Er ist der Stolz von Roche und bald ein neues Wahrzeichen von Basel: der von den einheimischen Stararchitekten Herzog & de Meuron entworfene Büroturm des Pharmakonzerns. Mit 175 Metern und 41 Stockwerken wird er zum höchsten Gebäude der Schweiz. Kostenpunkt: über eine halbe Milliarde Franken. Voraussichtlich in viereinhalb Jahren sind die 2000 Arbeitsplätze hoch über dem Rhein bezugsbereit.

Jetzt wird die Vorfreude getrübt. Arbeitsmarktinspektoren haben zwischen April und Juni bei mehr als einem Dutzend Baustellenkontrollen festgestellt, dass die Mindestlöhne flächendeckend unterschritten wurden. Zudem mussten die Bauarbeiter länger arbeiten als erlaubt. Das bestätigen dem «Sonntag» drei voneinander unabhängige Quellen. «Wir haben den sehr dringenden Verdacht, dass es auf dieser Baustelle zu flächendeckenden Verstössen gegen Mindestlöhne und Arbeitszeitvorschriften gekommen ist», sagt ein Eingeweihter.

Im Zentrum der Untersuchungen steht der zweitgrösste Baukonzern Deutschlands, Bilfinger Berger. Er wird seit Anfang Juli von Roland Koch geführt, dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten des Bundeslandes Hessen. Im Auftrag von Roche errichtet der Bauriese seit März die 22 Meter tiefe Baugrube und die 20 Meter langen Betonpfähle, die den Turm stützen. Diese Arbeiten erledigt der Konzern aber nicht allein. In seinem Auftrag sind mehrere Subunternehmer am Fundamentbau beteiligt, darunter eine polnische Firma.

Gemäss den Kontrollen zahlten die Firmen rund 20 Mitarbeitern während Monaten einen zu tiefen Stundenansatz. Zudem gewährten sie für Samstagsarbeit nur einen Zuschlag von 25 Prozent. Vorgeschrieben sind 50 Prozent. «Insgesamt wurden mehrere zehntausend Franken Lohn zu wenig bezahlt», sagt ein Insider. «Die Arbeiter wurden über einen Zeitraum von vier Monaten um 50000 Franken betrogen», so ein zweiter.

Die beteiligten Unternehmen werden ausserdem verdächtigt, bei der Arbeitszeiterfassung zu betrügen. Fotos zeigen, dass die Mitarbeiter die Baustelle früher betreten und später verlassen haben, als auf der Arbeitszeiterfassung eingetragen ist. Pro Tag wurden Abweichungen zwischen einer halben Stunde und drei Stunden festgestellt. Die zulässige Maximalarbeitszeit wurde somit mehrfach überschritten.

«Es besteht der Verdacht auf Unregelmässigkeiten bei der Arbeitszeiterfassung», sagt Michel Rohrer, Geschäftsführer der Zentralen Paritätischen Kontrollstelle in Liestal, welche die Kontrollen durchführte. Erschwerend kommt hinzu, dass mehrere Mitarbeiter aussagten, dass sie in Süddeutschland, wo sie untergebracht waren, Vorbereitungsarbeiten für die Roche-Baustelle verrichten mussten. Auf der Schweizer Zeiterfassung war das aber nicht aufgeführt.

Bilfinger Berger und den beteiligten Subunternehmen droht nun doppeltes Ungemach. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, wird die paritätische Berufskommission, die für das regionale Baugewerbe zuständig ist, beim Kanton Basel-Stadt eine schweizweit gültige Dienstleistungssperre beantragen. Gemäss einem Insider ist damit zu rechnen, dass die Kommission beim Kanton bis Ende September einen entsprechenden Antrag einreicht. Theodor Häner, Sekretär der Kommission, bestätigt, dass ein juristisches Verfahren läuft.

Auch die Bauherrin Roche kündigt an, nicht tatenlos zuzusehen. Matthias Baltisberger, der Leiter des Roche-Standorts Basel, sagt: «Unser Vertrag mit Bilfinger Berger verpflichtet das Unternehmen und alle seine Subkontrakter, alle Auflagen des Schweizer Gesetzes einzuhalten. Damit sind auch alle für Bilfinger Berger tätigen Subunternehmer in der Pflicht. Wenn eine Verletzung nachgewiesen würde, wäre das ein Vertragsbruch. Dann wäre es möglich, dass wir die Zusammenarbeit mit dem Vertragspartner beenden.»

Bilfinger Berger habe Roche informiert, dass die Kontrollorgane den Verdacht auf Verletzung der Mindestlöhne und Arbeitszeitvorschriften geäussert haben, sagt Baltisberger. Er verspricht: «Wir werden dem nachgehen.» Der Baukonzern selber wollte gegenüber dem «Sonntag» keine Stellung nehmen. Aus der Konzernzentrale in Mannheim verlautete aber, dass eine interne Untersuchung gestartet wurde.

Vorwürfe werden aber auch gegen Roche selbst erhoben. Der Pharmakonzern soll gemäss Aussagen mehrerer Beteiligten die Kontrollen behindert haben. So sei den Inspektoren mehrmals der Zugang zum Baugelände verwehrt worden. Auch wurde ihnen untersagt, Beweisfotos zu machen.

Roche-Manager Baltisberger sagt dazu: «Ich kann mir vorstellen, dass durch die stark regulierte Personenkontrolle spontane, nicht angemeldete Kontrollen nicht möglich waren.» Das habe aber nichts mit einem willentlichen Verwehren einer Kontrolle zu tun, sondern es sei aus Sicherheitsgründen notwendig, dass die Kontrolleure manchmal «eine gewisse Zeit» warten müssen, bis sie das geschlossene Gelände betreten dürfen.

Mehrere Beteiligte werfen Roche zudem vor, sie habe auf politischem Weg versucht, weitere Kontrollen zu verhindern. So habe Matthias Baltisberger im Juli an einer Sitzung bei Regierungsrat Christoph Brutschin interveniert. Baltisberger streitet das rundweg ab. Antonina Stoll, Abteilungsleiterin im Amt für Wirtschaft und Arbeit, bestätigt allerdings, dass er sich über die Häufigkeit der Kontrollen beschwert hatte: «Die Roche-Verantwortlichen ersuchten um massvolle, das heisst verhältnismässige Kontrollen.»

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