VON NADJA PASTEGA

Der Sozialhilfebezug wird bei den Jungen zum Massenphänomen: Rund 30 000 junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren beziehen in der Schweiz Sozialhilfe – die meisten, weil sie keine berufliche Ausbildung machen konnten oder wollten (Ausgabe vom 6. Februar). Doch nun zeigt sich: Sogar gut ausgebildete Junge leben in der Schweiz von staatlicher Unterstützung – mehrere hundert Maturanden beziehen nach dem Gymnasium Sozialhilfe.

Das belegen neue Zahlen der Fachhochschule Bern, die für den «Sonntag« ausgewertet wurden. Ergebnis: 545 Maturanden im Alter zwischen 18 und 25 bezogen 2006 Sozialhilfe. Von den 18 160 Jungen in dieser Altersgruppe, die ihren Bildungsabschluss angaben, sind schweizweit 3 Prozent Gymi-Absolventen mit dem Reifezeugnis in der Tasche.

Die höchste Maturandenquote bei den Sozialrentnern hat der Kanton Neuenburg: 9 Prozent der Sozialhilfebezüger zwischen 18 und 25 haben die Matura. In Basel-Stadt beträgt der Anteil 6 Prozent. Nicht ausgewertet wurden die Kantone Genf, Waadt und Jura, da zu wenige Daten vorliegen.

«Bei den Maturanden, die Sozialhilfe beziehen, dürfte es sich in erster Linie um Studienabbrecher handeln», sagt Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Es könnten auch Leute darunter sein, «die ein Jahr durchhängen und dann den Anschluss in den Beruf nicht sofort finden».

Vom Gymnasium zur Sozialhilfe – dagegen regt sich politischer Widerstand. Der Luzerner FDP-Nationalrat Otto Ineichen will «eine Rückerstattungspflicht für topausgebildete, gesunde Jugendliche prüfen». Das heisst: Junge Sozialhilfebezüger mit gutem Schulrucksack – zum Beispiel Maturanden – sollen die bezogenen Staatsgelder zurückzahlen, sobald sie auf dem Arbeitsmarkt Fuss gefasst haben. Wie bei einem zinslosen Darlehen. «Ich überlege mir, dazu einen Vorstoss einzureichen.»

Ineichen hat die Stiftung Speranza gegründet, die Jobs für arbeitslose Schulabgänger vermittelt: «Arbeitswillige bringen wir alle im Arbeitsprozess unter. Aber es gibt solche, die gar nicht wollen. Sie finden, der Staat solle für sie sorgen.» Hier müsse man «den Hebel ansetzen». sagt Ineichen.

Auch SVP-Nationalrat Luzi Stamm (AG) will eine Verschärfung: «Die jungen Leute sollen höchstens dann Sozialunterstützung erhalten, wenn sie als Gegenleistung eine von der Gemeinde zugewiesene Arbeit annehmen», fordert er: «Wenn sie im Studium sind und mit dieser Begründung keine zugewiesene Arbeit annehmen, soll eine Rückerstattungspflicht festgelegt werden.»

Junge in der Sozialhilfe – ihre Zahl wird bald massiv ansteigen: Ab April tritt die neue Arbeitslosenversicherung in Kraft. Dann werden 16 000 Arbeitslose ausgesteuert. «Davon dürften rund 40 Prozent Jugendliche sein», heisst es beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Dies entspricht 6400 Jugendlichen, die auf einen Schlag kein Einkommen mehr haben – viele dürften direkt bei der Sozialhilfe anklopfen.

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