VON SIMON STEINER

Simon Ammann, Sie haben den erstmaligen Gewinn der Vierschanzentournee vor der Saison zu Ihrem grossen Ziel erklärt. Solch offensive Ansagen sind wir uns von Schweizer Sportlern nicht gewohnt.
Simon Ammann: Ja, dessen war ich mir bewusst. Aber es war ja offensichtlich, dass der Tourneesieg jener Erfolg ist, der in meinem Palmarès noch fehlt. Ich stehe dazu: Ich gehe an die Tournee, um sie zu gewinnen. Ich habe diese Herausforderung seit mehreren Jahren angenommen. In diesem Jahr wäre es besonders schön, wenn es mit dem Sieg klappen würde, weil es meine Erfolgsgeschichte abrunden würde.

Setzen Sie sich selber unter Druck, um besser mit dem Druck von aussen fertig zu werden?
Das würde ich nicht sagen. Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was den Druck von aussen betrifft: Ich habe mich in den letzten Wettkämpfen zwar unfreiwillig aus dem Fokus genommen, aber dass ich jetzt nicht der Topfavorit bin, passt mir ganz gut. Es gibt aber auch seltsame Weisheiten. Wenn man jetzt sagt: ‹Super, du warst nicht unter den besten drei, jetzt kommt es gut›, dann ist das natürlich Humbug.

Sie sprechen die Wettkämpfe letzte Woche in Engelberg an, wo bei Ihnen nicht alles zusammenpasste. Sind Sie inzwischen im Training einen Schritt weitergekommen?
Auf jeden Fall. Wir haben am Mittwoch nochmals in Engelberg trainiert. Die Armhaltung und das Timing beim Absprung – zuletzt meine Probleme – stimmten wieder. Ich habe mich wieder viel besser gespürt als am Wochenende. Da war ich einfach zu wenig erholt nach der Anspannung zuvor. Der Körper hat reagiert auf die Warterei auf die später abgesagten Wettkämpfe in Harrachov und die anschliessende Sports-Awards-Gala. Weil ich in Engelberg aber genau gespürt habe, was noch zu tun ist, war das für mich nicht so ein Debakel, wie das resultatmässig aussah. Jetzt gehe ich bei der Tournee mit aller Ruhe ans Werk.

Die Erholung ist also ein wichtiger Faktor.
Genau. Deshalb bin ich dieses Jahr froh um die lange Pause vor dem Tourneestart, obwohl ich damit in früheren Jahren wegen des Rhythmuswechsels eher Mühe hatte. Ich habe in den letzten Tagen nicht mehr so hart trainiert und viel im koordinativen Bereich gearbeitet. Vor allem aber habe ich die Ruhe gesucht – das war mir sehr wichtig.

Vor zwei Wochen wurden Sie zum Sportler des Jahres gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Ich wurde von dieser Wahl fast etwas überrumpelt. Da schlüpft man in einen Anzug, vergisst sogar noch die Preisetikette an den Schuhen und gerät in einen Galaabend hinein. Da wird man ziemlich rasch aus der Wettkampfwelt herausgerissen. Dass ich gewählt wurde, hat mich aber sehr gefreut, vor allem in diesem Jahr, in dem es bei mir schon ziemlich abgegangen ist. Das ist für mich eine schöne Rückmeldung aus der Bevölkerung. Gefreut hat mich auch, dass meine Leistung vom Fachpublikum so hoch gewichtet wurde. Natürlich hätten auch andere die Auszeichnung verdient: Es gibt viele Athleten, die ebenso hart gearbeitet haben wie ich, aber halt weniger im Fokus gestanden sind. Das ist schwierig zu vergleichen.

Wird Ihnen die öffentliche Aufmerksamkeit manchmal zu viel?
Ein Stück weit gewöhnt man sich daran und braucht sie mit der Zeit fast – ob man das will oder nicht. Ich bin ja Spitzensportler geworden, weil ich gern Ski gesprungen bin, und nicht weil ich vor all diesen Leuten auftreten wollte. Es ist aber schön zu sehen, was man bewirken kann. Diese Woche hat mir eine Frau beim Einkaufen gesagt, sie schaue sich jedes Springen an. Für sie ist das ein wenig Lebensinhalt, gerade im Winter, wo sie nicht so mobil ist.

Sie haben gesagt, Sie brauchten die Aufmerksamkeit fast. Wie meinen Sie das?
Man eignet sich gewisse Mechanismen an, um auf die Leute zu reagieren. Das wird einem vor allem bewusst, wenn die Aufmerksamkeit einmal ausbleibt, die Mechanismen aber trotzdem funktionieren. Manchmal geht man auf die Strasse und es ist etwas mehr los, dann wieder etwas weniger.

Lesen Sie die Zeitungsberichte über sich?
Kaum. Ich habe kürzlich einige Zeitungsberichte erhalten über die Flugtage im Sommer mit meinem Sponsor. Da ist mir wieder bewusst geworden, wie viel ich im vergangenen Jahr eigentlich erlebt habe. Ich nahm das alles einfach so mit und konnte es noch gar nicht so richtig einordnen. Im Moment schaue ich aber nicht, was in den Medien läuft. Ich konzentriere mich auf mich selber. Vor jedem Grossanlass kapselt man sich etwas ab, was auch seine schönen Seiten hat.
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Eine Erlebnis dieses Jahr war Ihre Hochzeit. Haben Sie überhaupt Zeit für Ihre Frau Yana?
Ich habe privat sicher nicht so viel Zeit gehabt, wie wir uns das erwünscht hatten. Ich bin froh, haben wir es geschafft, fast im Geheimen zu heiraten. Gewisse Dinge blieben in diesem Jahr auf der Strecke, aber auf der anderen Seite habe ich versucht, Yana so viel wie möglich mitzunehmen. Es war zum Beispiel schön, dass ich ihr beim Formel-1-Rennen in Monaco zeigen konnte, wie eine andere Sportart funktioniert.

Ihr Freund Andreas Küttel macht in sportlicher Hinsicht eine schwierige Zeit durch. Wie können Sie ihm helfen?
Er macht eine sehr schwierige Zeit durch. Wir haben in der Vorbereitung immer wieder Dinge diskutiert und ich konnte mit ihm mitfühlen. Aber bei ihm passiert viel im unsichtbaren Bereich, und da kann er sich vieles nur selber erarbeiten. Wie er die Niederlagen akzeptiert und immer wieder aufsteht, ist extrem stark von ihm.

Sie werden Ende Saison entscheiden, ob Sie aufhören oder noch bis zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi weitermachen. Wovon hängt dieser Entscheid ab?
Das weiss ich selber noch nicht genau, sonst wüsste sich wohl auch die Antwort schon. Der Saisonverlauf hat sicher einen Einfluss. Für mich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder lasse ich meine Karriere so stehen, wie sie ist, und trete in Würde ab. Oder ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft und begleite die nachfolgende Athletengeneration noch bis Sotschi. Ich habe eine gewisse Verantwortung gegenüber meiner Sportart und den jungen Athleten. Im Umfeld haben wir aber noch nicht gross darüber gesprochen, was das bedeuten würde, wenn ich weitermache. Wenn es mit der Gesundheit so weitergeht, dann habe ich selber die Wahl. Das Sportlerleben ist für mich immer noch spannend und ich kann mich auch noch weiterentwickeln.

Wenn Sie weitermachen, dann also eine Art Spielertrainer, der die kommende Generation an die Spitze führen soll?
Ja. Leider war das Leistungsniveau der Jungen bisher nicht so hoch, dass wir sie im Winter mitnehmen konnten. Ein gutes Beispiel ist Andreas Widhölzl, der die Österreicher 2006 in Turin als starker Teamplayer zum Olympiasieg im Teamspringen geführt hat, obwohl er als Einzelspringer nicht mehr den ganz grossen Erfolg hatte. Das sind Bilder, die eine starke Aussagekraft haben. Ich wünsche mir, dass wir diesen Winter zusammen einen Schritt in diese Richtung machen.

Werden Sie dem Skispringen auch nach Ihrer Karriere erhalten bleiben?
Ja, absolut. Es ist notwendig, dass Leute wie Andreas Küttel oder ich uns da einbringen, ob nun gleich anschliessend an die eigene Karriere oder mit etwas Abstand. Mir ist sehr wichtig, dass das weitergeht.

Sie haben einst ein Ingenieur-Studium begonnen. Könnten Sie sich auch vorstellen, nach Ihrem Rücktritt an die ETH zurückzukehren?
Ja, das wäre eine Möglichkeit. Meine Auslegeordnung ist da ziemlich breit: Ich könnte das Studium wieder aufnehmen oder mich ich Trainerbereich weiterbilden. Ich würde aber auch gern das Privatpilotenbrevet machen. Dann bietet mir einer meiner Sponsoren eine weitere Option. Im Moment mache ich mir dazu aber nicht allzu viele Gedanken, schliesslich stehe ich mitten in der Saison.

Vor der Vierschanzentournee, um genau zu sein. Bei den Olympischen Spielen sorgten Sie mit Ihrer neuen Bindung für Furore. Welchen Pfeil ziehen Sie an der Tournee aus dem Köcher?
Keinen. Wir haben viel Material getestet, aber irgendwann muss man sich aufs Wesentliche konzentrieren. Die Bindung hat mir in Vancouver geholfen, aber gewonnen habe ich wegen meines guten Absprungs. Und darum geht es auch jetzt wieder.

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