Finn ist am liebsten den ganzen Tag draussen, er rennt viel, spielt im Sandkasten und baut zu Hause Lego. Und doch hat der Vierjährige ein – amtlich bescheinigtes – Problem: Er sitzt nicht gern still, malt und bastelt nicht gern. Das hat Finns Spielgruppenleiterin seiner Mutter gesagt. Und gleich eine Psychomotorik-Therapie vorgeschlagen.

Wie Finn geht es derzeit vielen Kleinkindern. Weil Fachleute ihr Augenmerk verstärkt auf die Jüngsten richten, nimmt die Zahl der Babys und bis 4-Jährigen, die Therapien wie Logopädie oder Psychomotorik machen, stetig zu. Die Folge: Therapieplätze sind Mangelware, Wartezeiten von 6 Monaten die Regel.

Mittlerweile schult der Schweizerischen Verband der Psychomotoriktherapeutinnen und -therapeuten sogar Spielgruppenleiterinnen und Personal in Kinderkrippen: «Wir sensibilisieren ganz konkret auf die psychomotorische Entwicklung und zeigen Möglichkeiten, wie man bei auftauchenden Schwierigkeiten bei Kindern handeln kann», sagt Co-Präsidentin Gabriela Trinkler.

Wie ein Fragebogen des Heilpädagogischen Diensts St.Gallen-Glarus zeigt, muss ein Kind mit drei Jahren etwa Folgendes können: «Es bastelt gerne», «Es knetet problemlos Teig», «Es verhält sich rücksichtsvoll und kompromissbereit gegenüber Erwachsenen» oder «Es hält die Schere mit einer Hand». Bei mehreren Nein wird eine Abklärung empfohlen.

Die Therapie-Offensive bei Kleinkindern hat Methode: Zahlreiche Kantone sind dabei, das Angebot für Kinder im Vorschulalter auszubauen. «Trotz allgemeinen Sparvorhaben schaffen wir vier bis fünf neue Stellen im Kanton für den Vorschulbereich», sagt Kurt Rufer, Abteilungsleiter Individuelle Leistungen im Amt für Volksschule und Kindergarten des Kantons Solothurn. Ab 2012 will der Kanton aktiv auf Säuglingsberater, Sozialdienste, Kitas und Ärzte zugehen. Sie sollen «auffällige und gefährdete Kinder» melden, damit diese therapiert werden können. Rufer: «Wir wollen die Zeit nutzen, bis sie in die Schule kommen.»

In Solothurn rechnet man damit, dass pro Jahr 750 bis 800 Kinder erfasst werden, 2 bis 5 Prozent aller Kinder im Kanton. Anders ausgedrückt: 5 von 100 Kindern entsprechen nicht dem, was die Fachwelt als «normal» definiert. «Die Zunahme an Kindern, die Massnahmen in Anspruch nehmen, hat damit zu tun, dass es weniger Kinder gibt und deshalb jedem Kind grössere Beachtung geschenkt wird», sagt Kurt Rufer. Zudem beobachtet er einen gewissen Übereifer bei den Eltern. Und er sagt: «Viele Kinder beginnen, auf die Reizüberflutung zu reagieren. Unsere Gesellschaft erfordert von ihnen eine immer schnellere Anpassung. So wie Erwachsene Burnouts produzieren, nehmen bei Heranwachsenden Risiken zu.»

Seit diesem Jahr gibt es von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ein standardisiertes Abklärungsverfahren. «Die EDK hat 2007 die Sonderpädagogik neu definiert: Sonderpädagogische Massnahmen sollen nicht nur für Kinder mit Defiziten veranlasst werden, sondern auch für Kinder, die als gefährdet gelten», sagt Christine Luchsinger vom Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. «Derzeit sind wir daran, die Definition der EDK mit unseren gesetzlichen Grundlagen umzusetzen.»

Dass heute schon Kleinkinder Therapiebedarf haben, beobachtet auch der oberste Lehrer der Schweiz. «Immer mehr Kinder treten in den Kindergarten ein, die wenige Regeln kennen und vor allem materiell verwöhnt worden sind», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands. «Unsere Diagnose ist in vielen Fällen: Sämtliche Wahrnehmungsbereiche sind nicht geweckt, wenig gebraucht und geübt worden.» Lernen gelinge aber nur, wenn die Basisfunktionen gut ausgebildet seien. «Je früher Kinder mit Entwicklungsverzögerungen erfasst werden, umso grösser ist die Chance, ihnen einen erfolgreichen Start im Erlernen der Kulturtechniken zu ermöglichen», sagt Zemp. «Deshalb ist abwarten und Tee trinken nicht die richtige Haltung!»

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