Fabrice A. ist nach wie vor auf der Flucht. Der 39-Jährige steht unter dem dringenden Verdacht, die Sozialtherapeutin Adeline M., die am Freitag tot aufgefunden wurde, ermordet zu haben. Zuvor begleitete sie den verurteilten Vergewaltiger zu einer Reittherapie. Dort tauchten die beiden aber nie auf.

Nun ertönen bereits erste politische Forderungen. Anita Chaaban hat jahrelang dafür gekämpft, dass Sexualstraftäter verwahrt werden. Nun wird sie wieder aktiv. Die Öffentlichkeit müsse jetzt Druck auf die Politik ausüben. Sie werde sich deshalb für ein schweizerisches Zentralregister für Sexual- und Gewaltstraftäter einsetzen. Dafür will sie eine Petition lancieren. Und wenn das nicht reicht: eine Volksinitiative. «Wir haben eine Grenze erreicht», beklagt sie, «so kann es nicht weitergehen.» Mit solchen Tätern müsse man anders umgehen. «Viel zu viele werden einfach in eine Therapie gesteckt, begehen danach aber wieder Verbrechen.»

Chaaban fordert totale Transparenz. Alte Straftaten dürften nicht aus dem Strafregister gelöscht werden. Und die beteiligten Personen müssten identifizierbar bleiben. Wer hat welche Gutachten abgegeben? Welcher Richter hat welche Massnahmen angeordnet? Solche Punkte müsste das Register gemäss Chaaban beinhalten. «Nur so weiss man im Nachhinein, wo die Fehler entstanden sind und wer dafür verantwortlich ist.»

Schon einmal brachte Chaaban eine Volksinitiative zustande. 2004 stimmte das Volk ihrem Begehren zu, nicht therapierbare und extrem gefährliche Sexual- und Gewaltstraftäter lebenslang zu verwahren. Mit der Umsetzung der Initiative ist sie aber bis heute unzufrieden. Sie will mehr – und ist nicht die Einzige.

Benjamin Brägger, Strafvollzugsexperte der Uni Bern und Lausanne, fordert in verschiedenen Medien eine Stärkung des Bundes im Strafvollzug. In der Deutsch- und Westschweiz gehe man grundsätzlich anders mit Straftätern um, sagt er gegenüber dem Schweizer Radio SRF. «Der Westschweizer Gefängnispsychiater sieht sich in erster Linie als Therapeut, der dem Insassen zur Seite steht, um seine Krankheit zu lindern.» Anders in der Deutschschweiz. Dort werde der Insasse als Rechtsbrecher behandelt. Die Therapie solle in erster Linie darauf ausgerichtet sein, einen Rückfall zu vermeiden.

Die SVP Genf deutet den Mord als einen Beweis für den «Kuschelstrafvollzug». Alain-Dominique Mauris, Präsident der FDP Genf, wirft der SVP wiederum vor, den Fall schamlos für den Wahlkampf auszunutzen.

Das Drama, das sich in Genf ereignet hat, erschüttert die Bevölkerung. Der wegen zweier Vergewaltigungen zu insgesamt 20 Jahren verurteilte Fabrice A. verliess am Donnerstagmorgen in Begleitung seiner Therapeutin das Zentrum La Pâquerette – ohne polizeiliche Begleitung und ohne Handschellen.

Er war seit 12 Jahren in Haft und sollte auf seine Entlassung vorbereitet werden, mit der er im Jahr 2015 hätte rechnen können.

Als die beiden um 11 Uhr morgens nicht wie vereinbart bei der Reittherapie erscheinen und Adeline M. nicht auf Anrufe auf ihr Handy reagiert, wurde Alarm ausgelöst. Noch nicht bestätigt sind Meldungen, dass die beiden in Carouge ein Messer gekauft haben, das für das Reinigen von Pferdehufen gebraucht wird. Laut «Le Matin» bedrohte Fabrice A. frühere Opfer jeweils mit einem Messer.

Noch am selben Abend veröffentlichte die Polizei eine Vermisstenanzeige. Doch die Leiche von Adeline wird nur wenig später in einem Waldstück in Versoix bei Genf gefunden.

Der mutmassliche Mörder ist weiterhin auf der Flucht. Angeblich wurde er in einem Tram in Riehen gesichtet. Die Ortung des Handys der Sozialtherapeutin führte die Beamten schliesslich zum sogenannten alten Zollhaus in der deutschen Grenzstadt Weil am Rhein. Rund 60 Leute, Hunde und ein Hubschrauber waren im Einsatz, um das Gebiet zu durchsuchen – ohne Erfolg. Zwar hatten Polizeihunde zwischenzeitlich eine Spur gewittert, doch diese verflüchtigte sich am Gleis 1 des Weiler Bahnhofs.

Am Samstag sind Dutzende Hinweise auf Polizeistationen in ganz Deutschland eingegangen. «Wir werden alle Mitteilungen genau prüfen», sagt Jürg Lorenz von der Polizeidirektion Lörrach.

Die Polizei warnt die Bevölkerung, der Flüchtige sei gefährlich und möglicherweise bewaffnet.

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