Apples iTV ist das Lieblingsgerücht der IT-Industrie. Schon lange spekulieren Tech-Blogger, dass Apple bald ein Gerät auf den Markt bringen wird, welches das Fernsehen neu erfindet. Glaubt man dem Biografen Walter Isaacson, so hat Steve Jobs sich den Kopf darüber zerbrochen, einen TV zu entwickeln, der sich ebenso simpel und elegant bedienen lässt wie ein iPhone. Und nicht nur das: Jobs soll das Problem am Ende auch gelöst haben: «I finally cracked it!»

Offiziell angekündigt wurde ein iTV aber noch immer nicht. Stattdessen hat nun Microsoft diese Woche eine neue Xbox präsentiert, die viele Funktionen enthält, die man eigentlich von Apples TV erwartet hätte. Denn die Xbox One ist nur noch am Rande eine Spielkonsole. Sie soll sich als Schaltzentrale fürs Wohnzimmer bewähren. Dank der verbesserten Kinect-Kamera lassen sich die typischen Touchscreen-Gesten vom Sofa aus auf den TV-Schirm übertragen. Zieht man die gespreizten Hände zusammen, verkleinert sich das Fernsehbild und Menüfunktionen werden sichtbar. Spreizt man die Hände wieder, vergrössert sich das Bild. Zeigegesten hingegen werden als Klicken interpretiert.

Auch gesprochene Worte versteht die Konsole: Mit dem Befehl «Snap» lässt sich ein zweites Fenster auf dem TV-Bildschirm öffnen. «Xbox: Rufe Tom an», baut eine Skype-Verbindung auf und zeigt den Freund im kleinen Fenster, während auf dem Hauptfenster der Film weiterläuft. Und mit dem Befehl «Xbox Kanal 13» wird auf den gewünschten Sender umgeschaltet. Bei der Demonstration wurde gezeigt, wie so blitzschnell zwischen einem Spiel und einem TV-Sender gewechselt werden kann.

Ist Microsoft bei der Neuerfindung des Fernsehens Apple zuvorgekommen? Wenn sich das Gerät wirklich so reibungslos bedienen lässt, wie das bei der Präsentation vonstattenging, könnte die Xbox One tatsächlich für ein neuartiges Wohnzimmererlebnis sorgen. Doch dazu musste die überarbeitete Kinect-Kamera, die oberhalb des TVs platziert wird, wirklich halten, was Microsoft verspricht. Sie muss nicht nur ausufernde Gesten erkennen, sondern auch eine geschlossene von einer geöffneten Hand unterscheiden können – und zwar auch in schlecht ausgeleuchteten Räumen. Denn bei der alten Version der Kinect war die Bedienung noch allzu umständlich. Was dazu führt, dass man, statt vor dem TV mit ausufernden Bewegungen herumzufuchteln, letztlich doch zum Controller greift, um den gewünschten Film auszuwählen.

Ähnlich grosse Optimierungen sind bei der Sprachsteuerung nötig. Denn bisher ist es noch niemandem gelungen, sie so zu verfeinern, dass man sie ähnlich selbstverständlich nutzt wie der Touchscreen. Eine weitere Ungewissheit stellt die Wahl der TV-Sender per Sprachbefehl dar. Funktioniert die bei allen Fernsehgeräten und in allen Ländern, wenn die Xbox One im Herbst auf den Markt kommt? Microsoft gibt sich zugeknöpft.

Wird Die Xbox ONe tatsächlich so genutzt, wie sich das Microsoft vorstellt, nämlich als eine Bedienoberfläche für das gesamte Entertainment-System, so könnte Microsoft dem TV-Werbemarkt eine neue Qualität verleihen. Dabei würden wir zu gläsernen Fernsehzuschauern werden.

Denn dank der Kinect-Kamera erfährt Microsoft, wer sich vor dem TV befindet und wie die Menschen auf einen Werbespot reagieren. Die Kamera kann traurige von fröhlichen Gesichtern unterscheiden und sieht, ob jemand aufmerksam auf den Bildschirm schaut oder wegblickt. Die Kamera soll sogar so präzise funktionieren, das sie dem Spieler den Puls messen kann – das ist nützlich bei Sportspielen, wo dieses Feature angekündigt wurde. Es liesse sich aber auch nutzen, um unseren Gesundheits- oder Gemütszustand zu analysieren.

Bereits hat Microsoft zwei Patente für die Analyse mittels Kinect-Kamera eingereicht. Eines, um die Emotionen der Spieler anhand von Mimik und Körperhaltung zu bestimmen. Und eines um den Preis eines Films, der über einen Streaming-Dienst abgerufen wird, anhand der Anzahl Leute zu berechnen, die sich vor dem TV befinden.

Datenschützer werden sich bald mit einer neuen Herausforderung konfrontiert sehen.

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