Beide Männer erblickten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs das Licht der Welt. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen und arbeiteten sich zu erfolgreichen Unternehmern hoch. Gemeinsam ist ihnen auch die Liebe zur Politik. Konservativer Politik wohlgemerkt. Sie tragen sogar denselben Familiennamen, der auf gemeinsame Wurzeln in Deutschland zurückgeht. Über den Weg gelaufen sind sich William und Christoph Blocher trotz allen Gemeinsamkeiten noch nie. Der eine lebt auf Schloss Rhäzüns und Herrliberg in der Schweiz. Der andere residiert in einem grosszügigen Anwesen auf der Nothern Neck genannten Halbinsel in der Chesapeake Bay von Virginia.

«Wir haben eine Menge Ähnlichkeit», findet der Amerikaner William F. Blocher (73), wenn er sich auf Bildern mit dem berühmten Schweizer vergleicht. «Christoph ist vielleicht ein wenig grauer als ich.» Und spricht garantiert mehr Deutsch als «Bill», dessen Zweig der Familie schon lange nicht mehr die Sprache der früheren Heimat pflegt. Von den vier Jahren Deutsch im College blieb nicht allzu viel hängen. «Leider», betont der Eigentümer der Firma eFedSystems Corporation, die sich auf Software und Informationstechnologie spezialisiert hat.

Immerhin reichte es, sich über den Schweizer Verwandten schlau zu machen, als dieser in den Bundesrat aufstieg und international für Schlagzeilen sorgte. «Mit vielem, was ich über seine Ansichten gelesen habe, stimme ich überein», erzählt der joviale Republikaner aus Kilmarock, der Vizechef der US-Konservativen im Kreis Lancaster ist. Ein Stück ländliches Virginia, das von rauen Fischern, zupackenden Holzarbeitern und frommen Farmern geprägt ist. «God’s own Country», wie man hier sagt. Freundlich zu Besuchern und Gästen, die in das entlegene Idyll kommen, aber auch froh, wenn sie wieder gehen.

Die «Liberals» und Demokraten in Washington sind dem Republikaner so sehr ein Dorn im Auge, wie seinem fernen Verwandten die «Linken» in Bern. Bill bewundert die Entschlossenheit des SVP-Politikers, der es damit weit gebracht habe. «Ich wünschte, ich könnte ihn eines Tages einmal treffen», hofft der amerikanische Blocher, der die Schweiz ganz oben auf seiner Liste an Reisezielen stehen hat. «Ich verspreche, nicht einzuwandern, sondern wieder zurückzugehen», fügt er verschmitzt hinzu.

Bei der Gelegenheit will er dann auch einen Abstecher in das Württembergische machen, wo die Familie ursprünglich herstammt. William kann die Wurzeln zehn Generationen bis 1601 zum gemeinsamen Urahnen Hans-Georg Plocher rückverfolgen, der mit seiner Familie in Mühlheim am Bach lebte. Heute ein Ortsteil von Sulz. In dem Neckarstädtchen schrieben sich die Blochers noch mit einem «P» am Anfang.

Dieses ging 1724 verloren, als die Familie nach Leidringen zog. «Der Bürgermeister oder einer seiner Vertrauten hat sich damals verschrieben und niemand hat sich getraut, etwas zu sagen, weil es der Stadtvater war», scherzt William über den zusätzlichen Bogen im Initial, der aus den Plochers fortan Blochers machte.

Während Christoph Blochers Vorfahren in die Schweiz zogen, wanderte Bills Zweig der Familie in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts in die USA aus. Die Brüder Martin und Johann Blocher liessen sich in Bradford, Pennsylvania, unweit der Grenze zu New York nieder. «Die Blochers in den USA haben alle Teile derselben DNA», behauptet der Unternehmer. Zusammen mit anderen Blochers, die einander vorher nicht kannten, unterzog er sich einem Gentest, der verblüffende Übereinstimmungen zutage förderte.

Auf seinem Stammbaum zeigt er, wie Christoph Blochers Wurzeln zu demselben Hans Georg Plocher zurückführen. «Ich stelle ihm das gerne zur Verfügung», sagt Bill, der die Blochers für geborene Unternehmer und Politiker hält. «Wir haben das im Blut.» Als Schweizer fühlt er sich dagegen nicht. Dafür ist der Tea-Party-Sympathisant zu sehr amerikanischer Patriot.

Als solchem steht für den Vollblut-Politiker über die kommenden Monate Wahlkampf in Virginia an. William Blocher hatte eigentlich gehofft, sein Freund Newt Gingrich werde als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner im Herbst ins Rennen ziehen. Doch auch mit Mitt Romney kann er leben. «Besser als ‹Barry› Obama allemal», meint Blocher, bei dem keine Liebe für den «Yes We Can»-Präsidenten verloren ging. Dieser habe die Bodenhaftung verloren und verstehe das amerikanische Volk nicht, hält er dem Amtsinhaber vor. «Obama muss gehen.»

Bis zu den Wahlen im November hat er alle Hände voll zu tun. Danach hofft er, seinen Traum wahr machen zu können, einmal in die Schweiz zu reisen. Und mit ein wenig Glück vielleicht auch seinem fernen Verwandten Christoph einmal persönlich begegnen zu können.

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