Hof zu haben, oder wie die Schwägerin anerboten hat, alle zum Muki-Turnen mitzunehmen. Oder davon, dass die kleine Bruna sie ohne zu klopfen im Badezimmer heimsucht, weil sie gerne Menschen um sich hat. Vielleicht hilft das neue Leben auf dem Hof auch ein wenig über den bevorstehenden, beruflich bedingten Auszug ihrer Tochter hinweg.

Bei ihren Schilderungen strahlt und lacht Hochuli viel. Ist diese optimistische Sichtweise nicht etwas naiv? Lassen sie die Kritik, die von Politikern von links bis rechts für ihr Handeln geäussert wird, und die zum Teil gehässigen Leserbriefe völlig kalt? «Beim verhinderten Asylzentrum in Bettwil beschimpfte man mich und forderte mich auf, doch selber Asylbewerber aufzunehmen. Jetzt, wo ich es getan habe, ist es auch wieder nicht recht», sagt Hochuli. «Man wirft mir vor, dass ich eine pflegeleichte Familie ausgesucht habe. Stellen sie sich einmal die gehässigen Reaktionen und Unterstellungen vor, wenn ich drei junge Nordafrikaner aufgenommen hätte. Was immer man hier tut, man kann es nie allen richtig machen.»

Gibt es einen tieferen Grund für ihr Handeln? «Fremden offen und hilfsbereit zu begegnen, liegt in der Tradition unserer Familie. Meine Grossmutter hat jüdische Kinder versteckt. Und in der Wohnung, in der jetzt Marcelina mit ihren Kindern lebt, war vor 25 Jahren schon eine kurdische Asylbewerberfamilie untergebracht», sagt die Politikerin. Auch sonst sei die Wohnung, seit sie Regierungsrätin sei, immer an Personen in schwierigen Lebenslagen vermietet worden. Hochuli lässt keinen Zweifel offen: «Ich würde jederzeit wieder so handeln.»

Man nimmt es ihr ab. Sie scheint, was gelebte Gemeinschaft und Offenheit gegenüber Fremden anbelangt, eine Überzeugungstäterin zu sein.

Der Gemeindeammann Feller, dessen Gemeinde die Eigenart besitzt, keine politischen Parteien zu haben, winkt Hochuli zu sich. Es ist Zeit für die 1.-August-Rede. Auch hier nimmt Hochuli Bezug zur Flüchtlingsfamilie und ruft dazu auf sich einzumischen, sich zu öffnen, sich zu erkennen zu geben und auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Mein Nachbar flüstert mir mit einem Augenzwinkern zu: «Sie will, dass wir alle so werden wie sie.»

Hochuli bekommt für ihre Rede lang anhaltenden Applaus und als Dank einen Geschenkkorb. Der Chor singt «Trittst im Morgenrot daher». Dann folgt noch die Vorführung des Turnvereins, bevor sich eine gut gelaunte Regierungsrätin Susanne Hochuli aus Oberflachs verabschiedet.

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