Herr Kohl, warum haben Sie die Schweiz zu Ihrem Wohnsitz gemacht?
Peter Kohl: Ich lebe seit Ende meiner zweijährigen Militärzeit im Ausland. 2009 hat es mich aus geschäftlichen Gründen an den Zürisee verschlagen. Ich kann die Schweiz nur empfehlen. Ich finde es hier ganz toll.

Nicht alle Schweizer finden es aber so toll, dass viele Deutsche in die Schweiz ziehen. Wie gehen Sie damit um?
In meiner Heimat gibt es rund 8 Prozent Ausländer. Als Deutscher in der Schweiz muss man sich deshalb die Frage stellen, wie wir auf einen Ausländeranteil von aktuell 23 Prozent reagieren würden. Dazu besitzen die Schweizer eine stark entwickelte Identität, die sie verständlicherweise bewahren wollen.

Kritisiert wird vor allem das forsche Auftreten der Deutschen.
Zuerst einmal: Ich glaube nicht, dass es den Deutschen gibt. Als Ausländer muss man sich auch die Gastfreundschaft eines Landes etwas verdienen. Dazu gehört, dass man sich ein- und auch ein wenig anpasst und nicht versucht, die Schweizer zu Deutschen zu machen. Das ist mein Rat an alle, die hier leben und arbeiten.

Umgekehrt werden Schweizer in Deutschland viel freundlicher aufgenommen. Wissen Sie warum?
Die Schweizer haben in Deutschland ein extrem positives Image. Sie besitzen die Tugenden, die man gerne bei sich selber sieht. Das kann ich auch aus meinen Schweizer Erfahrungen nur bestätigen.

Viel Lob für uns Schweizer. Gibt es auch Dinge, die Sie kritisieren?
Die Schweiz ist ein Mikrokosmos, wo man immer wieder viele Dinge neu entdeckt, die dann auch sehr lustig sind.

Die da wären?
Zu lernen, was ein Znüni und ein Zvieri ist (lacht). Aber einer der grössten Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Schweizern liegt im Umgang mit der Konfliktfähigkeit. Ich glaube, die Eidgenossen sollten lernen, dort, wo es sich lohnt, manchmal auch harte Auseinandersetzungen zu führen.

Denken Sie hier an den Steuerstreit mit Deutschland und den USA?
Zum Beispiel. Meiner Erfahrung und Mentalität entsprechend würde man in den USA und insbesondere in Deutschland viele Dinge nicht akzeptieren, die man sich hier gefallen lässt. Der Schweizer betreibt manchmal Konsens bis zum Exzess. Es existieren Konflikte im In- und Ausland, denen man nicht ausweichen sollte. Da gibt es Sachen, die ich nur schwer verstehen kann.

Können Sie konkret werden?
Ich würde mir als Schweizer keine überhöhten Autopreise oder überteuerte Waren in gewissen Geschäften gefallen lassen. Es gibt aus Sicht der Konsumenten Monopolstellungen, da würde man in den EU-Ländern auf die Barrikaden steigen. Die Leidensfähigkeit des Schweizer scheint hier sehr hoch entwickelt zu sein. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Kommen wir zurück auf den Steuerstreit. Wie sollte die Schweiz diesen Konflikt Ihrer Meinung nach lösen?
Was ich bedauerlich finde, ist der Umgang mit der Schweiz – auch von deutscher Seite. Ich würde empfehlen, mal die Protokolle über die Westdeutsche Landesbank aus den Untersuchungsausschüssen der 90er-Jahre nachzulesen. Vor allem was Luxemburg betrifft. Da würde man auch Skandale rund um die Steuerhinterziehung finden. Und dies ausgerechnet aus Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, aus dem viele Angriffe auf die Schweiz kommen.

Worauf führen Sie es zurück, dass der Ton härter geworden ist?
Mein Vater hat mir einmal gesagt, dass Deutschland neun Nachbarländer hat und man jedes einzelne Land mit Würde und Anstand – egal, wie gross oder klein es ist – behandeln müsse. Und wenn man das tut, dann vertritt man die deutschen Interessen am besten.

Ist dieser Anstand verloren gegangen?
Mit der Kritik an der Schweiz wird teilweise deutsche Innen- und Abstimmungspolitik gemacht. Das hat es früher nicht gegeben und das empfinde ich als bedauerlich. Es darf nicht sein, dass deutsche Aussenpolitik über die Bundesländer- und nicht über die Bundesregierung geführt wird.

Da wären wir bei Angela Merkel. Was halten Sie von der Bundeskanzlerin?
Frau Merkel ist eine Physikerin.

Das heisst?
Sie ist die analytischste Regierungschefin, die es momentan in Europa gibt. Sie ist ein grosses Talent mit einem eigenen Politikstil, von dem ich persönlich aber kein grosser Anhänger bin.

War Ihr Vater der Wegbereiter für ihren Aufstieg zur Bundeskanzlerin?
Mein Vater war der Talent-Scout von Frau Merkel. Er hat die positive Kombination von Ostdeutscher und Frau erkannt und sie über mehrere Hierarchiestufen zur Ministerin gemacht. Das er dabei richtig lag, sieht man ja heute.

Ihr Vater hat mit der Wiedervereinigung deutsche Geschichte geschrieben. Können wir über das Drama mit ihm und seiner neuen Frau reden?
Das können wir schon – bis zu einer gewissen Weise. Am besten reden wir dazu zuerst über den Film, der zurzeit über meine verstorbene Mutter gedreht wird.

Erzählen Sie.
Seit anderthalb Jahren befindet sich ein Filmprojekt in Vorbereitung. Der NDR und die teamWorx produzieren einen Zweiteiler im Format eines Dokudramas über das Leben unserer Mutter. Der Film beleuchtet die grosse Lebensspanne an zeitgeschichtlichen Ereignissen von damals. Diese Erfahrung und die Erinnerung vieler Menschen an sie hat mir einmal mehr gezeigt, was es für ein Privileg war, der Sohn einer so aussergewöhnlichen Frau zu sein.

Nimmt Ihr Vater an dem Film teil, oder wurde versucht, das Projekt zu verhindern?
Er wurde herzlich, aber vergeblich dazu eingeladen. Seine heutige Frau hat versucht, den Film zu verhindern, ist aber daran gescheitert.

Hat Ihre Mutter politische Entscheidungen Ihres Vaters beeinflusst?
Ja. Rückblickend zeigt sich, dass ihre Rolle viel bedeutender war als nur im klassischen Sinne diejenige einer Politikergattin. Ich lese das ab an den Entscheidungen, die mein Vater in seinem Leben gefällt hat.

Gehört dazu auch sein Engagement für ein vereintes Europa?
Meine Eltern sind Kinder der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Der Tod seines gefallenen Bruders hat meinen Vater ganz stark geprägt. Man kann sagen, er ist, was Europa angeht, ein Überzeugungstäter, dass es niemals wieder so kommen darf wie damals.

Verlor Ihr Vater nach dem Tod seiner Frau die wichtigste Beraterin?
Das kann man so sagen. Nach dem Ableben unserer Mutter, die ihn nicht mehr beraten konnte, hat er Entscheidungen gefällt, die nicht in seinem Sinne und einfach nur tragisch waren.

Geht das anderen Männern nicht auch so, wenn die Ehefrau stirbt?
Das Drama begann schon vor dem Suizid unserer Mutter mit der Parteispendenaffäre. Diese wurde auch zu einer persönlichen Generalabrechnung mit meinem Vater.

Gilt Ihr Vater mit seinen Verdiensten für Deutschland nicht als unantastbar?
Das zu glauben wäre ein Trugschluss. Bei den Angriffen spielte gerade die deutsche Wiedervereinigung eine Rolle. Diese war eine hoch dramatische und für viele Menschen auch ein traumatisches und nicht nur positives Erlebnis.

Was hat dies mit dem Tod Ihrer Mutter zu tun?
Mein Vater, der in Anspruch nahm, der Kanzler der Wiedervereinigung zu sein, bekam die vielen negative Energien mit voller Wucht zu spüren. Damals entluden sich ungeheure Aggressionen und Angriffe auf alle Familienmitglieder, die man sich so in der Schweiz gar nicht vorstellen kann und schliesslich auch den Tod meiner Mutter vor zwölf Jahren mit beeinflusst haben.

Inwiefern?
Meine Mutter wurde schwer angegriffen, auch physisch von wildfremden Leuten auf der Strasse. Vieles ist damals passiert, das aber hier im Detail nicht so wichtig ist.

Die neue Frau Ihres Vaters verweigert Ihnen den Zugang zu ihm. Ist keine Lösung in Sicht?
Nein. Seine jetzige Frau schottet ihn mit einer Art Polizeikordon ab. Wenn ich oder mein Bruder sich unserem Elternhaus nähern, muss man damit rechnen, verhaftet zu werden. Aber tragisch ist, dass auch unsere Kinder keinen Zugang mehr zu ihm haben dürfen.
Diese Situation lässt einem ziemlich sprachlos.
Für mich ist es mein Vater, für die Enkel der Grossvater. Da ist es ein normales Bedürfnis, sich zu sorgen und zu hoffen, dass es ihm gut geht. Ab einem gewissen Punkt kann ich aber nichts mehr machen und muss die Situation irgendwie akzeptieren. Mein Vater bleibt aber mein Vater für mich. Uns verbindet eine lange komplizierte Geschichte, mit manchen Hochs und einigen Tiefs.

Gab es Pläne, selber in die deutsche Politik einzutreten?
Dazu müsste man einer Partei beitreten, der man beitreten möchte. Die müsste erst gegründet werden (lacht). Und in Deutschland hat man als Quereinsteiger kaum Chancen. Da ist immer noch die langjährige Ochsentour gefragt.

Würde Ihnen das Schweizer System eher für einen Einstieg zusagen?
Es ist für mich interessant, den Unterschied der beiden Systeme zu betrachten. Es gibt viele Elemente, die ich hier kennen gelernt habe, die aus der Tradition entstanden und nicht mit anderen Ländern vergleichbar sind. Es gibt eine starke Basisdemokratie und ein Bewusstsein, dass man lokale Dinge selber an die Hand nimmt. Und in der Schweiz herrscht ein viel geringerer Obrigkeitsglaube als in Deutschland.

Denken Sie hier an den Rütlischwur, keine fremden Vögte zu dulden?
Sagen wir es so: Eine Lichtfigur wie Karl-Theodor zu Guttenberg wäre in der Schweiz undenkbar. In der Schweizer Regierung werden die Ämter durchrotiert. Wenn jemand sich auf das hohe Ross setzt, wird er heruntergeholt. Der Bundesrat ist hier noch viel mehr der Diener des Volkes. Das finde ich gut.

Sehen Sie auch Nachteile?
Natürlich. Die vielen Kantone, die sich untereinander abstimmen müssen. Dann ist man sich nicht einig und die Entscheidungswege sind langwierig. Aber man muss sagen, das System hat sich bewährt. Dazu hat die Schweiz ein Talent, sich aus Krisen rauszuhalten.

Schauen wir noch in die Zukunft. Stichwort EU-Beitritt?
Das ist einer der grossen Frage der Zukunft. Wo hält man sich heraus und wo engagiert man sich. Ich sehe im Moment keinen Vorteil für die Schweiz, der EU beizutreten. Da müssen zuerst die Hausaufgaben bei den Reformen und dem Euro bewältigt werden, damit ein Beitritt für die Schweiz überhaupt nur diskutabel wäre.

Dann sind Sie also der Meinung, dass sich die Schweiz auch längerfristig ohne EU-Beitritt behaupten kann?
Die Schweiz ist ein Sonderfall. Sie hat sich diese Ausnahmeposition geschaffen und dabei sollte sie auch bleiben. Nur ist es wichtig, auf eine Position zurückzufinden, ohne dass man beispielsweise zum Spielball der Konflikte anderer Länder oder deren Innenpolitik wird.

Was muss der Sonderfall Schweiz tun, um in der globalen Welt zu überleben?
Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit und das Geschäftsmodell Schweiz. Es gibt hier keine Bodenschätze, darum wird letztlich alles über das Humankapital entschieden werden und nicht, wie manche glauben, über die Bankeinlagen. Dazu gehört eine sinnvolle Einwanderung, in dem man Spezialisten und dadurch auch Innovation ins Land holt. Zum anderen muss man sich überlegen, ob das Bildungssystem in der existierenden Form noch Sinn macht.

Was sollte bei der Bildung geändert werden?
Im Gesundheitswesen sind viele Ausländer tätig. Hier und in anderen Bereichen muss man sich überlegen, welche Qualifikation es braucht, um wettbewerbsfähig zu bleiben und was dies für die Ausbildung in den Schulen bedeutet. Dabei stellt sich die Frage, was brauchen Kinder, die jetzt auf die Welt kommen, in 15 bis 20 Jahren?

Was für Qualitäten brauchen sie?
Die kommenden Märkte kommen aus dem asiatischen Raum. Das wird eine ganz andere Welt sein, in der China, Indien und andere Länder eine viel grössere Rolle spielen werden. Die Schweiz muss da ihr System öffnen und das Verständnis für die Partner der Zukunft wecken. Kinder, die heute geboren werden, müssen deshalb die Gelegenheit bekommen, Chinesisch in den Schulen und Universitäten zu lernen. Sonst verläuft der neue Röstigraben zwischen der Schweiz und China. (Lacht.)

Wie stellen Sie sich das vor?
In Bezug auf China sollte man in den Schulen Mandarin als Sprache anbieten. Dazu sollte an einem zentralen Ort wie Zürich oder Basel ein Campus einer chinesischen Universität gebaut werden. Wer bei diesen Entwicklungen zu spät kommt, bestraft die Geschichte.

Wie geht Ihr Tag noch weiter?
Da wir auch ein deutsch-türkisches Familien-Unternehmen sind, fliege ich geschäftlich in die Türkei. Dort liegt momentan der grösste Wachstumsmarkt direkt an den Toren Europas.

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