Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Beschäftigten kann nächstes Jahr mit mehr Lohn rechnen. Das zeigt die grösste repräsentative Umfrage unter den Schweizer Personalchefs, die der «Schweiz am Sonntag» vorliegt. Demnach planen 72 Prozent aller Unternehmen eine Lohnerhöhung, 28 Prozent eine Nullrunde. Nur eines von 386 befragten Unternehmen will die Löhne senken.

Im Schnitt steigen die Nominallöhne gemäss der Umfrage um 1,2 Prozent. Das ist deutlich mehr als im laufenden Jahr, in dem es nur plus 0,5 Prozent gab. Ausschlaggebend für die Lohnempfänger ist jedoch, wie hoch im kommenden Jahr die Teuerung liegt. Falls diese tatsächlich auf 0,2 Prozent anzieht, wie es die Nationalbank und das Staatssekretariat für Wirtschaft vorhersagen, steigen die Reallöhne um 1,0 Prozent.

Am grosszügigsten bei der Erhöhung ihrer Nominallöhne sind die Pharmafirmen mit 1,8 Prozent und die Chemieindustrie mit 1,5 Prozent, gefolgt von Firmen, die Dienstleistungen für andere Unternehmen erbringen (plus 1,4 Prozent) und der Informatikbranche (plus 1,3 Prozent). Am unteren Ende der Skala liegen das Gastgewerbe und die Hotellerie mit 0,6 Prozent. Hier zeigen sich die Folgen der jahrelangen Tourismuskrise. Unterdurchschnittliche Lohnanpassungen gibt es auch im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich, der Medienbranche, dem Baugewerbe und der öffentlichen Verwaltung mit je 1,0 Prozent.

Im Auftrag der Zürcher, Basler und Berner Gesellschaften für Personalmanagement befragte die St. Galler Beratungsfirma Know.ch die Personalleiter von 1441 Deutschschweizer Firmen. 386 nahmen daran teil. Die alljährlich durchgeführte Umfrage hat sich in den vergangenen Jahren als sehr genaues Prognoseinstrument für das Ergebnis der Lohnverhandlungen erwiesen.

Viele Beschäftigte können nicht nur mit einer Lohnerhöhung rechnen, sondern auch mit indirekten Anpassungen, die faktisch eine Lohnerhöhung bedeuten. Denn 15 Prozent der befragten Firmen planen eine kürzere Arbeitszeit, höhere Lohnnebenleistungen, zusätzliche Freitage oder mehr Ferien. Umgekehrt gibt es bei 3 Prozent der Firmen Anpassungen mit lohnsenkender Wirkung, etwa eine höhere Arbeitszeit, die Streichung freiwilliger Feiertage oder höhere Pensionskassenbeiträge.

Der starke Franken lässt die Hälfte der befragten Unternehmen kalt. Exakt 50 Prozent geben an, bei der Festlegung der Löhne spiele er keine Rolle. Einen starken oder sehr starken Einfluss sehen nur 17 Prozent.

Mehr als 390 000 Beschäftigte haben auf Anfang nächsten Jahres bereits eine Lohnerhöhung in der Tasche. Das zeigt eine erste Zusammenstellung der ausgehandelten Abschlüsse. Auffällig ist, dass mehrere Branchen und Firmen ihre Mindestlöhne überdurchschnittlich erhöhen. Beispielsweise wird im Metallgewerbe oder bei den Dachdeckern und Fassadenbauern die Berufserfahrung stärker gewichtet, was zu einem starken Anstieg der Mindestlöhne führt. Gelernte Coiffeure und Coiffeusen, die zu den tiefstbezahlten Beschäftigten gehören, erhalten ebenfalls eine kräftige Erhöhung ihres Mindestlohns: Dieser steigt von 3400 auf 3600 Franken, was einem Plus von 5,9 Prozent entspricht. Die Post-Pressevertriebsfirma Presto hebt ihren Mindestlohn ebenfalls deutlich an. Davon profitiert jeder dritte der 6900 Mitarbeiter. Auch die Swisscom-Tochtergesellschaft Cablex und die Post-Tochter Swiss Post Solutions zahlen deutlich höhere Mindestlöhne. Für die bisherigen Beschäftigten hat das keine Auswirkungen, da sie alle über dem Mindestlohn liegen. Wechselt aber ein Mitarbeiter, der bisher zu einem tieferen Lohn bei der Konkurrenz arbeitete, zu diesen beiden Unternehmen, profitiert er automatisch von einer Lohnerhöhung.

Schlecht sieht es hingegen für die Angestellten mehrerer Kantone aus. So wurde bei den Budgetdiskussionen in den Kantonen Bern, Freiburg und Neuenburg Druck auf die Löhne im öffentlichen Gesundheitswesen gemacht. Der Kanton Freiburg beschloss zudem ein Sparpaket für das Staatspersonal. Der Stufenanstieg wird nicht gewährt, und der Lohnteil über 39 000 Franken wird um 1,3 Prozent gekürzt.

Die Gewerkschaften sind mit den bisherigen Verhandlungsresultaten halbwegs zufrieden. «Die ersten Abschlüsse zeigen, dass substanzielle Lohnerhöhungen möglich sind», sagt Vania Alleva, Co-Präsidentin der Unia. Arno Kerst, Vizepräsident der Syna, lobt insbesondere die kürzlich bekannt gewordene Erhöhung der Mindestlöhne beim Discounter Lidl. Er erhofft sich davon eine Signalwirkung für die Konkurrenten Migros, Coop und Valora. «Wir nehmen an, dass sie nachziehen müssen.»

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