Diese Woche eskalierte der Streit um die Massenentlassung von Merck Serono in Genf. Hunderte Angestellte des Pharmakonzerns besetzten den Vorplatz des Unternehmens und protestierten gegen die Schliessung des Genfer Standorts. Streitpunkt ist der vom Konzern aus Darmstadt angebotene Sozialplan, den die Gewerkschaften als «Affront» empfinden. Die 1250 betroffenen Angestellten würden mit dem Minimum abgespeist. So sollen Entlassene als Entschädigung nur einen Monatslohn pro Dienstjahr erhalten, wobei insgesamt nicht mehr als ein Jahresgehalt ausgezahlt wird. Das ist den Betroffenen zu wenig.

Tatsächlich ist der Schweizer Sozialplan im Vergleich mit anderen Ländern mit Abstand der schlechteste. Wie Recherchen des «Sonntags» zeigen, zahlt Merck Serono andernorts deutlich bessere Abfindungen (siehe Tabelle). In Spanien werden rund drei Monatslöhne pro Dienstjahr entschädigt. Auch die Deutschen bekommen mehr Geld. Ihr Verteilschlüssel verspricht über 36-Jährigen mehr als einen Monatslohn. Ausserdem gibt es Extra-Zahlungen für Eltern mit minderjährigen Kindern.

Warum es zu diesen Unterschieden kommt, darüber macht der Pharmakonzern keinen Hehl: Die Gesetzeslage sei entscheidend für die Höhe der Abfindungen, heisst es auf Anfrage. Das sei den Schweizern gegenüber nicht unfair. Ein international gültiger Sozialplan ist deshalb kein Thema.

Über diese Gesetzeslage ärgert sich Alessandro Pelizzari von der Gewerkschaft Unia. Für den deutschen Konzern sei es nirgends einfacher, Leute rauszuwerfen. Deshalb würden in der Schweiz auch die meisten Stellen gestrichen, da es kaum juristischen Widerstand gebe.

Die Zahlen sind eindeutig: Die Schweiz ist mit 1250 Angestellten am stärksten vom Abbau betroffen. 500 Stellen werden gestrichen und 750 in die USA, nach China oder Deutschland ausgelagert. Der Standort Genf schliesst. In Frankreich verlieren 267 Arbeiter ihren Job und in Spanien 180. Auch in Deutschland wird es zu Kündigungen kommen. Insgesamt will das Unternehmen 300 Millionen einsparen.

«Wir müssen aufpassen, dass die Schweiz nicht zur Müllhalde Europas wird», sagt Pelizzari, der künftig weitere leerstehende Firmen fürchtet. Sollten internationale Unternehmen einen Stellenabbau beschliessen, werde als Erstes in der Schweiz gekündigt. Diesen Vorwurf weist Merck Serono allerdings zurück. Der Konzern wolle künftig eben nur noch eine europäische Zentrale betreiben mit Hauptsitz in Darmstadt.

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