VON PETER BURKHARDT UND PATRIK MÜLLER

Pro Jahr kaufen Patienten in den Schweizer Apotheken und Drogerien rezeptfreie Medikamente im Wert von 1,2 Milliarden Franken. Von diesem wachsenden Kuchen will sich die Migros nun ein Stück abschneiden. «Wir fordern, dass man rezeptfreie Medikamente, die heute noch für Drogerien reserviert sind, auch im Detailhandel verkaufen kann», sagt Migros-Chef Herbert Bolliger. Die Migros rechnet mit einem Potenzial «im zweistelligen Millionenbereich».

Die Kunden sollen von deutlich tieferen Preisen profitieren: «In der Schweiz gibt es bei rezeptfreien Medikamenten im Vergleich zum Ausland riesige Preisdifferenzen», sagt Bolliger. «In Deutschland sind solche Arzneimittel bis zu 50 Prozent günstiger. Wenn man die auch in der Schweiz in der Selbstbedienung verkaufen kann, liegt da preislich einiges drin.»

Konkret will die Migros Produkte wie die Kopfwehtabletten Aspirin, das Muskelschmerzmittel Perskindol oder das Multivitaminpräparat Supradyn in ihre Regale stellen. Auch Nieren-Blasen-Tees, Melissengeist und Erkältungsmittel sollen frei verkäuflich sein. «Das sind eindeutig Produkte, die man im Detailhandel ins Gestell legen kann», findet Bolliger. «Perskindol zum Beispiel streicht jeder ein, wenns in der Achsel zuckt. Dafür braucht es keine Beratung.»

Den Zeitpunkt für seine Forderung hat der Migros-Chef geschickt gewählt. Denn das Heilmittelgesetz, das festlegt, wer welche Medikamente verkaufen darf, wird zurzeit überarbeitet. Ende Oktober startete der Bundesrat eine Vernehmlassung. Zudem präsidiert Bolliger ab Januar die mächtige Interessengemeinschaft Detailhandel, der nebst Migros auch Coop, Vögele, Valora, Manor und Denner angehören. Bolliger will sie für sein Anliegen einspannen.

Gegen Medikamente im Supermarkt kündigt der Schweizerische Drogistenverband bereits seinen Widerstand an. Präsident Martin Bangerter fürchtet um die Existenz einzelner Drogerien, aber auch um die Gesundheit der Patienten: «Die Erfahrungen aus den USA, wo viele Medikamente frei erhältlich sind, zeigen, dass die Leute die Arzneimittel zum Teil im falschen Moment oder in der falschen Dosierung anwenden.» Auch die Gesundheitspolitiker Ruth Humbel (CVP, AG) und Roland Borer (SVP, SO) sind dagegen, dass Grossverteiler Medikamente verkaufen.

Unterstützung erhält die Migros von Preisüberwacher Stefan Meierhans. «Grundsätzlich stehe ich dem Anliegen positiv prüfend gegenüber.» Seine Hoffnung: Bei nicht rezeptpflichtigen Medikamenten seien erhebliche Preiseinsparungen möglich. Offen zeigt sich auch Simonetta Sommaruga, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz.

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