Twiggy Lawson, wie verbringt man als Stil-Ikone der 60er-Jahre den Alltag: Leben Sie in der Vergangenheit und blättern in Modezeitungen, die Sie als Topmodel ablichteten?
Twiggy : (lacht) Das kann ich mir nicht leisten und wäre mir auch viel zu langweilig. Im Moment bin ich eher im Stress, da meine neue Modekollektion in der Warenhauskette Marks & Spencer diesen Monat anläuft.

Haben Sie die Mode selbst entworfen?
Ich bin die Hauptdesignerin. Eine eigene Kollektion zu gestalten, ist etwas, das ich schon immer machen wollte.

Wie sehen die Kleider aus?
Es ist eine Kombination von schönem Design und guter Qualität für 40-Jährige und älter. Aber es gibt auch Sachen für jüngere Frauen.

Das tönt nicht gerade nach den swinging Sixties, wo Sie als Model in Minikleidern mit grossen Augen und dünnen Beinen zu Weltruhm kamen.
Jede Zeit hat ihre Mode. Aber ich kann Ihnen versichern: Frauen wollen immer Kleider kaufen und ich weiss, was ihnen gefällt. Ein Problem ist aber die wirtschaftliche Lage. Man muss sehen, dass die Kleider trotz guter Qualität auch noch bezahlbar sind.

Stört es Sie, immer wieder Fragen zu Ihrer Zeit als Twiggy zu beantworten?
Wenn Journalisten nur danach fragen, nervt es mich schon. Aber die Twiggy und die 60er-Jahre gehen nie weg. Ich bin ein Teil davon und stolz darauf. Es war eine gute Zeit.

Weiss die heutige Jugend noch, wer Twiggy ist?
Das ist ja das Verrückte. Jede Generation kommt zurück zu den 60er-Jahren. Das betrifft auch die Mode, und dann tauche ich in den Zeitschriften immer wieder als dünne 16-Jährige mit den grossen Augen auf (lacht). Der Zauber dieser Zeit ist auch nach bald 50 Jahren noch nicht verflogen.

Ein Slogan war damals: Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll. Wie sah das bei Ihnen denn so aus?
Ich muss Sie enttäuschen. Ich war erst 16 Jahre alt und ein braves Mädchen, dass zufällig entdeckt wurde. Zu jung, um Drogen zu nehmen oder Alkohol zu trinken. Dazu lebte ich damals zu Hause unter Kontrolle meiner Eltern.

Gar keine Laster?
Heute trinke ich gerne ein Glas Wein oder zwei. Es heisst, das sei gesund. Dafür habe ich mit dem Rauchen aufgehört.

Zu Ihrer Zeit war man für die Beatles oder Rolling Stones. Für wen schlug Ihr Herz?
Eindeutig für die Beatles. Paul ist einer meiner besten Freunde und seine verstorbene Frau Linda stand mir sehr nahe. Ich vermisse sie sehr. Aber die Rolling Stones mag ich auch.

Sie sind auch Sängerin. Was macht mehr Spass: Mode oder Musik?
Ich liebe beides. Die Schauspielerei gehört auch noch dazu. Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben, dass ich das alles machen konnte. Und ich habe Freude an dem, was ich heute mache. Ich verdiene damit Geld, es hält mich jung.

Letzten Monat sind Sie 63 geworden. Ist Altwerden ein heikles Thema für Sie?
Nein. Ich bin zum Glück noch immer ziemlich fit – körperlich und geistig. Es gibt deswegen keinen Grund, depressiv zu werden. Man kann es ja nicht ändern. Es gehört zum Leben.

Sie waren Jurorin von «America’s Next Top Model». Warum träumen Tausende junger Frauen von einer Karriere in dieser oberflächlichen Glamour-Welt?
Alle Kinder haben Träume. Ich wollte Ballerina werden, weil ich die Kleider dazu so schön fand. Ich glaube, daran hat sich nicht viel geändert. Die Frauen, die sich für einen solchen Model-Wettbewerb anmelden, sind ja noch halbe Kinder. Sie träumen von Ruhm und einem Leben im Scheinwerferlicht.

Die allerwenigsten schaffen das.
Es ist harte Arbeit, wenn man damit Geld verdienen will. Aber ich finde es richtig, dass junge Leute versuchen, Träume zu realisieren und sich einer Herausforderung zu stellen. Ich habe das auch gemacht. Heute, wo ich älter bin, treffe ich immer wieder Menschen, die zurückschauen und bereuen, dass sie nicht versucht haben, ihre Träume zu verwirklichen.

Sie sind Mutter. Als Kind von berühmten Eltern aufzuwachsen, ist nicht einfach. Wie ist das bei Ihrer Tochter gewesen?
Ich war und bin eine gute Mutter. Carly, so heisst meine Tochter, hat erst mit sechs Jahren mitbekommen, dass ich berühmt bin. Als sie in die Schule ging, wurde sie von Klassenkameraden darauf angesprochen. Aber in erster Linie bin ich für sie immer die Mutter gewesen. Sie ist auch stolz auf mich und meine Karriere als Twiggy, Musikerin und Schauspielerin.

Eine Berühmtheit der heutigen Zeit ist Prinzessin Kate. Haben Sie sich über die veröffentlichten Nacktfotos aufgeregt?
Ich finde es respektlos vom Fotografen, so etwas zu machen. Aber es gehört zur neuen digitalen Welt, dass immer gleich alles öffentlich gemacht wird. Ich finde das schrecklich.

Gehören Sie nicht zu denen, die immer online sind und mit dem Smartphone zu Bett gehen?
Nein. Und dies mit gutem Grund. Kürzlich war ich mit meinem Mann in einem japanischen Restaurant. Nebenan sass ein junges Paar. Beide verbrachten die meiste Zeit mit ihrem Mobiltelefon und sprachen nicht miteinander. Es machte mich traurig, das zu sehen.

Das tönt nach «früher war alles besser».
Keineswegs. Ich habe auch ein Smartphone und bin auf Facebook – allerdings mehr aus beruflichen Gründen. Aber ich will nicht rund um die Uhr erreichbar sein und meine Privatsphäre haben. Früher gingen wir ungestört in die Ferien. Da gab es keine Laptops und Handys, nicht mal ein Telefon im Ferienhaus. Aber jetzt meinen alle, sie müssten immer erreichbar sein. So kann man sich nicht erholen.

Zurück zum Königshaus. Wie stehen Sie zur Queen?
Ich bin eine Royalistin und liebe die Königin. Sie ist eine aussergewöhnliche Frau. Ich habe sie ein paarmal getroffen und sie als eine warmherzige grossartige Dame empfunden.

Sie sind auch sonst «very british».
Absolut. Mit Herz und Seele. Ich bin ein stolzes Exemplar dieser Inselgattung. Ich liebe es, exzentrisch zu sein und mag unsere gute Mischung von schwarzem Humor, gepaart mit Ironie.

Waren Sie schon einmal in der Schweiz?
Nicht wirklich. Vor vielen Jahren sind wir einmal durchgefahren – auf dem Weg in die Ferien nach Italien. Aber ich erinnere mich an grüne Wiesen und wundervolle Landschaften.

Dann wäre es ja Zeit für einen Besuch, um die Schweiz kennen zu lernen.
Ich würde gerne kommen und warte auf eine Einladung (lacht). Am liebsten im Sommer, da ich nicht Ski fahren kann und es in meinem Alter wahrscheinlich auch nicht mehr lernen würde.

Mit ein wenig Gottvertrauen kann man das bis ins hohe Alter lernen.
Mit Gott ist das so eine Sache. Aber das es so eine Art über allem stehende Macht gibt, das kann ich mir vorstellen. Ob mich die beim Skifahren schützen würde, glaub ich weniger (lacht).

Wo stehen Sie politisch?
Politik interessiert mich mässig. Ich lese die Zeitung und informiere mich. Aber was ich lese, sind ungelöste Probleme in der Wirtschaft. Und Kriege, die auch im Namen von Religionen geführt werden.

Wie würde Twiggy die Probleme lösen?
Menschen wünschen, in Frieden zu leben und ihre Kinder zu einem glücklichen Leben erziehen zu können. Aufgabe der Politik wäre es, dies zu ermöglichen. Aber es scheint in der Natur der Menschen zu liegen, Kriege zu führen. Schrecklich.

Das Interview wurde telefonisch geführt.

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