Die Pressemitteilung vom 29. Mai warf mehr Fragen als Antworten auf: Darin schrieb die Ruag, ihr Konzernleitungsmitglied Viktor Haefeli, Chef der Division Technology und Leiter des Standorts Altdorf, scheide per Ende Mai aus der Ruag aus. «Viktor Haefeli hat sich entschieden, selbstständiger Unternehmer zu werden», lautete die Begründung. Der Finanzchef übernehme ad interim die Führung von Ruag Technology.

Der wahre Grund von Haefelis übereiltem Abgang ist ein ganz anderer, wie die Recherchen des «Sonntags» zeigen. Nach zwölf Jahren im Kader hatte er vor, das profitable Entsorgungsgeschäft der Ruag in Altdorf zu kaufen. Dieses steht auf der Abschussliste der Konzernleitung. Schon vor zwei Jahren hatte sie verkündet, der Bereich Environment, der auf die Entsorgung von Kühlgeräten und Elektronikschrott spezialisiert ist, gehöre nicht mehr zum Kerngeschäft.

Haefeli habe ein konkretes Kaufangebot gemacht, bestätigt Verwaltungsratspräsident und Interims-Konzernchef Konrad Peter. Dies notabene ohne öffentliche Ausschreibung. Gleichzeitig habe Haefeli die Mehrheitsbeteiligungen der Ruag an den zwei Entsorgungsfirmen Swiss Repair AG und Brings AG übernehmen wollen. «Wir haben das geprüft, aber das Angebot erfüllte nicht unsere Ansprüche», sagt Peter. Unter anderem sei der angebotene Preis zu tief gewesen. Vorerst verbleibe der Bereich bei der Ruag.

Wäre der Deal gelungen, hätte Haefeli von seinem grossen Wissen profitiert. Er selbst hatte das Entsorgungsgeschäft aufgebaut und jahrelang geführt, hatte somit den besten Überblick über die Zahlen. Kadermitglieder von Ruag Technology argwöhnten deshalb, Haefeli habe an den Zahlen geschraubt, um den Kaufpreis zu drücken. «Er stellte die Zahlen schlechter dar, als sie waren, um sich das Entsorgungsgeschäft günstig unter den Nagel zu reissen», sagt ein Beteiligter.

Verwaltungsratspräsident Konrad Peter bestreitet das vehement, sagt aber: «Aus verhandlungstechnischen Gründen legt der Käufer selbstverständlich seinem Angebot tiefere Planrechnungen zugrunde als der Verkäufer. Um einem Interessenkonflikt aus dem Weg zu gehen, haben wir mit Viktor Haefeli die Trennung vereinbart.» Von einer Entlassung will Peter nicht reden, es habe sich um eine einvernehmliche Trennungsvereinbarung gehandelt.

Gleichzeitig mit Haefeli musste der operative Leiter des Entsorgungsgeschäfts in Altdorf das Unternehmen per sofort verlassen. Der Grund lag laut Konrad Peter darin, dass er mit Haefeli zusammenspannte und sich am Management-Buy-out beteiligen wollte.

Intern entbrannte wegen Haefelis Übernahmeplänen ein heftiger Konflikt, der im Herbst an einer Geschäftsleitungssitzung von Ruag Technology eskalierte. Paul Infanger, der Leiter des Standorts Emmen, griff seinen Chef Viktor Haefeli frontal an und warf ihm Unregelmässigkeiten vor. Laut mehreren Quellen unternahm Haefeli danach alles, um Infanger auszubooten. Am 2. Februar teilte Ruag schliesslich mit, Infanger verlasse das Unternehmen per sofort. Dabei liess sie durchblicken, Infanger habe es nicht geschafft, den Flugzeugstrukturbau in Emmen profitabel zu machen.

Nun kam es zu einem eigentlichen Exodus: Alle vier Direktunterstellten von Infanger reichten eine Woche später ihre Kündigung ein, um gegen diese Aussage zu protestieren. «Emmen war sehr wohl profitabel, aber Haefeli hat der Konzernleitung falsche Zahlen übermittelt», sagt ein Insider. Verwaltungsratspräsident Konrad Peter bestreitet das, bestätigt aber die Abgänge. «Es trifft zu, dass der Grossteil der Führungscrew im Strukturbau in Emmen nach dem Weggang des Standortleiters ebenfalls gekündigt hat. Der Grund war die Verbundenheit zum vorherigen Chef.» Das ändere aber nichts daran, dass das Ergebnis im Strukturbau Emmen 2011 inklusive Währungsverschiebungen und Abschreibungen negativ gewesen sei. Teure externe Berater sind nun mit der Leitung der Standorte Emmen und Altdorf betraut.

Viktor Haefeli selbst war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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