Herr Holenweger, Ihr Fall hat dazu geführt, dass zwei Bundesanwälte, vier Staatsanwälte und ein Untersuchungsrichter den Hut nehmen mussten. Wie gross ist Ihre Genugtuung?
Oskar Holenweger: Als Betroffener kann ich schwer akzeptieren, dass zwei Bundesanwälte einen kriminellen Drogenbaron in unser Land einschleusten und ihn bezahlten, um einen Verdacht gegen mich zu erfinden. Es ist inakzeptabel, dass dieses System es fertigbrachte, mich während acht Jahren meines Lebens ohne Fakten und Beweise zu stigmatisieren. Sie hielten an ihrem erfundenen Konstrukt bis zum Ende des Verfahrens fest. Und alle fanden wieder eine neue Herausforderung in unserem Justizsystem oder haben sich pensionieren lassen. In welchem Rechtsstaat leben wir?

Also keine Genugtuung.
Genugtuung? Nein Betroffenheit. Meine persönliche Genugtuung ist der vollumfängliche Freispruch.

Am 11. Dezember 2003 hat Sie ein Einsatzkommando der Bundeskriminalpolizei in Ihrem Haus verhaftet. Wie haben Sie diesen Moment in Erinnerung?
Ich kam mir vor wie im falschen Film. Wehrlos, ausgeliefert. Von der ersten Sekunde an fragte ich mich: Was wird hier gespielt?

Die Polizisten schlugen ein Fenster ein und drangen in Ihr Haus ein.
Offenbar fanden die Beamten die Haustür nicht, darum stiegen sie über das Küchenfenster ein. Meine Bewunderung für diese Übung hielt sich in Grenzen. Ich frage mich heute noch, was man mit dieser Aktion erreichen wollte.

Kommt es Ihnen vor, als wäre es gestern gewesen?
Das liegt für mich eine Ewigkeit zurück. In der Computersprache würde man sagen: Dieses Ereignis ist gelöscht.

Sie haben das Erlebte verdrängt?
In Erinnerung bleibt mir einfach die Frage, die ich immer und immer wieder stellte: Worum geht es? Sagt mir, um was es geht! Diese Frage wurde mir sehr, sehr lange nicht beantwortet. Nie erhob man einen konkreten Vorwurf – es hiess immer schwammig, «irgendwas mit Geldwäscherei». Schliesslich wurde mir der Anfangsverdacht schriftlich dargelegt. Als ich diesen Schwachsinn las – Escobar, Medellin-Kartell, Transaktionen von Spanien über Zypern nach Russland in die Schweiz –, wurde mir sofort klar: Hier hat jemand einen Anfangsverdacht fabriziert. Ich wollte nur noch eines: herausfinden, welches die Quelle und der Grund für diesen Irrsinn waren. Alles andere interessierte mich nicht mehr.

Dann begann Ihr Kampf.
Es ging für mich um die Suche nach der Wahrheit und dem Motiv, wie und warum der Anfangsverdacht zustande gekommen war. Mein Anwalt, Dr. Erni, sagte in seinem Plädoyer vor dem Bundesstrafgericht treffend: «Jeder Polizist aus dem Verzascatal hätte schneller gemerkt, dass dieser Anfangsverdacht unmöglich stimmen kann.» Nur schon, weil die erwähnten Transaktionen völlig irrwitzig gewesen wären. Dass diese erfundenen und gekauften Behauptungen von den «Finanzspezialisten» der Bundesanwaltschaft und später von der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK; heute Finanzmarktaufsicht Finma; die Red.) nicht hinterfragt und überprüft worden sind, war eine grobe Fehlleistung.

Dass es acht Jahre dauern würde, bis die Wahrheit herauskommen würde, hätten Sie wohl nie gedacht.
Nie. Wenn Sie im falschen Film sind, wollen Sie so schnell wie möglich aus dem Kino heraus.

Warum verbissen sich die verschiedenen Behörden in diesen Fall, an dem am Ende null und nichts hängen blieb?
Schauen Sie sich die Hauptprotagonisten an, in chronologischer Reihenfolge: Valentin Roschacher, Bundesanwalt. Thomas Wyser, Staatsanwalt. Dr. Ernst Roduner, Untersuchungsrichter. Erwin Beyeler, Bundesanwalt. Thomas Hansjakob, Untersuchungsrichter: In diesem Fall handelte jeder nur pro domo. Es ging keinem darum, den Fall zu lösen und zu einem Ende zu führen, sprich abzubrechen. Keiner hatte den Mut, Nein zu sagen.

… weil jeder an seine Karriere dachte?
Selbstverständlich. Es ging jedem nur um sich selber, nicht um die Sache. Roschacher schleuste Drogenbaron Ramos ein und führte ihn persönlich. Staatsanwalt Wyser war der Verbindungsoffizier zu Ramos. Die hatten doch kein Interesse, diesen Fall einzustellen. Die Hauptverantwortlichen Roschacher und Wyser rechneten nie mit dem Worst-Case-Szenario, nämlich, dass Ramos auffliegen könnte. Auch Beyeler verstrickte sich hoffnungslos. Hansjakob wiederum gelüstete es nach weiteren Karriereschritten, er schwärmte vom Fall als «Herausforderung». Höhepunkt war, dass er entscheidende Akten verschwinden lassen wollte.

Hansjakob sagte, er habe die Akten übersehen.
Übersehen in Anführungszeichen. Derselbe Hansjakob hat das Konto meiner damals 95-jährigen Mutter im Detail überprüft. Das hatte er nicht übersehen. Anscheinend ist sein eigenes Wahrnehmungsvermögen situativ sehr unterschiedlich.

Wie sind Sie und Ihr Anwalt Lorenz Erni auf diese Akten gestossen?
Das war im Januar 2008 im Rahmen einer bewilligten amtlichen Akteneinsicht. Dr. Erni überprüfte sechs Stunden lang die Akten und ich fotokopierte. Er entdeckte die so genannten Abschöpfungsberichte «Ramos», aus denen eindeutig hervorging, dass der Anfangsverdacht bereits erfunden worden war, bevor Ramos überhaupt in der Bank war. Wir haben damals schon geahnt, dass es mehr als zwei solcher Berichte gibt. Als 2010 Anklage erhoben wurde, hat Dr. Erni Beschwerde eingereicht und das dritte Mal in Folge alle Ramos-Akten verlangt. Hansjakob hat damals geantwortet, die Ramos-Akten seien nicht relevant und es gäbe gar keine solchen. Das Bundesstrafgericht hat diese Aussagen als unwahr entlarvt. Ein Amtsmissbrauch von Hansjakob.

Da hat Ihr Anwalt die beiden Berichte, die in Ihrem Besitz waren, kurzerhand beim Gericht in Bellinzona eingereicht…
…und bei Hansjakob in St. Gallen brach Panik aus. Er schrieb noch am selben Tag in einem Memo, er habe die Akten gefunden, aber «übersehen». Er habe sie in einem Safe eingeschlossen und eigentlich schreddern wollen. Schreddern wäre die Steigerung von «übersehen» gewesen. Stellen Sie sich vor, Hansjakob wäre nicht ertappt worden und hätte die Ramos-Akten tatsächlich vernichten können. Hansjakobs «Herausforderung» wurde zu seinem Stolperstein.

Ein weiterer Tiefpunkt war der Drohfax, den Untersuchungsrichter Ernst Roduner an sich selber schickte.
Er wollte sich so aus einer aussichtslosen Situation retten. Erschreckend einmal mehr: Meine Familie, meine Freunde und ich hätten verdächtigt werden können, dieses Drohfax versandt zu haben. Neue Verfahren wären eröffnet worden. Nur das tapsige Verhalten des Herrn Dr. Ernst Roduner beendete diese einmalige, geradezu hinterhältige Aktion. Eine unentschuldbare Tat eines Richters beziehungsweise eines Staatsanwaltes in unserem Land. Er wurde dafür verurteilt.

Hat sich einer dieser Exponenten je bei Ihnen entschuldigt?
Soll ich eine Entschuldigung verlangen von Herrn Roschacher, von Herrn Beyeler, von Herrn Roduner, von Herrn Wyser, von Herrn Hansjakob? Ich erwarte keine Entschuldigung.

Warum haben diese Personen die Grösse nicht, um sich nach Ihrem Freispruch bei Ihnen zu entschuldigen?
Eine Entschuldigung, die gleichzusetzen wäre mit einem Zugeständnis, Fehler gemacht zu haben? Das Grundproblem ist, dass diese Leute mehrmals den Ausstieg aus dem Fall verpasst haben. Der Schaden wäre für alle Beteiligten viel kleiner gewesen. Bereits innerhalb von 48 Stunden nach meiner Verhaftung wussten die Behörden, dass es in meiner Bank keine Geldwäscherei gegeben hatte. Es lag ein schriftlicher Bericht vor, verfasst von der KPMG, in dem es hiess, dass die einzigen verdächtigen Transaktionen diejenigen des später entlarvten V-Mannes mit dem Pseudonym Diemer seien, also die eigenen verdeckten Transaktionen der Bundesanwaltschaft. Alle wussten, dass nichts dran war: die Strafverfolgungsbehörden, aber auch die EBK und die von ihr speziell eingesetzten Untersuchungsbeauftragten der KPMG. Eine menschenverachtende Operation gegen einen unbescholtenen Bürger.

Die Behörden haben es jahrelang versäumt, die Notbremse zu ziehen?
Ja, man hätte von einem Missverständnis reden können, und der Ruf der Strafbehörde wäre nicht derart beschädigt worden, wie in diesen acht Jahren. Aber die Strafverfolger hofften bis zuletzt, dass sie doch noch irgendeinen Straftatbestand finden würden. Krampfhaft suchten sie das berühmte Haar in der Suppe. Sie hofften auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Vielleicht glaubten die Behörden mit der Zeit selber an ihr Fantasiegebäude.
Das mag sein. Alarmierend ist, dass die Bundesanwaltschaft bis heute keine Einsicht zeigt. Sie glaubt noch immer an ihren Anfangsverdacht, und sie glaubt auch heute noch an ihren Drogenkriminellen Ramos. Für diese Vermutung spricht das Communiqué, mit welchem die Bundesanwaltschaft den Verzicht auf einen Weiterzug des Urteils von Bellinzona bekannt gab. Die Bundesanwaltschaft schrieb, sie ziehe den Fall nicht nach Lausanne weiter, weil «kein öffentliches Interesse» daran bestehe. Sie nimmt in Anspruch zu definieren, was das öffentliche Interesse darstellt.

Die Bundesanwaltschaft akzeptiert den Freispruch also inhaltlich nicht.
Die Bundesanwaltschaft hat überhaupt kein Einsehen und auch ein fehlendes Unrechtsbewusstsein. Sie verzichtete zwar auf eine Beschwerde – schwieg dazu aber nicht, sondern kritisierte das Bundesstrafgericht in Bellinzona: Das ist ein Angriff auf die Gewaltenteilung. Die Bundesanwaltschaft zeigt sich als schlechter Verlierer. Offenbar hat die Bundesanwaltschaft in den acht Jahren in meinem Fall nichts gelernt.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich mit dem neuen Bundesanwalt Michael Lauber etwas ändert?
Der neue Bundesanwalt soll an seinen Taten gemessen werden und nicht an seinen Worten. Zu hoffen wäre auf eine Änderung deshalb, weil andere Bürger auch in diese Mühle geraten könnten. In der Pflicht stehen insbesondere das Parlament und die Aufsichtskommission unter der Leitung von Hans Georg Seiler. Sie müssen aus diesem Fall die nötigen Lehren ziehen. Wenn das Parlament der Ansicht sein sollte, mit der Ernennung eines neuen Bundesanwalts und mit dem Aufräumen der unhaltbaren Komplottgeschichte sei die Sache erledigt, wäre die Tragweite der Situation bei den Behörden, insbesondere der Bundesanwaltschaft, verkannt.

Sie haben die Bankenaufsicht EBK erwähnt. Was werfen Sie ihr vor?
An der Gerichtsverhandlung wurde bestätigt, dass Vertreter der EBK an Sitzungen mit der Bundeskriminalpolizei und der Bundesanwaltschaft teilgenommen haben. Und zwar im Mai/Juni 2003 – also bevor das Verfahren eröffnet wurde! Zudem belegen Protokolle, dass der Rechtskonsulent der EBK persönlich an einer Sitzung teilnahm, an der entschieden wurde, dass man «eine Million in die Tempus-Bank zum Waschen bringe» – damit meinte man die Transaktionen von Diemer…

...des verdeckten Ermittlers.
Damit nicht genug. Die Bundesanwaltschaft machte nach einer Sitzung mit der EBK die unglaubliche Aussage, dass man Bedenken habe, die Revisionsgesellschaft der Bank, Atag Ernst & Young, eine der renommiertesten Revisionsgesellschaften weltweit, könnte «problematische Akten» verschwinden lassen. Und vor dem Zugriff im Dezember 2003 fand eine Koordinationssitzung statt zwischen der Bundeskriminalpolizei, Bundesanwaltschaft, der EBK und der KPMG. Die KPMG wusste von Anfang an, dass die Diemer-Transaktionen verdeckte Operationen waren. Sie liess in ihren Untersuchungsberichten glauben, es handle sich um verdächtige Geldwäscherei-Transaktionen.

Was folgern Sie daraus?
Auch die EBK als oberstes Kontrollorgan der Banken hinterfragte den absurden Anfangsverdacht nicht und spielte bei den nachfolgenden verdeckten Operationen eine Rolle. Die EBK hätte aufgrund des völlig unglaubwürdigen Anfangsverdachts feststellen müssen: Das kann so nicht stimmen. Denn Pablo Escobar war bereits im Jahre 1993 in Medellin erschossen worden. Man hätte Transaktionen bei der Bank Vontobel, meinem damaligen Arbeitgeber, überprüfen können, und über die Revisionsgesellschaft sämtliche Daten der Tempus-Bank. So wären die Vorwürfe rasch entkräftet gewesen. Die EBK und die KPMG als Fachbehörden machten nichts dergleichen. Sie versagten.

EBK und KPMG machten sich zu willfährigen Gehilfen der Bundesanwaltschaft?
Das ist zu anständig formuliert. Bei der EBK und der KPMG versagten sämtliche Kontrollmechanismen. Die EBK war zusätzlich autoritätsgläubig und hinterfragte die Darstellung der Bundesanwaltschaft nicht einmal ansatzweise.

Wer trägt dafür die Verantwortung?
Bei der EBK in erster Linie der Rechtskonsulent, David Wyss, letztlich aber auch der damalige EBK-Direktor Daniel Zuberbühler.

Zuberbühler wird neu bei der KPMG arbeiten. Wie beurteilen Sie denn die Rolle der KPMG in Ihrem Fall?
Die KPMG war Teil dieser verdeckten Operation. Ich wiederhole: Schon im ersten Bericht vom 23. Dezember 2003 – wenige Tage nach der Verhaftung – schrieb die KPMG, es gäbe nur einen Verdacht von Geldwäscherei, jenen betreffend der Transaktionen von Diemer. Die Konsequenz war, dass die KPMG auch eine Mitverantwortung für die Verlängerung der Untersuchungshaft trägt. Die KPMG definiert ihre ethischen Standards in einem Kodex. Jetzt muss man mir erklären, wie diese hochgelobten Standards bei der KPMG-Truppe umgesetzt wurden.

Daniel Senn, der dafür verantwortlich war, ist heute Finanzchef der KPMG.
Er hat die Mitarbeiter meiner Bank bedrängt und ihnen gegenüber behauptet, er verfüge über Beweise dafür, dass ich für Escobar Geld gewaschen hätte. Es ist zu vermuten, dass man ihm den schriftlich formulierten Anfangsverdacht zum Lesen unterbreitet hatte. Sie müssen sich einmal vorstellen, was das für eine internationale Firma wie die KPMG heisst! Die KPMG und die EBK führten ein Scheingefecht. Sie wussten, dass die Diemer-Transaktionen konstruierte Undercover-Aktionen waren. Der Verwaltungsrat der Tempus-Bank hat nach dem Täuschungsmanöver der KPMG pflichtbewusst eine Geldwäscherei-Meldung an die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich gemacht. Die Staatsanwaltschaft ist nach wenigen Tagen zum Schluss gekommen, dass es gar keine Geldwäscherei sei. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich kontaktierte Senn. Und Senn wollte die verdeckte Operation Diemer nicht verraten. Wenn die EBK und die beauftragte Revisionsgesellschaft Teil einer solch verfehlten Aktion werden, muss man sich fragen: Ist das ein einmaliger Ausrutscher oder gehört das zum Verhalten unserer Kontrollbehörden im Bankenbereich?

Sie vermuten eine Systematik dahinter?
Das ist genau der Punkt, den es abzuklären gilt.

Für die KPMG war es zumindest ein lukrativer Auftrag.
Die Rechnung der KPMG und die direkten Folgekosten beliefen sich auf über 1,5 Millionen Schweizer Franken. Zulasten der Rechnung der Bank im Jahre 2003.

Werden Sie die Behörden oder auch die KPMG zur Rechenschaft ziehen?
Überlegungen sind im Gange.

Könnte sich ein Fall wie der Ihre wiederholen?
Diese Frage müssen Sie der Bundesanwaltschaft stellen. Meine Meinung ist klar: Einen solchen Fall darf es in der Schweiz nicht mehr geben. Nie mehr.

Wie sind Ihre zwei Söhne mit der Situation umgegangen, dass Sie acht Jahre lang im Zusammenhang mit Geldwäsche und Drogenkartellen genannt wurden?
Das ist im Ranking meiner eigenen Empfindungen das Schlimmste überhaupt: dass meine Familie darunter leiden musste. Als ich aus der U-Haft in Bern entlassen wurde, rief ich als Erstes meine Familie zusammen. Ich sagte: «Ich habe nie etwas Unrechtes getan, ich werde alles daran setzen, die Wahrheit herauszufinden.» Diesem Ziel ordnete ich in den letzten acht Jahren alles unter.

Was für einen Preis haben Sie dafür bezahlt?
Die ganze Familie hat einen hohen Preis bezahlt. Mein Freundeskreis. Das ist unerträglich und für mich das Schlimmste in diesem Fall.

Haben sich nach der Verhaftung und während des Verfahrens Menschen von Ihnen abgewendet?
Es war eher umgekehrt. Ich habe mich auf die Leute fokussiert, die je nach Situation und Problemstellung dazu beitragen konnten, dass die Wahrheit an den Tag kommt. Es hat mir sehr wehgetan, dass ich Leute, mit denen ich befreundet war, auf den Pannenstreifen stellen musste. Das hat nichts damit zu tun, dass ich diesen Menschen nicht vertraut hätte. Aber Sie können jemandem, den sie schätzen, nicht nur die Hälfte erzählen und ständig darauf hinweisen: «Du darfst jetzt nichts sagen.» So musste ich von Anfang an eine rigide Verhaltensweise an den Tag legen. Jetzt gehe ich wieder auf die Leute zu und erkläre ihnen, aus welchen Gründen ich mich zurückziehen musste.

Gehen Sie auch auf Christoph Blocher zu?
Ja, das werde ich tun. Ich habe Christoph Blocher seit 1998 nicht mehr getroffen. Wir haben zusammen Militärdienst geleistet.

Es gibt die These, dass Blochers Abwahl 2007 mit Ihrem Fall zusammenhängt.
Ich würde bestreiten, dass seine Abwahl direkt mit mir zu tun hatte. Es ist jedenfalls nicht zu akzeptieren, dass Staatsanwälte des Bundes Zeichnungen von mir missbrauchten und damit versuchten Bundesrat Blocher hinterhältig aus dem Amt zu hebeln.

Dass er angeblich ein Komplott gegen Bundesanwalt Roschacher geschmiedet habe – was nicht stimmte –, könnte ihn im Parlament die eine oder andere Stimme gekostet haben.
Man kann es auch anders sagen: Dank dem unsäglichen Komplottvorwurf gegen Herrn Blocher hat die SVP im Herbst 2007 auch Stimmenanteile gewonnen.

Vielleicht bei der Parlamentswahl, aber nicht bei der Bestätigungswahl von Bundesrat Blocher.
Diese Diskussion werde ich mit ihm selbst führen. Ich freue mich auf dieses Treffen.

Thema wird dabei sicher auch der so genannte H-Plan sein. Ihre Skizzen auf einem Flip-Chart machten damals grosse Schlagzeilen. Was war der H-Plan wert?
Nichts, er war ein Nonvaleur. Inzwischen stellte auch die Geschäftsprüfungskommission fest, dass es persönliche Skizzen waren und kein Komplott. Es existieren Hunderte solcher Zeichnungen von mir. Schon als Bub machte ich solche Skizzen. Ich zeichnete alles, von dem ich glaubte, ich müsse es abstrakt verstehen.

Was haben Sie im Laufe des Verfahrens falsch gemacht? Was hätten Sie in dieser Situation denn anders gemacht? Vielleicht nicht den Ausflug nach Stuttgart, wo Sie im Frühling 2007 beim dortigen Landeskriminalamt mit einer Digitalkamera angehalten wurden.
Nein, da muss ich mit aller Vehemenz widersprechen. Als V-Mann Diemer ins Spiel kam, ging es doch darum zu klären, was seine Rolle war. Was hatte ich denn für alternative Möglichkeiten, um den Einsatz eines V-Mannes, der sich versteckt hielt, aufzudecken?

Wie sehen Sie die Rolle der Medien in Ihrem Fall?
Ich habe mich nie in der Presse geäussert. Weil ich vom ersten Tag an eine klare Strategie hatte. Es ging immer darum herauszufinden, was hinter diesem Anfangsverdacht steckt. Einzelne Journalisten haben bei dieser Wahrheitsfindung einen entscheidenden Beitrag geleistet. Es gab aber auch Tiefpunkte. Zwei Journalisten haben zum Beispiel behauptet, es gebe den Verdacht, die Bank hätte für eine Nonne in Brasilien 500 Millionen Dollar gewaschen. Jetzt frage ich Sie: Wie viele Opferstöcke gibt es in Brasilien, aus denen man 500 Millionen Dollar entnehmen kann?

Sie hätten solchen Berichten mit einem Gang an die Öffentlichkeit den Boden entziehen können.
Die Bundesanwaltschaft hätte an ihrem Vorgehensplan trotzdem festgehalten.

Nochmals: Sie hätten den Bundesanwalt viel früher zu Fall bringen können.
Es ging nicht darum, den Bundesanwalt zu Fall zu bringen. Es ging darum, die Frage zu beantworten, wie es zu diesem Verdacht kam. Der Gang an die Öffentlichkeit wäre nicht zielführend gewesen. Dr. Lorenz Erni rief kurz nach Übernahme des Mandats im Mai 2005 den damaligen Bundesanwalt Roschacher an, um mit ihm den Fall zu besprechen. Und was hat Roschacher gesagt? «Wenn sich jeder Verteidiger erlauben würde, ihn, den Bundesanwalt, anzurufen…» Eine Arroganz sondergleichen!

Blieb es bei dieser einzigen Intervention?
Ein weiteres Gespräch fand am 3. Februar 2010 – bevor die Anklage deponiert wurde – mit Bundesanwalt Erwin Beyeler und seinem Stellvertreter Ruedi Montanari statt. Gleiche Haltung: «Brechen Sie die Übung ab.» Da hätten auch Auftritte von mir in den Medien nichts daran geändert. Das Resultat ist in der Zwischenzeit bekannt. Hätte Roschacher Dr. Erni zugehört, wäre er vielleicht heute noch Bundesanwalt und wäre nicht gezwungen, Schweizer Berge weiss anzumalen. Hätte Bundesanwalt Beyeler realisiert, dass seine Verstrickung beim Einschleusen von Ramos aufgedeckt würde und hätte er zugehört, wäre vielleicht auch er heute noch Bundesanwalt.

Ist der Staat einem Jagdinstinkt verfallen?
Ich stelle nicht den ganzen Staat infrage. Hier geht es um die Strafverfolgungsbehörden und die EBK. Wenn ich Ihnen alle Verfehlungen der Behörden in meinem Fall auflisten würde, würde man immer noch nicht verstehen, wie das alles passieren konnte. Nie hat jemand hinterfragt, ob der irrwitzige Anfangsverdacht überhaupt stimmen könnte! Und niemand zog die Notbremse.

Sind es Verfehlungen oder hatte es System?
Einfach nur «Murphy’s Law» in der Bundesanwaltschaft? Sicher nicht. Die haben selber daran geglaubt, dass es so war. Und sie tun es bis heute. Was wohl einem Bürger passiert wäre, der nicht über die Mittel, den Ehrgeiz, das Ausharrvermögen und nicht über den besten Verteidiger verfügt hätte, um sich zur Wehr zu setzen und um die Machenschaften aufzudecken?

Ihre Antwort?
Er wäre wohl verurteilt worden. Wo immer die Leute heute auf mich zugehen – ob auf der Strasse oder an Besprechungen – alle fragen: Was passiert mit einem anderen Bürger in einer ähnlichen Situation?

Sie haben Ihr Lebenswerk verloren – die Tempus-Bank, die Sie aufgebaut haben. Wie hat dieses Erlebnis Ihre Sicht auf die Schweiz und den Rechtsstaat verändert?
Ich bin nach wie vor stolz, Schweizer zu sein. Ich bin nach wie vor der Meinung, wir leben im besten Land der Welt – und ich war in mehr als 100 Ländern. Ich habe mein Vertrauen in den Staat Schweiz nicht verloren. Aber ich habe das Vertrauen in unsere Strafverfolgungsbehörden verloren, und zwar vollständig. Im Umfeld der Bundesanwaltschaft leben wir nicht in einer Bananenrepublik – es ist noch schlimmer. Denn die Bundesanwaltschaft importierte mit Ramos auch noch die Bananenschalen.

Werden Sie über Ihre Erlebnisse ein Buch schreiben?
Es gibt Anfragen, aber das Thema war so dominant in unserer Familie und im Freundeskreis, dass wir jetzt auch wieder daraus ausbrechen wollen. Endlich wieder nach vorne schauen! Ich überlege mir, ob ich einen Teil dieser Dokumente ins Internet stellen will. Informativ für den Bürger wäre zum Beispiel der Schriftverkehr von Untersuchungsrichter Hansjakob beim untauglichen Versuch, die Ramos-Akten zu übersehen. Facebook und Twitter wären bestimmt adäquate Instrumente. Aber ein Buch? Das bedeutet auch, weniger schnell abschliessen zu können. Ich muss mir genau überlegen, was das Motiv, die Zielsetzung und die Botschaft wären, und bin daher noch sehr unschlüssig.

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