Angriff auf BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf? Oder auf FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann? Oder doch besser auf den SP-Sitz, der mit Micheline Calmy-Reys Abgang frei wird? Nur: mit wem bloss? «Keine Kandidaten, dafür jeden Tag einen neuen Abwahlplan», schrieb der «Blick». Und: «Geht es so weiter, kommt als Nächstes der Sitz von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard ins SVP-Visier.»

Planlos, ratlos, konzeptlos – und vor allem: ohne Kandidaten. So schien die SVP in den letzten Wochen umherzuirren. Ausgerechnet die sonst strategisch versierteste Partei. Und obwohl sie sich zu ihrer wichtigsten Mission der letzten Jahre aufmacht: den zweiten Bundesratssitz wieder zu ergattern. Politische Konkurrenz wie Medien rieben sich immer verwunderter die Augen.

Nur: Das Chaos ist Teil einer Strategie, wie Recherchen zeigen. Der Strategie, die Konkurrenz zu verwirren. Eine Kriegslist, sozusagen. Wie jene der Eidgenossen 1513 in der Schlacht bei Novara, als sie die Franzosen in Sicherheit wiegten. Diese vergassen, weitere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Die SVP hat ihre Lehren aus der Abwahl Christoph Blochers gezogen. Damals liess sie sich von der Verwirrungstaktik von SP und CVP einlullen: Beide Parteien präsentierten derart viele Namen, dass keine ernsthafte Gefahr vorhanden zu sein schien.

Ein ähnliches Verwirrspiel treibt 2011 auch die SVP. Sie lanciert derart viele Strategien und Kandidaten, dass die Konkurrenz vergisst, wo der Fokus der SVP liegt: im zweiten Wahlgang, bei Widmer-Schlumpfs BDP-Sitz. Hier will die SVP ihre Trümpfe geballt einsetzen. Und montiert ihre Top-Kandidaten: Fraktionschef Caspar Baader und Unternehmer Peter Spuhler. Zum Verwirrspiel gehört, dass die Öffentlichkeit sie als Bundesratskandidaten abgeschrieben hat. Zu oft betonten sie, sie stünden nicht zur Verfügung.

Es gab allerdings Unterschiede im Grad des Neins zu einer Kandidatur zwischen Baader und Spuhler. Bei der Nachfolge von Samuel Schmid machte Baader das Kandidaten-Karussell neben Ueli Maurer mit, obwohl er genau wusste, dass er sich zurückziehen würde. Aus geschäftlichen Gründen.

Im September 2011 sah dann alles anders aus. Die SVP-Spitze lancierte Baader als Kandidaten. Die Nachfolgeregelung für sein Anwaltsbüro sei erfolgt, hiess es. Nach den Wahlen die Kehrtwende: «Ich stehe aus beruflichen Gründen nicht zur Verfügung», teilte er plötzlich mit. Inzwischen gibt er wieder andere Signale. Gestern Nachmittag war er für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Spuhler selbst hatte stets betont, er habe keine Bundesrats-Ambitionen. «Ich will nicht und bin auch nicht bereit», sagte er im Mai in einem «SonntagsBlick»-Interview. Auf die Nachfrage, ob er ausschliesse, je Bundesrat zu werden, entgegnete er mit einem knappen «Ja».

Inzwischen sehen die Signale auch in seinem Fall anders aus. Noch gibt es geschäftliche Gründe, die es Spuhler verunmöglichen, über eine Kandidatur öffentlich laut nachzudenken. Deshalb werde er vorerst dementieren, sagen Insider. Spuhler soll in der Endphase des Wahlkampfs ins Spiel kommen, um der Kandidatur Baader Schub zu verleihen. Und im letzten Moment soll er dann Baader den Vorrang lassen. Per SMS konfrontiert mit den Recherchen, dementiert Spuhler nicht, sondern schreibt nur: «Bin in Russland.»

Es ist ein engster Kreis um Präsident Toni Brunner und Bundesrat Ueli Maurer, welcher die Bundesratswahlen minuziös vorbereitet. Eingeweiht sind nur wenige. Die SVP-Fraktion weiss bis heute nichts über die Strategie mit Baader/Spuhler. Man plane den Angriff auf Widmer-Schlumpfs BDP-Sitz, wurde ihr gestern lediglich gesagt, als sie sich mit allen neu gewählten Parlamentariern traf. Für Namen von Kandidaten brauche es Geduld, man sei in Gesprächen.

Der Kreis verfügt über Namenslisten von Parlamentariern, die die SVP gegen Widmer-Schlumpf unterstützen könnten. 23 Stimmen aus dem Mitte-Links-Lager benötigt es, um Widmer-Schlumpf zu bodigen. Wo diese herkommen könnten, hat die SVP bereits eruiert: neun von der CVP, sechs von den Grünliberalen und der Rest aus der SP. Dafür bietet sich ein Deal mit der Tessiner SP-Kandidatin Marina Carobbio an. Deren Helfer, Ex-Nationalrat Fabio Pedrina, hat gemäss Recherchen bei mehreren SVP-Nationalräten sondiert, ob eine SVP-Unterstützung für die Tessinerin denkbar sei. Das SVP-Angebot: Carobbio erhält die Mehrzahl der SVP-Stimmen. Unter einer Bedingung: Mindestens zehn SP-Stimmen müssen den Angriff auf Widmer-Schlumpf unterstützen.

«Wir bereiten die Bundesratswahlen äusserst gründlich vor», sagt Präsident Toni Brunner. «Sowohl nach innen wie auch mit den anderen Parteien.» Zu den Namen Baader und Spuhler wollte er nichts sagen. Er glaubt an die Chance, der SVP. «Es ist vieles offener, als es dargestellt wird», sagt er. Widmer-Schlumpf sei «nicht unantastbar».

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