Als ich im Kindergarten war, wollte ich Zar werden. Niemand kann dich zwingen, etwas zu tun, du erteilst nur die Ukasen (Zarenerlasse) und alle gehorchen. Ich kannte den Begriff Freiheit noch nicht, aber offensichtlich verspürte ich bereits damals dieses menschliche Urbedürfnis. Die Idee, dass der reale Zar eher einer gefesselten Geisel gleicht, kam in meinem damals kleinen Kopf nicht auf.

Später, in der Schule, wollte man uns beibringen, dass wir unsere glücklichste Zeit im freiesten Land der Welt geniessen durften, aber jeder erlebte Tag brachte die ernüchternde Erkenntnis, dass unsere Eltern uns in einem Sklavenstaat geboren hatten. Welcome to the club!

Sklaverei existierte in Russland offiziell bis 1861, als Alexander II die erste Perestrojka einleitete. Die damalige Demokratisierung endete 1917 mit der missglückten bürgerlichen Revolution und in blutigem Chaos. Die heimtückische Muse der russischen Geschichte hat die Bolschewiken mit ihren sozialistischen Idealen ausgenützt, um die Ordnung im Land wiederherzustellen. Doch die erklärte Freiheit entpuppte sich als eine noch nie da gewesene Sklaverei. Das grosse Sowjet-Imperium hat die Hälfte der Welt versklavt bzw. «befreit», wie es in unseren Lehrbüchern stand. Die Grösse des Vaterlandes stand in direkter Beziehung zur Misere des Alltagslebens und verlangte unzählige Opfer. In diesem Imperium wurde ich, Putin und mit uns hundert Millionen Russen geboren, die im heutigen Russland das Elektorat bilden. Und bis heute gelingt es uns nicht, die Sklavenbrandmarke von unserer Stirn wegzuwischen.

Bekanntlich sind «All pigs equal, but some of them are more equal». Im totalitären Sowjetregime durften meine Landsleute, die zu höheren Stufen der Nomenklatur-Pyramide liebedienerten, zwar mehr und besser essen als die Normalsterblichen, sowie etwas von westlichen Konsumgütern abbekommen, aber ob sie da oben mehr Freiheit genossen, das bezweifle ich. Je höher, desto mehr Angst hatte man vor den eigenen Leuten. Und umgekehrt: Je weiter weg jemand vom sozialen Kuchen lebte, desto freier fühlte er sich. Die maximal erlaubte Freiheit duldete das Regime ganz unten, deshalb verzichteten damals Akademiker auf eine Karriere und wurden zu Heizern und Strassenfegern. Unser Nobelpreisträger Josef Brodski formulierte es so: «Ist dir beschieden, im Imperium geboren zu sein, dann solltest du lieber in der tiefsten Provinz am Ufer des Meeres leben . . .»

Die Kleidung des Regimes war die kommunistische Ideologie, das Rückgrat aber das robuste System der persönlichen Treue gegenüber seinem Vorgesetzten. Bekam beispielsweise der Oberherr aus Leningrad eine höhere Stellung in Moskau, so folgten ihm seine Vasallen mit Hab und Gut. Die Treue zu den kommunistischen Idealen war wenig gegenüber der Ergebenheit dem persönlichen Boss gegenüber, von welchem allein Gunst oder Unheil kam.

In den 90ern riss Russland das vermoderte ideologische Gewand herunter und steht nun, im 21. Jahrhundert, in vollem Glanze des feudalen Machtsystems, mit den Putinschen Muskeln spielend. Und die demokratischen Institutionen wie Parlament, Verfassung, Gericht schrumpfen zum Feigenblatt. Jeder versteht ja sowieso, dass das Parlament in Wirklichkeit die Leibgarde des Herrschers bildet, seine Wunschliste die echte Verfassung des Landes ist und dass jeder Richter auf keinen Fall dem Gesetz dient. Und bei den «demokratischen» Wahlen haben die Vasallen die Freiheit, ihre Stimmen für den Boss der Bosse abzugeben. Im Wissen, selbst wenn sie es nicht machten, würde es an der Machtpyramide nichts ändern.

Nun ist es aber so, dass ein Teil der Bevölkerung andere Vorstellungen von einem würdigen Leben bekommen hat. Zu viel gereist, zu viel gelesen, zu viel im Internet gesurft. Kurz gesagt, der freie Personen- und Informationsverkehr mit dem Westen hat meiner Heimat einen bösen Streich gespielt. Der Virus der Demokratie ist ansteckend, und die gebildeten Schichten der Bevölkerung sind anfällig dafür, weil Bildung unausweichlich die Idee der menschlichen Würde nach sich zieht.

Wie vor hundert Jahren haben wir eine paradoxale Situation in Russland: Ein Lebensterrain wird von zwei verschiedenen Völkern geteilt, die sich zwar beide Russen nennen, Russisch sprechen, aber grundsätzlich unterschiedliche Mentalitäten und Lebensvorstellungen haben. Das eine ist gut ausgebildet, lebt vor allem in Grossstädten, vertritt die westlichen, liberalen Werte und ist sozusagen ab gestern entschlossen, in einem russischen demokratischen Staat «schweizerische» Freiheiten zu beanspruchen. Das andere Russenvolk lebt mental im Mittelalter, hat keinen Internetanschluss, glaubt dem Zombi-Kasten, dass das heilige Vaterland von Feinden umringt ist und würde am liebsten die Hexen von Pussy Riot bei lebendigem Leibe verbrennen lassen. Die ersten gehen auf die Strasse und meinen, Putin und seine Handlanger gehörten ins Gefängnis, für die anderen ist die Macht sakral und unantastbar.

Wie viel Freiheit hat Putin in dieser Situation? Genauso viel wie eine Geisel. Der stärkste Mann Russlands ist Sklave jenes Systems, das ihn ehemaligen kleinen Streber aus dem KGB an die Spitze der Machtpyramide brachte. Zurückzuweichen und reale Reformen einzuleiten darf er sich nicht leisten, weil dies nur seine Zukunft im Gefängnis garantiert, in welchem jetzt Khodorkovski sitzt. Der gewählte Präsident, der seine Wählerschaft fürchtet und sich zur Inauguration durch die menschenleeren Strassen der Hauptstadt chauffieren lässt, würde gerne die ganze Protestbewegung, wie einst die tschetschenischen Rebellen «in der Toilette ertrinken lassen». Die blutige Endlösung jedoch werden ihm seine Vasallen nicht erlauben, denn die offene Diktatur in Russland würde zur bekannten Reaktion des Westens führen.

Davor haben die treuen Oligarchen panische Angst. Russland wird von ihnen nur ausgebeutet, das Leben aber geniessen sie und ihre Familien im Westen. Mit gesperrten Konten bei ausländischen Banken und Einreiseverbot in die westlichen Demokratien wird Russland auch für sie jeglichen Sinn verlieren.

Putin steckt in der Falle und alles, was zur Erhaltung seiner Macht mit überflüssiger Eile und in untertänigem Eifer gemacht wird – die hastigen repressiven Gesetze, die monströsen Urteile für die Punk-Girls, das krampfhafte Klammern an die Kirche als rettenden Strohhalm – beschleunigt nur sein Ende. Und wieder gilt: je höher, desto mehr Angst vor der eigenen Gefolgschaft. Das Wunder, dass die Mutter Gottes Putin wirklich vertreibt, wie es im nun weltweit berühmten Punk-Gebet gesungen wurde, wäre die ideale Lösung. Wenn die Gottesmutter aber nicht hilft, bleibt uns ein realistischeres Szenario: Um die Eskalation der Proteste im Land und deren blutige Niederwerfung zu verhindern, werden die ergebenen Bojaren ihren Zar opfern.

Eine Frage aber bleibt: Wird dann der neue Mann im Kreml genug frei sein, um wirkliche demokratische Reformen zu verwirklichen? Man kann Putin zwar ab- und ersetzen, wie aber kann man auf einmal Millionen korrupter Beamter, käuflicher Polizisten und willfähriger Richter ersetzen? Und andere gibt es einfach nicht. Die Bevölkerung meines riesigen Landes ist nicht ersetzbar.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!